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Deutschland / Welt Senioren bekommen zu viele Pillen und zu wenig Reha
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22:03 14.12.2010
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Demnach bekommen Ältere zu viele Medikamente, aber zu selten Reha-Kuren verordnet; allzu häufig wird ihnen eine notwendige psychotherapeutische Behandlung vorenthalten. Bereits heute komme es vielfach zu einer „verdeckten Altersdiskriminierung“ in der gesundheitlichen Versorgungspraxis, schreiben die Wissenschaftler.

Auf „altersdiskriminierende Muster“ stießen die Autoren des Berichts bei Vergleichsstudien zwischen jüngeren und älteren Patienten mit Todesursachen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. So erhielten etwa Patienten über 65 Jahre „eine weniger kostenintensive Behandlung“ als jüngere. Bei Patienten mit akutem Oberbauchschmerz, einem schwachen Herzen oder Gefäßerkrankungen sei „ein Maximum ärztlicher Bemühungen im mittleren Alter zu beobachten, während bei den über 90-Jährigen durchgehend die wenigsten Leistungen erbracht wurden“.

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Der Bericht, der in Teilen bereits im November vorgelegt worden war, kritisiert zudem einen „fast sorglosen Umgang mit mehreren Medikamenten“. Jeder fünfte Patient im Alter zwischen 70 und 99 Jahren bekomme im Schnitt 13 Wirkstoffe und mehr verschrieben, häufig ohne Abstimmung und Koordination und vermutlich auch aufgrund mangelhafter Kenntnisse. Dabei steige das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen sowohl mit dem höheren Lebensalter als auch mit der Anzahl der verschriebenen Medikamente, warnen die Wissenschaftler. Die Forschung nehme darauf bislang zu wenig Rücksicht. In Studien seien ältere Menschen, die eigentliche Zielgruppe zahlreicher Medikamente, nicht hinreichend repräsentiert. Politische Regelungen seien überfällig.

Defizite beklagt der Bericht zudem bei der psychotherapeutischen Versorgung. So würden Depressionen und Demenz häufig fälschlicherweise als selbstverständliche Begleiterscheinungen des Alters gesehen. Untersuchungen zeigten, dass bei etwa zehn Prozent der über 60-Jährigen die Indikation einer Psychotherapie angemessen wäre, aber die meisten blieben unbehandelt. Ähnlich zurückhaltend ist die Praxis bei Reha-Kuren. Sie werden selten verordnet und bei Patienten der Pflegestufe I, die noch eine gute Prognose haben, fast gar nicht.

Die Bundesregierung versichert in ihrer Stellungnahme, dass sie sich für „differenzierte Altersbilder“ einsetzen will. Die Hinweise beispielsweise auf die unzureichende Rehabilitation von Älteren nehme man „sehr ernst“.

Gabi Stief