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Deutschland / Welt Früher in den Ruhestand?
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12:16 12.02.2015
Von Gabi Stief
Früher in den Ruhestand – und das mit guter Rente: Rentner im Urlaub an der Nordsee. Quelle: dpa
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Berlin

Er ist früh gestartet. Als viele seiner Kumpels noch für die Schule büffelten, stand Randolf Rauls bereits an der Blechpresse und lernte, Werkstücke zu falzen, zu nieten oder zu verschrauben. Er war 15 Jahre alt, als er seine Blechschlosserlehre in einem Braunschweiger Betrieb antrat. Heute ist er 61 Jahre und hofft, dass in Berlin demnächst Schwarz-Rot regiert. Sollte es mit der Großen Koalition klappen, kann Rauls in zwei Jahren in Rente gehen, ohne lebenslange Abzüge. Er ist gesundheitlich schon etwas angeschlagen. Seit Langem plagt ihn eine Hautkrankheit; seit Kurzem ist er schwerhörig, beruflich bedingt.

Finanziell muss er sich nicht groß sorgen. Rauls hat nicht nur 46 Jahre lang Beiträge gezahlt; er hat auch immer gut verdient. Seine gesetzliche Rente kann sich sehen lassen: 1750 Euro stehen ihm zu; 500 Euro mehr als dem Eckrentner.

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Rauls war nur einmal arbeitslos. Als sein Betrieb Anfang der siebziger Jahre an ein Schweizer Unternehmen verkauft wurde, musste er sich was Neues suchen. Damals konnte er zwischen drei, vier Angeboten wählen. Nach vier Monaten hatte er wieder Arbeit. „Blechschlosser wurden gesucht“, erzählt Rauls. „Das waren noch gute Zeiten.“

Auch Hubertus Dieh, Jahrgang 1956 und gelernter Kfz-Mechaniker, würde gern mit 63 Jahren den Ruhestand genießen. „Es wird immer schwerer, die hochmodernen Autos zu zerlegen“, sagt er. „Man muss heute eigentlich Elektro-Ingenieur sein, um noch mithalten zu können.“ Dieh hat mit 16 Jahren die Ausbildung begonnen. Mit 25 Jahren hat er seinen Meister gemacht. 13 Jahre lang war er Werkstattleiter, bevor er jetzt Betriebsrat wurde. In vier Jahren hat er seine 45 Beitragsjahre voll. Seine Rente wird bei 1680 Euro liegen; 115 Euro (7,2 Prozent) würden ihm monatlich abgezogen, wenn er mit 63 Jahren die gesetzlichen Abschläge zahlen müsste. Die geplante 63er Regelung, sagt Dieh, sei wirklich eine gute Sache. Für viele in seinem Betrieb.

Randolf Rauls und Hubertus Dieh sind keine Ausnahmen, eher der Normalfall. SPD-Parteichef Sigmar Gabriel betont zwar gern, dass von den Koalitionsplänen vor allem die „kleinen Leute“ profitieren. Wenn es um die Rente mit 63 geht, kann damit nicht der „kleine“ Rentner gemeint sein. Herbert Rische, Präsident der Deutschen Rentenversicherung, stellte kürzlich fest, dass überwiegend Versicherte mit relativ hohen Rentenansprüchen die Voraussetzung von 45 Beitragsjahren erfüllen. Es sind vor allem Industrie-Facharbeiter und Mitarbeiter des öffentlichen Diensts, die bereits mit 17 oder 18 Jahren an der Werkbank oder im Büro saßen. Nur die berufliche Ausbildung, nicht das Studium, zählt für die Beitragsjahre.

Doch wie viele werden das neue Frühverrentungsmodell nutzen? 2012 galt erstmals eine vergleichbare Regelung, die langjährig Versicherten einen abschlagsfreien Ausstieg mit 65 Jahren garantiert. 12 300 nahmen das Angebot an, das ihnen – im Startjahr der Rente mit 67 – eine Verlängerung des Arbeitslebens von einem Monat ersparte. 86 Prozent waren Männer. Ihre Rente lag bei durchschnittlich 1465 Euro, die der wenigen Frauen bei 1100 Euro.

Die geplante Herabsetzung des Ausstiegsmodells auf 63 Jahre dürfte die Attraktivität auf einen Schlag steigern. Kritiker wie der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan fürchten schon eine neue Frühverrentungswelle. Nach Berechnungen des Bundessozialministeriums erfüllt heute jeder zweite männliche Neurentner im Alter von 63 bis 65 Jahren die Voraussetzungen. Bei den Frauen ist es nur jede siebte. Im Jahr 2011 waren es insgesamt rund 116 000 Neurentner, die 45 Jahre lang Beiträge gezahlt haben.

Und die Kosten? Die Rentenversicherung schätzt die Rechnung fürs nächste Jahr auf 800 Millionen Euro. Im Jahr 2030 könnten es vier Milliarden Euro sein. „Ein sehr kostspieliges Wahlgeschenk“, schimpft Präsident Rische.

Aber Prognosen sind schwierig – auch weil viele Details noch unklar sind. Frauen dürften kaum profitieren. Während derzeit pro Kind zehn Jahre auf dem Rentenkonto vermerkt werden, sollen nur noch drei, beziehungsweise zwei Jahre für die Erziehung eines Kindes angerechnet werden. Dagegen soll Arbeitslosigkeit – anders als bei der derzeitigen Regelung – als Beitragszeit gelten, maximal fünf Jahre. Zudem wollen die künftigen Koalitionspartner das Ausstiegsalter 63 „schrittweise auf das vollendete 65. Lebensjahr anheben“, analog zur Rente mit 67, die erst im Jahr 2029 erreicht wird.

Marion B. könnte Pech haben. Die 61-Jährige hat 45 Jahre lang Beiträge gezahlt. 40 Jahre davon hat sie in der Altenpflege gearbeitet. Heute schmerzen die Knie, die Schulter; der Rücken macht nicht mehr mit. Ihre gesetzliche Rente wird bei etwa 1000 Euro liegen. Im Mai wechselt sie aus der Altersteilzeit in die vorgezogene Rente – zwei Monate, bevor das Gesetz vermutlich in Kraft tritt; ein Jahr bevor sie 63 Jahre alt wird.

Hubertus Dieh ist übrigens SPD-Mitglied. Am Dienstag hat er seinen Stimmzettel zum Koalitionsvertrag abgeschickt. Er habe lange mit sich gerungen, sagt er. Am Ende seien drei Dinge entscheidend gewesen: die Rente mit 63, der Mindestlohn und die Einschränkung der Leiharbeit. „Das kann man nicht ablehnen.“