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Deutschland / Welt Staatsanwalt zweifelt an Mladics Gebrechlichkeit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Staatsanwalt zweifelt an Mladics Gebrechlichkeit
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11:30 27.05.2011
Medienvertreter versammeln sich vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Quelle: dpa
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Der mutmaßliche serbische Kriegsverbrecher Ratko Mladic muss an diesem Freitag erneut vor dem Untersuchungsrichter in Belgrad erscheinen. Bereits am Mittag sei die nächste Vernehmung geplant, kündigte der Sprecher der serbischen Staatsanwaltschaft, Bruno Vekaric, im Staatsfernsehen RTS in Belgrad an. Mladics Auslieferung an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag werde „spätestens in sieben Tagen“ über die Bühne gehen.

Eine erste Vernehmung war am Donnerstagabend abgebrochen worden, weil sich der Ex-Militärchef der bosnischen Serben als schwacher, kranker Mann präsentierte, der sich kaum mitteilen kann. Vor Gericht soll er sich zur Anklage des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag äußern.

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Staatsanwalt Vekaric widersprach Augenzeugen, die Mladic als demenzkranken alten Mann mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit dargestellt hatten. Die angebliche Gebrechlichkeit sei nur Teil seiner Verteidigungstaktik, so der Behördensprecher. Er habe Mladic als Mann erlebt, der seine Lage sehr wohl einschätzen und am Verfahren teilnehmen könne.

Mladic, dem tausendfacher Mord vorgeworfen wird, war am Donnerstag auf einem Bauernhof im Norden Serbiens gefasst worden. Er wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht. Im Sommer 1995 hatten serbische Soldaten nach der Eroberung der UN-Schutzzone Srebrenica in Bosnien rund 8000 muslimische Männer und Jugendliche ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Auch die jahrelange Belagerung von Sarajevo und die vielen Toten in der bosnischen Hauptstadt werden dem als „Schlächter von Srebrenica“ bezeichneten Mladic angelastet, ebenso wie „ethnische Säuberungen“ und Gräuel in Internierungslagern.

Nach serbischen Presseberichten wurde Mladic von den Einsatzkräften im Schlaf überrascht. Der Ex-General sei am Donnerstagmorgen „aus dem Bett heraus verhaftet“ worden, berichteten die Zeitungen am Freitag. Seine angeblich umfangreiche Leibwache, die ihn bei einer Festnahme hätte erschießen sollen, sei weit und breit nicht in Sicht gewesen. Auch seien keine modernen Kommunikationsmittel wie Handy oder Laptop gefunden worden.

Bei dem Haus seines Onkels im Dorf Lazarevo - eine Autostunde nordwestlich von Belgrad - handele es sich um „ein typisches Bauernhaus“, hieß es in den Presseberichten weiter. Das Gebäude sei in der Vergangenheit von den Sicherheitskräften mehrmals ohne Ergebnis durchsucht worden, Mladic sei erst vor zwei Wochen dort eingetroffen. Zuvor habe er sich in der Umgebung von Belgrad versteckt gehalten. Schon früher hatten die Verfolger herausgefunden, dass Mladic seine Verstecke in schneller Folge wechselte.

Mladic war nach dem Bosnienkrieg 1995 untergetaucht. Zuletzt war in Serbien ein Kopfgeld von 10 Millionen Euro ausgesetzt, die USA hatten zusätzliche 5 Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgelobt.

Auf aktuellen Fotos sei Mladic nicht wiederzuerkennen, berichteten Medien in Belgrad weiter. Sie veröffentlichten Porträts des Ex- Generals, auf denen er abgemagert und mit schütterem Haar erscheint. Er zeige zudem starke Demenzerscheinungen, berichteten die Zeitungen. Sein rechter Arm sei nach einem Schlaganfall steif geblieben. Auf anderen Fotos, die zehn Jahre alt sind, ist Mladic noch als fülliger, vitaler Mann zu sehen.

Serbiens Präsident Boris Tadic hatte klargemacht, dass Belgrad nun als Gegenleistung für die Festnahme von Mladic einen zügigen EU-Beitritt erwarte. Dagegen sprach der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, von einer „Bringschuld Serbiens“. Für die Festnahme von Kriegsverbrechern könne das Land keine Gegenleistung erwarten, sagte Ischinger im Deutschlandfunk. Zudem sei die Weigerung Serbiens, sich mit der Kosovo-Frage auseinanderzusetzen, weiterhin ein Hindernis für einen EU-Beitritt.

Nach Ansicht des früheren niederländischen Verteidigungsministers Joris Voorhoeve unternahm die Nato nach dem Bosnien-Krieg zu wenig für eine Verhaftung des Serben-Generals. „Führende Nato-Staaten befürchteten, dass die Popularität von Mladic bei der serbischen Bevölkerung so groß war, dass die Nato-Friedensoperation in Gefahr geraten könnte“, sagte der Ex-Minister der Zeitung „de Volkskrant“.

Zudem hätten die serbischen Regierungen jahrelang die Festnahme des 1995 wegen des Völkermords in Srebrenica angeklagten Ex-Generals verhindert. „Als Minister wusste ich, dass Mladic vom serbischen Geheimdienst beschützt wird“, sagte Voorhoeve.

dpa