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Deutschland / Welt Spezialmedikamente sind Kostentreiber im Gesundheitswesen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Spezialmedikamente sind Kostentreiber im Gesundheitswesen
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23:00 09.06.2010
Von Gabi Stief
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Dies geht aus dem Arzneimittelreport für 2009 hervor, den die Barmer GEK gestern in Berlin vorstellte. Auch die Gesamtausgaben für Arzneimittel stiegen, allerdings „nur“ um sechs Prozent. Der Vize-Kassenchef Rolf-Ulrich Schlenker warnte vor einer Überforderung der gesetzlichen Kassen und begrüßte zugleich die Pläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler, Hersteller patentgeschützter Medikamente künftig zu Rabattverhandlungen zu verpflichten.

Bislang können die Unternehmen die Preise für ihre Innovationen in Deutschland selbst festlegen, was europaweit zu eklatanten Preisdifferenzen führt. So kostet das führende Krebsmittel Glivec in Großbritannien 1800, in Deutschland dagegen 2800 Euro. Die jährlichen Kosten für diese Krebstherapie bei einem Patienten liegen bei 38.000 bis 50.000 Euro. Für die 20 umsatzstärksten, hochpreisigen Mittel zahlte die Barmer GEK ein Fünftel des gesamten Arzneimittelbudgets. Eine Regulierung und Preisbegrenzung sei unumgänglich, sagte Schlenker.

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Gerd Glaeske, Pharmaexperte und Mitautor des Reports, bezweifelte, dass jedes Spezialpräparat auf der Top-20-Liste tatsächlich eine Innovation sei. In den vergangenen zehn Jahren hätten etwa 40 Prozent der neuen Präparate keinen Mehrwert für Patienten gehabt. Die Preisregulierungspläne von Rösler hält der Pharma-Experte im Gegensatz zu Schlenker für korrekturbedürftig. Anstelle von Schnellbewertungen durch die Hersteller plädierte er für ein unabhängiges Prüfverfahren, das verlässliche Aussagen über den Therapieerfolg erlaubt. Mit einer Kosten-Nutzen-Analyse müsse zwei, drei Jahre nach der Marktzulassung geprüft werden, ob der ausgehandelte Preis für das neue Medikament realistisch war.

Einvernehmlich kritisierten Glaeske und Schlenker die von Rösler geplante Mehrkostenregelung. Diese soll Patienten erlauben, künftig statt des rabattierten Medikaments ihr altes Mittel in der Apotheke zu kaufen; die Preisdifferenz müssten sie allerdings selber zahlen. Schlenker bezeichnete dies als „Gift“ für die Versicherten. Die Regelung würde die Rabattverhandlungen belasten und den Kassen neue Bürokratie bescheren. „Es gibt zudem keinen medizinischen Anlass, dem rabattierten wirkstoffgleichen Mittel nicht zu vertrauen.“ Glaeske sagte, die Mehrkostenregelung verstärke das „gefühlte Zweiklassensystem“, denn nicht jeder Patient könne sich das teurere Medikament leisten.