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Deutschland / Welt „Kriminalisierung beenden“ – „falsche Botschaften“: Zwei Redakteure streiten über Cannabis
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20:13 18.10.2018
Cannabis ja oder nein? Buchsteiner gegen Köpke Cannabis ja oder nein? Buchsteiner gegen Köpke Quelle: RND
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Berlin

 Seit Mittwoch ist in Kanada der Konsum von Cannabis legal. Das nordamerikanische Land ist nach Uruguay das zweite Land, in dem offiziell gekifft werden darf. Die Regierung von Premierminister Justin Trudeau arbeitete zwei Jahre lang an der Legalisierung von Cannabis. Der medizinische Gebrauch war bereits seit 2001 erlaubt, wurde nun aber auf den Freizeitgebrauch ausgeweitet. Das Ziel: Die sich wandelnde gesellschaftliche Haltung zu Marihuana besser abzubilden und Schwarzmarkthändler in ein System mit klaren Regeln zu integrieren. Nun ist auch hierzulande die Debatte darüber entfacht, ob Deutschland bei diesem Schritt nachziehen soll. Die RND-Korrespondenten Rasmus Buchsteiner und Jörg Köpke sind unterschiedlicher Meinung.

Jörg Köpke meint: Mit der Kriminalisierung sollte Schluss sein

Jörg Köpke Quelle: Thomas Imo/photothek.net

Ein Bierchen bei Freunden. Ein Rotwein zum Feierabend. Und im Karneval fallen alle Schranken. Alkohol gehört zum Miteinander dazu wie süßer Senf zur Weißwurst. Er ist gesellschaftlich akzeptiert. Er entspannt und macht locker. Dass er gesundheitliche Risiken in sich birgt, weiß jeder. Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, Alkohol zu verbieten. Bei Gras und Haschkeksen ist das anders. Wer in Deutschland Cannabis konsumiert, riskiert Strafen. Mit dieser Kriminalisierung sollte endlich Schluss sein.

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Der übermäßige Konsum von Cannabis ruiniert die Psyche. Er macht depressiv, vermindert die Leistungsfähigkeit und zerstört soziale Beziehungen. All das macht Alkohol auch. Und dennoch ist die übergroße Mehrheit in der Lage, Alkohol in vernünftigen Maßen zu genießen.

Natürlich kann Cannabis eine Einstiegsdroge sein. Aber haben Heroinabhängige nicht vorher auch mal ein Bier getrunken? Weder Marihuana noch Alkohol münden zwangsläufig in eine Junkie-Karriere – sonst gäbe es bei uns längst Millionen Heroinabhängige.

Der Rausch gehört seit Jahrtausenden zum Menschen. Es ist die Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass er nicht exzessiv ausartet. Der Staat formuliert die Regeln, um seine Bürger zu schützen. Er hat die Verantwortung, vor harten Drogen zu warnen und bei weicheren Rauschmitteln wie Alkohol oder Cannabis zur Vorsicht zu raten. „Freigabe“ heißt nicht, Drogenhandel nach niederländischem Vorbild auswuchern zu lassen. Im Gegenteil: Das Geschäft sollte reguliert sein, um Konsumenten zu schützen und Dealern zu schaden.

Apotheker könnten bei der Abgabe darauf achten, dass der Jugendschutz eingehalten wird. Der Staat könnte die Qualität sichern. Immer häufiger bieten Dealer gestrecktes Marihuana mit zu hohem THC-Gehalt an. Und noch eines: Statt harmlose Kiffer zu verfolgen, könnte die Polizei ihr ohnehin überfordertes Personal sinnvoller einsetzen.

Rasmus Buchsteiner sagt zur Cannabis-Legalisierung: Bitte nicht!

Rasmus Buchsteiner Quelle: Thomas Imo/photothek.net

Halb so schlimm. Alles völlig unbedenklich. Kein Problem und vor allem keine Gefahr für die Gesundheit. Schon mit der Debatte über die Legalisierung von Cannabis nach kanadischem Vorbild sind völlig falsche Botschaften verbunden: Gerade zu fahrlässig verharmlosende Botschaften. Sie könnten auch jene dazu verleiten, es einfach mal zu probieren, die es sonst womöglich nicht getan hätten. Wäre der Joint plötzlich legal, werden eher mehr als weniger dazu greifen. Eine Mentalität des „Warum nicht?“ würde sich einstellen.

Kiffen ist vieles, eines aber ganz bestimmt nicht: Harmlos. Oft bleibt es eben nicht bei sporadischem Konsum. Cannabis wird häufig zum regelmäßigen Begleiter im Alltag. Lang anhaltender Konsum kann jedoch verheerende Folgen nach sich ziehen. Wer mit Ärzten und Therapeuten in Deutschlands Psychiatrien spricht, kann sich einen Eindruck davon machen, wie gravierend sie sind. Sie reichen von Antriebslosigkeit über Emotionsverlust bis hin zu schweren Psychosen. Und es geht längst nicht mehr um Einzelfälle, sondern um ein stark zunehmendes Phänomen. Was noch hinzukommt: Das Hasch von heute ist deutlich stärker als noch vor Jahrzehnten und damit auch deutlich gefährlicher.

Wer bereits Cannabis als Jugendlicher regelmäßig konsumiert, hat im Alter von 38 Jahren einen deutlich niedrigeren Intelligenzquotienten, haben neuseeländische Forscher herausgefunden. Alles halb so schlimm? Mitnichten. Gerade für Jugendliche ist Gras eine erhebliche Gefahr und darüber hinaus für alle, die zu Psychosen neigen. Nur leider wird in der Liberalisierungsdebatte über diese Risiken viel zu leichtfertig hinweggegangen. Dabei ist der Schutz der Gesundheit auch eine staatliche Aufgabe. Deshalb: Nein zu einer bedingungslosen Cannabis-Freigabe.

Von Rasmus Buchsteiner und Jörg Köpke/RND