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Deutschland / Welt Schröder und das deutsch-russische Wunder
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Schröder und das deutsch-russische Wunder
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20:41 15.01.2010
Von Stefan Koch
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Wenn Gerhard Schröder über deutsch-russische Beziehungen spricht, zählt für ihn nicht allein das Hier und Jetzt. Das Besondere zwischen den beiden Staaten sei die langfristige Entwicklung. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs sei es ein Wunder, dass das Verhältnis zwischen den beiden Ländern heute so gut sei. Diesem Wunder fühle er sich verpflichtet – auch fünf Jahre nach seiner Kanzlerschaft.

Wer sich so grundsätzlich und so weit weg von der Tagespolitik über Berlin und Moskau Gedanken macht, darf sich der Gunst russischer Zuhörer sicher sein. Sie, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 20 turbulente und zum Teil schlimme Jahre erlebt haben, fühlen sich dann angenommen und besser verstanden als von all denjenigen, die nur über die Schwierigkeiten der Gegenwart klagen. Und das gilt auch für ganz junge russische Politiker, denen die Sowjetunion eher aus dem Geschichtsunterricht vertraut ist als aus persönlichem Erleben. Schröder ließ sich in dieser Woche in Hannover viel Zeit, um mit einem Dutzend Abgeordneter des obersten russischen Parlaments zu diskutieren, die das Ende der Herrschaft von Hammer und Sichel in ihrer Schul- oder Vorschulzeit erlebt haben. Für die neue Generation im Moskauer Kreml ist Schröder nicht irgendein Politiker. „Bei uns genießt er Kultstatus“, bekennt Sergej Belokonew freimütig, der mit 32 Jahren eine Art Senior dieser Delegation ist.

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Belokonew erzählt, er sei politisch im „Putin-Jahrzehnt“ aufgewachsen. Also in der Ära, als Wladimir Putin zunächst als Ministerpräsident, dann als Präsident und nunmehr wieder als Ministerpräsident seiner Heimat eine neue Staatlichkeit gab und dem Chaos der neunziger Jahre ein Ende setzte.

Putin tat dies bekanntlich mit harter Hand, aber auch aus Sicht der jüngeren russischen Elite gab es dazu keine Alternative. Der Duma-Abgeordnete Belokonew kommt schnell darauf zu sprechen, wie sehr sich Russland in diesem Punkt vom Ausland falsch verstanden fühle. Der einstige deutsche Kanzler indessen zähle zu den wenigen Politikern im Westen, die versuchten, Russland tatsächlich zu verstehen. Mit diesen Befindlichkeiten umzugehen und den richtigen Ton zu treffen – darin zeigt sich Schröder geübt. Der frühere SPD-Chef schlägt einen Bogen bis tief ins 19. Jahrhundert, um die Wechselfälle der russischen Geschichte aufzuzeigen und um dafür zu werben, dem größten Land der Erde für seine eigene Entwicklung „mehr Zeit zu lassen“. Es scheint zuweilen, als wolle er am Rande auch den wenigen Deutschen im Publikum etwas Nachhilfeunterricht erteilen. Die Gäste aus Moskau jedenfalls sind dankbar für das Verständnis von prominenter Stelle. Der Mann, der sich so eloquent und gut gelaunt in ihren Reihen zu bewegen weiß, gilt ihnen als feste Stütze auf einem ansonsten glatten diplomatischen Parkett.

Schröder umschifft die Ereignisse der zwei zurückliegenden Jahre, in denen sich die europäisch-russischen Gespräche außerordentlich schwierig gestalteten, weil der russisch-ukrainische Gasstreit die Stimmung eintrübte und der georgisch-russische Krieg alte Ängste im Westen wachrief. Stattdessen zieht es der Altkanzler vor, die langfristigen weltweiten Entwicklungen zu skizzieren – und daran zu erinnern, wie sehr der chinesische Einfluss in Zukunft wächst.

Es scheint, als wolle Schröder Deutschen und Russen gleichermaßen die Augen öffnen: Anstatt sich im Klein-Klein von Nachbarschaftsstreitigkeiten zu verlieren, müssten Europa und Russland zusammenrücken. In naher Zukunft gelte vor allem eines: Größe.

Wie sehr der Alte Kontinent bereits an Einfluss verliere, wenn er keine gemeinsame Sprache finde, habe sich erst kürzlich bei der Klimakonferenz in Kopen­hagen gezeigt. Dort hätten die einzelnen europäischen Nationen keine größere Rolle mehr gespielt, die Debatte sei von den USA und China dominiert worden. „Wenn wir im Konzert der Großen noch Gehör finden wollen, müssen wir uns auf unsere Gemeinsamkeiten besinnen“, hebt Schröder hervor. Ob diese Erkenntnis von der jungen Garde in Moskau geteilt wird? Im Gespräch mit den Abgeordneten, die zwischen 25 und 35 Jahre alt sind, fällt auf, wie präsent in ihrer Erinnerung die neunziger Jahre sind. Was im Westen als demokratischer Aufbruch interpretiert wird, haben viele von ihnen als Chaos empfunden, in dem sich jeder selbst der Nächste war. Die Zeit, in der unzählige Rentner hungerten und die Generation ihrer Eltern ihre Jobs und ihr Selbstbewusstsein verloren. „Diese Erlebnisse haben sich ins Gedächtnis eingegraben“, sagt eine junge Abgeordnete.

Für Schröder gehört zur Stabilisierung Russlands eine auf Dauer angelegte bessere Beziehung des Landes zum Westen. Schröders neuer Job, den Bau der Ostseepipeline von Russland nach Deutschland voranzutreiben, erscheint ihm vor diesem Hintergrund als Mosaikstein in einem großen Bild. Der Vorwurf, er sei nur der Lobbyist seines Duzfreundes Putin, perlt an ihm ab. Dem früheren Kanzler geht es in Deutschland ähnlich wie dem ehemaligen KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow auf russischer Seite: Beiden wird im eigenen Land von Kritikern vorgehalten, sich sehr weit auf das Interesse der anderen Seite eingelassen zu haben – zugleich aber fliegen Gorbatschow in Deutschland und Schröder in Russland die Herzen zu. Bis heute tragen beide dazu bei, dieses Phänomen nutzbar zu machen im Interesse beider Staaten. Schon mehr als einmal hat Merkel diskret Schröder und Putin diskret Gorbatschow um Rat und Einschätzungen gebeten.

Jung, gebildet, patriotisch
Sie sind jung, sie sind besser ausgebildet als alle anderen Generationen von Russen vor ihnen – und sie sind bekennende Patrioten: In der Duma betritt eine neue Generation von Abgeordneten die Bühne. Im Vergleich zu ihren älteren Parlamentskollegen zeichnen sich die 25- bis 40-Jährigen durch einen hohen akademischen Ausbildungsgrad aus. Viele können Fremdsprachen – Englisch vorneweg – und haben in europäischen Metropolen oder in den USA studiert.

Doch auch wenn das Bewusstsein dieser neuen Elite in Moskau heute globaler ist denn je, verläuft ihr Denken vor allem in den Bahnen des eigenen Nationalstaats: Russland soll vorangebracht, gestärkt und zu neuem Selbstbewusstsein geführt werden. Kennzeichnend für viele russische Nachwuchspolitiker ist zudem das Bekenntnis zu einer komplett zentralisierten Staatsstruktur. Im Gegensatz zu den Trends der neunziger Jahre gilt den jungen Politikern von heute eine Stärkung der Regionen zulasten der Zentralregierung in Moskau als Fehlentwicklung. Über die Frage, wer die Macht ausübt im Staate Russland, soll es keinerlei Missverständnisse geben.

Im Jahr 2007 wurde im Wahlprogramm der Kremlpartei „Einiges RusslandWladimir Putin zum „Nationalen Führer“ ausgerufen – eine Formulierung, die auch heute noch unter den Abgeordneten weit verbreitet ist. So hält Pawel Tarakanow von der Liberal-Demokratischen Partei seine Heimat für eine „große Macht“: „Das war so und wird auch so bleiben, die Geschichte hat das vorbestimmt.“ Russland solle ein Land sein „mit einer innovativen Wirtschaft ohne zerstörerische Monopole“ und „eine geeinte Gesellschaft von Patrioten“.