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08:49 18.01.2014
Bei der Stiftung Warentest, feste Burg des Rat suchenden Konsumenten, höher angesehen als Polizei, Rotes Kreuz oder Greenpeace, herrscht Ausnahmezustand. Quelle: HAZ
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Berlin

Birgit Rehlender seufzt und beißt in ein Schoko-Waffel-Röllchen. Das Mittagessen muss ausfallen. Bei der Stiftung Warentest, feste Burg des Rat suchenden Konsumenten, höher angesehen als Polizei, Rotes Kreuz oder Greenpeace, herrscht Ausnahmezustand.
Millionen Deutsche glauben seit Generationen: Die Stiftung Warentest irrt nicht. Wenn die Tester sagen, das Ding ist gut, dann ist es auch gut und wird gekauft. Und wenn sie sagen, das Ding ist sein Geld nicht wert oder gar gesundheitsgefährdend, dann wird das Ding zum Ladenhüter. Es ist eine Autorität, auf die sich Leute wie die Lebensmittelchemikerin Birgit Rehlender vielleicht nichts einbilden. Stolz darauf sind sie schon.

Nun aber ist diese Autorität infrage gestellt, per Beschluss des Landgerichts München, und Birgit Rehlender kämpft um den Ruf ihres Arbeitgebers. Seit 25 Jahren verantwortet sie die Lebensmitteltests bei der Stiftung. Sie vergibt die Aufträge, sie steht für die Richtigkeit der Ergebnisse ein. Und so muss sie nun auch für die Schokokrise der Stiftung einstehen. Ein Vanillearoma hat die Krise ausgelöst. Die Tester haben der Schokolade „Ritter Sport Voll-Nuss“ die Note „mangelhaft“ gegeben, weil die quadratische Tafel ihrer Meinung nach das künstliche Vanillearoma Piperonal enthält. Einen gerichtsfesten Beweis sind sie bis heute schuldig geblieben. Das Landgericht München hat deshalb entschieden: Die Stiftung Warentest muss die Behauptung von ihrer Internetseite löschen – andernfalls droht eine Geldstrafe von 250 000 Euro. Die Rechtsabteilung der Berliner Stiftung hat bereits Berufung angekündigt.

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Die Chemikerin Rehlender versucht auf ihre Art, das Image der Warentester zu retten. Sie hat in ein Prüfinstitut eingeladen, um zu zeigen, wie die Stiftung testet. Oder genauer gesagt: testen lässt. Waschmaschinen, Holzeisenbahnen, Bügeleisen und Voll-Nuss-Tafeln werden nicht im Bürogebäude am Berliner Lützowplatz zerlegt und geprüft, sondern in externen Instituten. Die arbeiten zumeist sowohl für die Industrie als auch für die Warentester. Deswegen findet das Treffen unter höchster Geheimhaltung statt. Weder dürfen wir schreiben, wo sich das Institut befindet (in einer Stadt im Osten Deutschlands), noch Mitarbeiter (120 gibt es) oder Arbeitsschritte zeigen. Da werden Plastikdeckel zum Betriebsgeheimnis. Die Firmen sind nervös, nach Ritter Sport erst recht.

Weil sie zurzeit nicht so gerne über Schokolade redet, referiert die Chemikerin lieber über Hähnchenschenkel, Olivenöle und Adventskalender. Und verrät dabei viel über Spürnasen und Skandalpotenzial. Lebensmitteltests sind Detektivarbeit – da kommt es auf Intuition und Erfahrung genauso an wie auf Präzision und Fachwissen. Die Labore müssen ihren eigenen Riecher haben. Es gibt Standardtests der Inhaltsstoffe auf Belastungen oder Nährwert, es gibt die „sensorische Beurteilung“ wie Aussehen, Geschmack, Geruch, Mundgefühl – und es gibt Unerwartetes, Unbekanntes. „Ein Labor, das nicht nach links und rechts guckt, ist für uns kein gutes Labor“, sagt Rehlender.

Hähnchenschenkel sind vergleichsweise langweilig: Da kann man nicht viel prüfen, es geht vor allem um Keime und Rückstände, so ein Test kostet nach dem Verfahren der Stiftung rund 50 000 Euro. Bei verarbeiteten Lebensmitteln wird es komplizierter – da geht es um sechsstellige Summen, und es gibt viele mögliche Überraschungen. Bei den Olivenölen zum Beispiel wollte Rehlender nur herausfinden, ob das zugesetzte Basilikumaroma natürlich hergestellt worden war. Das Labor fand dann beim Test Hinweise auf Weichmacher – und Rehlender hatte einen Aufreger zu verkünden.

Im Advent 2012 platzte die Stiftung mit der Nachricht heraus, dass in der Schokolade aus Adventskalendern Mineralölrückstände gefunden wurden. Kein Labor testet normalerweise Schokolade auf Mineralöle. Aber Rehlender hatte explizit darum gebeten: „Ich war auf einer Tagung, und ein Nebensatz im Vortrag eines Industrievertreters hat mich hellhörig gemacht.“ Die Stiftung hatte wieder einen Skandal aufgedeckt, die Presse etwas zu schreiben, obwohl die Rückstände minimal waren. Über die auflodernde Panik schmunzelt die Chemikerin, verteidigt ihr eigenes, offensives Vorgehen aber mit Blick auf die anfälligsten Konsumenten: „Wir denken immer auch an die Kinder.“

Ende November, als der Schoko-Test erschien, hatte sie auch die mangelhafte Bewertung für Ritter Sport noch forsch verteidigt. Wenn die Stiftung schreibe, dass der verwendete Aromastoff Piperonal künstlich hergestellt sei, dann sei die Stiftung sich der Richtigkeit dieser Behauptung sicher. Dem Gericht genügte die „Gewissheit“ der Prüfer nicht; solange sie nicht nachweisen, dass die Schokoladeproduzenten künstliche Aromen benutzen, dürfen sie es auch nicht behaupten. Denn es gibt durchaus auch natürliche Verfahren zur Herstellung von Piperonal. Die Angelegenheit ist hoch komplex, ebenso Rehlenders Antwort auf die Frage, wie sie überhaupt zu dieser Ansicht gekommen sei: Waren es die Ergebnisse des Labors, ihr eigenes Fachwissen oder Marktkenntnis? „Alles zusammen“, sagt sie und isst ihr Waffelröllchen auf.

Nun ist Piperonal, ob künstlich oder natürlich hergestellt, nicht gesundheitsschädlich. Ist die ganze Aufregung um das Aroma nicht sowieso zu hoch gehängt? Nicht für Birgit Rehlender. Sie ist auch eine Kämpferin für Kennzeichnungsklarheit. Die Grüne Renate Künast, im Bundestag als Ausschussvorsitzende jetzt wieder für Verbraucherschutz zuständig, sagt: „Sie hat den Finger in die Wunde gelegt. Die Liste der Inhaltsstoffe ist verwirrend. Entweder man kennt die Tricks – oder man versteht nix.“ Der Verbraucher soll bis in alle Einzelheiten wissen können, was wirklich drin ist. Ob ihn das aber wirklich interessiert? Auch Rehlender steht nicht bei jedem Einkauf minutenlang vor dem Regal, um das Kleingedruckte zu entziffern. „Manchmal mache ich das, aus Neugier. Aber man hat schon zwei Leben.“

Nach dem Etappensieg von Ritter Sport gehen die Kritiker der lange unangreifbaren Test-Gurus nun in die Offensive. Vielen hat die Stiftung in den letzten fast 50 Jahren auf die Füße getreten – zuletzt der Spielzeugindustrie, als sie ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft über die Risiken von Holzspielzeug schrieb, über krebserregende Stoffe in meist winziger Konzentration. Hersteller sind aufgebracht und kritisieren, dass die Stiftung sich auf ihre Kosten profilieren will.

Klagen allerdings gibt es nur selten. Rund 2000 Produkte testet die Stiftung im Jahr – durchschnittlich vier bis fünf Verfahren gibt es, weil Hersteller gegen das Ergebnis klagen. Die Erfahrung zeigt: Mit dem Testurteil „gut“ oder „sehr gut“ machen die Firmen gerne und ausgiebig Werbung. Ein Produkt mit schlechtem Testergebnis hingegen wird in aller Stille verbessert oder eingestampft. Doch nach der Schlappe im Ritter-Sport-Prozess steht der Stiftung womöglich verschärfter Widerstand gegen besonders harte Prüfurteile ins Haus. „Angriffe aus der Industrie aus den unterschiedlichsten Branchen dürften zunehmen“, sagte der Trendforscher Thomas Wippermann jüngst der „Welt“. Viele warteten nur ab, ob Ritter Sport auch die zweite Instanz gewinne.

Die Konsumenten indes stumpfen ab gegenüber den immer wiederkehrenden Lebensmittel- und Rückstandskandalen. Auch an der Beratungsfront geraten die Warentester unter Druck. Ihre Kompetenz kostet Geld, doch viele Käufer orientieren sich inzwischen mehr an anonymen, unüberprüfbaren Bewertungen im Internet: Schmeckt, fünf Sterne, kauf ich. Nichts von Piperonal und Feinheiten der Aromenherstellung. Da muss das Unternehmen Stiftung Warentest sich immer wieder bemerkbar machen. Manchmal auch mit überzogenen Darstellungen?
„Wer nicht frech ist, wird auch nicht gehört“, sagt Renate Künast. Die Stiftung als kritisches Auge der Verbraucher  müsse anecken – „und sich auch mal eine einstweilige Verfügung einfangen“.

Von Jan Sternberg

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