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Deutschland / Welt Rachefeldzug gegen Ägyptens Christen
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00:15 21.08.2013
Nach der Attacke: Kopten beten in der ausgebrannten St.-Tadros-Kirche in Minia. Quelle: cdl
Kairo

Als die Angreifer kamen, saßen Schulleiterin Manal und ihre Mitschwestern Abeer und Demiana gerade beim Frühstück. Der Mob war überall, brach Türen und Fenster der Franziskanerinnen-Schule in Beni Suef auf, schleppte alles davon – Computer, Projektoren, Schränke, Tische, Stühle. Selbst das Kreuz im Eisengatter zur Straße brachen die Extremisten heraus und ersetzten es mit einer schwarze Flagge, wie sie auch Al Qaida benutzt.

Wenig später brannte das 115 Jahre alte Gebäude lichterloh. Die gesamte Schulbibliothek wurde ein Raub der Flammen. Alles Geld, das für einen Schulneubau angespart worden war, ließen die Täter mitgehen.

Sechs Stunden dauerte der Alptraum für die drei Nonnen und zwei weitere Angestellte, die auch während der Ferien auf dem Schulgelände waren. Am Ende hätten die johlenden Angreifer sie und ihre beiden Mitschwestern wie Kriegsgefangene durch die Straßen paradiert, beschimpft und bedroht, berichtete Schulleiterin Manal später. Durch Zufall seien sie von einer muslimischen Frau gerettet worden, einer ehemaligen Lehrerin, deren Mann Polizist ist. Auch die beiden anderen Frauen hätten schließlich den Fängen des Mobs entkommen können, aber vorher seien sie auf offener Straße sexuell misshandelt worden. „Es war der schiere Horror.“

Ägyptens Christen sind einem beispiellosen Rachefeldzug ausgesetzt. Seit der gewaltsamen Räumung der Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo am vergangenen Mittwoch mit über 600 Toten und 4000 Verletzten machen islamistische Radikale die Christen im Lande zum Sündenbock.

63 Kirchen sind in den letzten fünf Tagen angezündet und geplündert worden. Fünf katholische Schulen in Minia, Suez und Assiut brannten bis auf die Grundmauern ab. In Suez und Assiut wurden zwei Klöster zerstört, in Minia ist ein kirchliches Waisenhaus kaum noch bewohnbar. Auch in Kairo wurde nach Informationen von „Al Dschasira“ der Konvent der Franziskanerinnen im Stadtzentrum attackiert. In Alexandria lynchte der Mob auf offener Straße einen koptischen Taxifahrer, der mit seinem Wagen aus Versehen in eine Demonstration der Muslimbrüder hineingeraten war. Sieben Christen kamen bisher ums Leben, mehr als  1000 wurden verletzt, 17 entführt. Eine Liste der katholischen Kirchenleitung in Kairo nennt geplünderte 58 Wohnhäuser, 85 Geschäfte und 16 Apotheken. Drei Hotels in Luxor, die Kopten gehören, wurden angezündet. Die Opfer berichten, dass die Angreifer dabei Pro-Mursi-Hymnen sangen und grüne Stirnbänder mit der Aufschrift „Muslimbrüder“ trugen.

nd so breitet sich unter den Christen Angst aus. Sie fürchten die blinde Wut islamistischer Extremisten, die die koptische Minderheit mitverantwortlich machen für den Sturz von Präsident Mohammed Mursi, einem Muslimbruder. Denn Papst Tawadros II. hatte am 3. Juli bei einer Rede von General Abdel Fattah al-Sisi mit auf der Bühne gesessen. Der bei Mursi-Anhängern verhasste Armeechef ist verantwortlich für das brutale Vorgehen der Militärs gegen die Muslimbrüder, die für die Wiedereinsetzung des gestürzten Präsidenten demonstrieren. Am Wochenende bekräftigten die koptischen Kirchenführer ausdrücklich ihre Unterstützung für den Kampf von Polizei und Armee gegen „bewaffnete gewalttätige Gruppen und schwarzen Terrorismus“.

Seit Jahrzehnten klagen die ägyptischen Kopten, die zu den ältesten christlichen Gemeinschaften des Orients gehören, über Diskriminierung und religiös motivierte Gewalt. Auch unter Hosni Mubarak und der ersten Militärherrschaft nach seinem Sturz gab es schwere Übergriffe. In der Neujahrsnacht 2011, sechs Wochen vor dem Sturz Mubaraks, riss ein Selbstmordattentäter vor der Kirche der Zwei Heiligen in Alexandria 25 Beter mit in den Tod. Während der Amtszeit von Mohammed Mursi wurde sogar die Markus-Kathedrale in Kairo, wo der Papst seinen Sitz hat, über mehrere Stunden von bewaffneten Extremisten beschossen.

Verworren wird das Bild aber auch durch solche Aktionen: Im Oktober 2011 fuhren Soldaten nach einer Demonstration von Christen mit gepanzerten Fahrzeugen in die Menge und walzten zwei Dutzend Kopten zu Tode. In einem Fernsehinterview sagte ein Kirchenfunktionär aus Minia jetzt, dass Angriffe auf alle Kirchen im Ort am Mittwoch genau zur selben Zeit nach demselben Muster abliefen. Die Kopten baten die Polizei um Hilfe, aber an keiner der überfallenen Kirchen habe sich die Polizei blicken lassen, bis zum Schluss nicht.

„Die meisten Gläubigen haben schreckliche Angst, niemand wagt sich mehr aus dem Haus“, berichtet ein junger Ingenieur aus Sohag. Die Angreifer wüssten genau, wo die Kopten lebten. Denn hier und anderswo beginnen die Islamisten inzwischen, alle Häuser und Geschäfte zu markieren – ein rotes X für Muslim, ein schwarzes X für Christ.

Martin Gehlen

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