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 den Taliban
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 den Taliban
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20:10 27.11.2009
Von Christian Holzgreve
„Ich war in Riad, ich habe selbst mit den Saudis, mit König Abdullah darüber gesprochen“: Richard Holbrooke. Quelle: afp
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Es gab nicht wenige, die runzelten über US-Präsident Barack Obama im Frühjahr dieses Jahres die Stirn: Hatte der wirklich von „moderaten Taliban“ gesprochen, als er über eine neue Afghanistan-Strategie nachdachte?

Seit mittlerweile acht Jahren bekämpfen die US-Truppen und ihre Verbündeten die Taliban. Und die Strategie, überwiegend auf militärische Stärke gegenüber den radikalen Islamisten zu setzen, hat viele Opfer gefordert ohne in Afghanistan den Sieg zu bringen. Im Gegenteil: 2009 war für die Verbündeten das blutigste Jahr während ihres Militäreinsatzes. Jetzt ist die US-Regierung zweigleisig unterwegs: Eine große Zahl weiterer Soldaten, die Rede ist von bis zu 30 000, soll von Obama ins Land geschickt werden. Aber parallel wird bei den Taliban die Gesprächsbereitschaft sondiert.

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Bereits Anfang des Jahres und im Herbst 2008 hatte es geheime Gespräche von Vertretern von Taliban-Führer Mullah Omar in Saudi-Arabien mit Gesandten der afghanischen Regierung gegeben, bei denen die Amerikaner aber nicht direkt mit am Tisch saßen. Diese Vermittlungsmission der Saudis, die lange Jahre zu den Unterstützern der Taliban zählten, ist auf ausdrücklichen Wunsch der Amerikaner noch intensiviert worden. Richard Holbrooke, US-Sonderbotschafter für Afghanistan und Pakistan, bestätigte, dass es diesen Dialog gebe. „Ich war in Riad, ich habe selbst mit den Saudis, mit König Abdullah darüber gesprochen“, sagte er. Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat die saudische Herrscherfamilie für solche Gespräche um Unterstützung gebeten. Gestern erneuerte Karsai sein Gesprächsangebot an die Taliban.

Die Zeitung „Al-Watan“ aus Saudi-Arabien berichtete, es habe ein Gespräch zwischen dem US-Botschafter in Kabul und dem ehemaligen Taliban-Außenminister Ahmed Mutawakil über Auswege aus dem Krieg gegeben. US-Botschafter Kai Eikenberry habe angeboten, Washington werde die Herrschaft der Taliban über einige Provinzen im Süden anerkennen, wenn die Taliban ihre Angriffe auf die Koalitionstruppen einstellten. Von den Briten ist zudem bekannt, dass sie ebenfalls Gespräche mit saudischen und pakistanischen Emissären sowie Taliban-Vertretern führen. Immer wieder hatte es auch Kontakte der Briten zu lokalen Taliban-Kommandeuren gegeben.

Strategisches Ziel der Amerikaner ist es offenbar, Teile der Taliban von den Al-Qaida-nahen Kräften in deren Reihen zu trennen. Die Amerikaner und die Regierung in Kabul gehen mittlerweile davon aus, dass sich Teile der Taliban auch in die gesellschaftlich-politische Struktur des neuen Afghanistan einbinden ließen, während der terrornahe Flügel isoliert und verfolgt werden soll. Hinzu kommt, dass der Westen nach einer Strategie sucht, sein militärisches Afghanistan-Engagement zurückzufahren. Voraussetzung für den Erfolg der Gesprächs- und Umarmungsstrategie ist allerdings eine Spaltung der Taliban, die noch nicht erkennbar ist.

Die USA, aber auch die Briten, die im umkämpften Süden Afghanistans die Hauptlast des Kampfes mit den Taliban zu tragen haben, erhoffen sich eine ähnlich erfolgreiche Entwicklung wie im Irak: Auch dort waren die Truppen aufgestockt und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit den Stämmen intensiviert worden, um die Terroristen zurückzudrängen. Hinzu kommen auch Überlegungen des Westens, Taliban in den umkämpften Provinzen durch Bestechung zu kaufen und auf die andere Seite zu ziehen.

Anders als im Irak ist die Lage in Afghanistan aber durch die unmittelbare Einflussnahme Pakistans deutlich komplizierter: Teile der pakistanischen Armee und des Geheimdienstes ISI gelten trotz der Offensiven gegen die Gotteskrieger im eigenen Land als Förderer der Taliban. Und nicht einmal mit hohen Kopfprämien ist es den Amerikanern bisher gelungen, Mullah Omar oder Al-Qaida-Führer Osama bin Laden aufzuspüren.

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