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Deutschland / Welt Rohstoffreichtum schützt nicht mehr vor wachsender Armut
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20:19 10.03.2009
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Wachsende Armut: Die Entwicklungsländer sind am stärksten von der Krise betroffen. Quelle: afp
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Die internationale Wirtschaftskrise droht die mühsam errungenen Entwicklungsfortschritte in Afrika zunichtezumachen. Obwohl der Kontinent nur wenige finanzielle Verflechtungen mit dem Rest der Welt habe, sei er keineswegs immun gegen die Krise, warnte der Vizechef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Takatoshi Kato, schon beim jüngsten Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Addis Abeba. Dies wird nun von einem Lagebericht der Weltbank bestätigt, der bei einem Krisentreffen der Finanzminister und Zentralbankchefs der G-20-Staaten präsentiert werden soll.

Befürchtet wird, dass die Entwicklungsländer am stärksten von der Krise getroffen werden, weil vor allem die ärmsten Länder keine Ressourcen haben, die sozialen Folgen der Krise abzufangen und ein Ansteigen der Armut zu verhindern. Erschwerend kommt in Afrika hinzu, dass sich chinesische Investoren angesichts des sinkenden Rohstoffhungers ihres Landes nun aus Afrika zurückziehen.

Die weltweite Rezession und sinkende Rohstoffpreise haben das Wachstum in Afrika bereits drastisch einbrechen lassen. Der IWF hatte schon Ende Januar seine Prognose deutlich nach unten korrigiert und geht für dieses Jahr nur noch von etwa drei Prozent Plus in den Staaten südlich der Sahara aus. In den vorangegangenen drei Jahren war Afrikas Wirtschaft noch jeweils mit knapp sechs Prozent doppelt so stark gewachsen. Doch selbst die jüngsten Zahlen scheinen im gegenwärtigen Umfeld viel zu optimistisch zu sein. Ein Beispiel dafür ist Südafrika, dessen Wirtschaft im letzten Quartal des Jahres 2008 um 1,8 Prozent schrumpfte – der erste Rückgang in mehr als zehn Jahren.

Vor allem der Rückgang der Rohstoffpreise, die laut IWF dieses Jahr mindestens ein Drittel niedriger ausfallen werden als 2008, trifft die Entwicklungsländer südlich der Sahara hart. Und das vor allem, weil sie die zurückliegenden Boomjahre nicht genutzt haben, um ihre Ökonomien auf eine breitere Basis zu stellen. Viele Staaten sind nach wie vor vom Export eines einzigen Rohstoffs abhängig. Symptomatisch dafür steht der Kongo, der, genau wie sein Nachbar Sambia, überwiegend von Kupferausfuhr lebt.

Nachdem das Pro-Kopf-Einkommen des Landes in den drei Jahrzehnten der Diktatur von Mobutu Sese Seko von 1965 bis 1997 um zwei Drittel auf nur noch 120 US-Dollar im Jahr gefallen war, hatte der jüngste Rohstoffboom vor allem der Bergbauprovinz Katanga im Südosten einen unverhofften Aufschwung beschert. Doch seit dem Einbruch der Kupfer- und Kobaltpreise befindet sich die Region im freien Fall. Allein in den jüngsten drei Monaten haben mehr als 60 chinesische Bergbaufirmen Katanga verlassen. Auch aus dem nahegelegenen sambischen Kupfergürtel sind mehr als 100 chinesische Kleinunternehmer abgezogen.

China hatte sich in den vergangenen Jahren verstärkt auf dem Schwarzen Kontinent engagiert und sich dadurch den Zugriff auf Rohstoffe und Ölvorkommen gesichert. Immer wieder musste sich Chinas Führung Kritik aus dem Westen gefallen lassen, weil seine Regierung dabei auch Geschäfte mit Ländern wie dem Sudan machte, wo Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Doch der Exodus aus dem Kongo und Sambia zeigt, dass Chinas Präsenz in Afrika weniger dauerhaft und strategisch ist als viele Beobachter zunächst dachten.

Allerdings ist das Bild gemischt: David Shinn, früherer US-Botschafter in Äthiopien, ist überzeugt, dass China langfristig denkt und sich noch immer Rohstoffquellen sichern möchte. „Sie werden diese Strategie jetzt nicht einfach umkehren“, sagt er. Ein Indiz dafür ist die Reise des chinesischen Staats- und Parteichefs Hu Jintao durch Teile von West- und Ostafrika im Februar. Anders als bei seiner Visite 2007 standen diesmal keine Länder auf dem Reiseplan, in denen China größere Rohstoff- und Handelsinteressen verfolgt.

Ein plötzlicher Rückzug wäre schon deshalb überraschend, weil sich das Handelsvolumen zwischen China und Afrika in den vergangenen acht Jahren auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar verzehnfacht hat. Die Folgen der einbrechenden Exporte sind vor allem für den Kongo gravierend, weil die Rohstoffeinnahmen aus Katanga zuletzt rund die Hälfte des Staatshaushaltes ausmachten. In Sambia ist die Lage ähnlich dramatisch: Nachdem der Binnenstaat seine Kupferproduktion seit 1999 von 200 000 auf 600 000 Tonnen hochfahren konnte, schließen nun viele Minen wegen hoher Förderkosten und niedriger Weltmarktpreise. Zeitgleich ist der Wert der lokalen Kwacha-Währung in nur drei Monaten um mehr als 75 Prozent gefallen – mit katastrophalen Folgen für den Staatshaushalt der früheren britischen Kolonie.

Afrika zahlt nun den Preis dafür, dass es sich auf einen vermeintlichen „Super-Zyklus“ mit dauerhaft hohen Rohstoffpreisen verlassen hat. Deshalb müssen wohl wieder IWF und Weltbank den bedrängten Ländern zur Seite springen: Die internationale Gemeinschaft habe die Pflicht, so mahnte IWF-Vize Kato schon, die in Afrika im vergangenen Jahrzehnt erreichten Fortschritte zu sichern.

von Wolfgang Drechsler