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Deutschland / Welt Tiefe Kluft zwischen Bosniern und Serben
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18:06 28.06.2014
In Sarajevo wird am 100. Jahrestag an das Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand erinnert. Quelle: dpa
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Sarajevo

Der muslimische Spitzenpolitiker Bakir Izetbegovic soll nach dem Willen der serbischen Landeshälfte nie mehr diesen Teil von Bosnien-Herzegowina besuchen. Izetbegovic beschimpft den Präsidenten dieses Landesteils, Milorad Dodik, deshalb als Rassisten. Beide verfeindeten Völker begehen den 100. Jahrestag der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand getrennt: die muslimischen Bosnier in Sarajevo, die orthodoxen Serben in der Touristenstadt Andricgrad.

Die Bosnier haben am wiederaufgebauten Rathaus eine Tafel angebracht, auf der «serbische Kriminelle“ für seine Zerstörung im Krieg verantwortlich gemacht werden. Die Serben antworten mit einer Gedenktafel für ihren einstigen Oberbefehlshaber Ratko Mladic, der sich zur Zeit vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Missetaten rechtfertigen muss.

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Die Bosnier lassen die in Beton gegossenen Fußabdrücke des serbischen Attentäters Gavrilo Princip verschwinden und nennen die Princip-Brücke jetzt wieder Lateinerbrücke. Die Serben errichten am Vorabend des Jahrestages in dem von ihnen kontrollierten Ost-Sarajevo ihrem Volkshelden ein Bronzedenkmal.

Für die Bosnier ist Princip ein Terrorist und das damalige Serbien mit dem heutigen Iran vergleichbar. Sie ziehen eine direkte Linie von damals über die serbische Dominanz im Vielvölkerstaat Jugoslawien bis zum Bürgerkrieg (1992-1995) mit 100.000 Toten, an dem einzig und allein der „serbische Aggressor“ Schuld trage. Das Motto der serbischen Spitzenpolitiker am Jahrestag: Auf der Grundlage des Patrioten Princip wollen wir uns von Bosnien abspalten, um uns mit dem benachbarten Mutterland Serbien zu vereinen.

Vor diesem Hintergrund sind in den vergangenen beiden Jahrzehnten alle Versuche der USA und der EU gescheitert, Serben und Bosnier doch noch näherzubringen. Während die Serben immer wieder mit einem Referendum über ihre Abspaltung drohen, beklagen Washington und Brüssel die Tatenlosigkeit und Korruption der muslimischen Politiker. Zuletzt hatte es im Februar soziale Unruhen gegeben, bei denen Regierungsgebäude in Brand gesteckt worden waren. Wie es auch nur halbwegs erfolgversprechend weitergehen könnte, weiß trotz vieler Milliarden Finanzhilfen und einem Heer ausländischer Experten und Diplomaten niemand.

dpa