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Deutschland / Welt „Sauerland-Gruppe“ hatte keine Vorgaben für geplanten Anschlag
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Sauerland-Gruppe“ hatte keine Vorgaben für geplanten Anschlag
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16:55 26.08.2009
Adem Y., einer der Hauptakteure der sogenannten „Sauerland-Gruppe“. Quelle: Lennart Preiss/ddp (Archiv)
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Dies geht aus einem Vernehmungsprotokoll von Y. hervor, das am Mittwoch im Prozess gegen die vier mutmaßlichen Terroristen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf verlesen wurde. Demnach war den beiden bei ihrem Aufenthalt in einem Ausbildungslager der Islamischen Dschihad-Union (IJU) in Pakistan im Jahr 2006 nur aufgetragen worden, einen Anschlag in Europa zu verüben.

„Damit hatte ich nicht gerechnet“, sagte Y. laut Protokoll. Nach dem Willen des usbekischen Ausbildungscamp-Leiters sollten die beiden dabei ähnlich wie bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA vorgehen. Nach eigener Aussage stand der 30-Jährige dem Auftrag zunächst skeptisch gegenüber, auch weil er lieber in Tschetschenien den „Heiligen Krieg“ kämpfen wollte. „So etwas wie den 11. September hätten wir wahrscheinlich außerdem nicht geschafft“, sagte Y. am Mittwoch vor Gericht.

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G. und er hätten zunächst keine konkreten Ideen zur Umsetzung gehabt, dann aber Anschläge auf mindestens drei von US-Amerikanern besuchte Diskotheken in Deutschland geplant. Adem Y. rechnete dabei nach eigenen Angaben mit rund 150 Opfern. Der Anschlag habe in erster Linie den in Deutschland lebenden Amerikanern gelten sollen.

Allerdings habe die Gruppe nicht wirklich über die möglichen Auswirkungen nachgedacht, räumte Y. vor Gericht ein. Unter den Opfern hätten auch Deutsche, Türken und Kinder sein können. Das wäre „nicht gut gewesen für den Islam“, sagte Y.. Bei Gelingen seien auch weitere Anschläge auf die Flughäfen Ramstein oder Frankfurt am Main angedacht gewesen. Die IJU-Führung habe auch von einem Anschlag auf die usbekische Botschaft gesprochen. Die IJU habe Fritz G. zum Leiter der Operation bestimmt.

Laut Anklage hatten sich die vier Mitglieder der „Sauerland-Gruppe“ für die geplanten Sprengstoffanschläge zwölf Fässer mit Chemikalien beschafft und in einer Ferienwohnung im sauerländischen Medebach-Oberschledorn damit begonnen, daraus Wasserstoffperoxid herzustellen. Am 4. September 2007 wurden sie dort festgenommen.

Ursprünglich waren G. und Y. in das Ausbildungscamp in der nordwestlichen Grenzregion zu Afghanistan gereist, um von dort aus in den „Heiligen Krieg“ nach Tschetschenien zu ziehen. Nach Ansicht von Y. war die dortige zweimonatige Terrorausbildung in großen Teilen „nicht hilfreich“. Er habe in den „Heiligen Krieg“ gegen die Amerikaner ziehen wollen, alles andere sei ihm „egal“ gewesen, sagte der 30-Jährige.

Auch habe er nicht gewusst, wer das Lager an der Grenze zu Afghanistan geleitet habe: „Welche Gruppe dahinter steckt, war mir egal“. Auch Fritz G. hatte am Dienstag ausgesagt, ihm sei erst später bekanntgeworden, dass es sich bei der Gruppe um die IJU gehandelt habe. Y. hatte der Gruppierung allerdings nach eigenen Angaben in Pakistan einen Treueeid geleistet, dem er sich heute noch verbunden fühlt.

Der theoretische Unterricht im Camp, in dem unter anderem um Tipps für ein unauffälliges Verhalten ging, sei ihm oftmals „kindisch“ vorgekommen, sagte Y. vor Gericht. Obwohl ihm die Natur in Pakistan sehr gut gefallen habe und er sich auch gut mit den anderen Mitgliedern der Gruppe verstanden habe, würde er die zweimonatige Ausbildung im Nachhinein schon als „vertane Zeit“ bezeichnen, sagte er auf Nachfrage von Bundesanwalt Volker Brinkmann.

Praxisnah sei allerdings die Ausbildung im Bombenbau gewesen. Laut seiner Aussage durfte Y. dabei auch selbst Sprengstoffe herstellen und Sprengübungen in der freien Natur durchführen. Besonders gefallen habe ihm dabei das Wasserstoffperoxid, sagte Y. Dies sei einfach herzustellen und habe eine starke Sprengwirkung. Schnell habe daher festgestanden, dass die Gruppe die Chemikalie für ihre Pläne verwenden werde.

ddp

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