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Deutschland / Welt Streit um geplantes islamisches Gemeindezentrum nahe Ground Zero
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20:43 23.08.2010
Quelle: ap
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Nicht die Kriege im Irak und in Afghanistan, nicht die Wirtschaftskrise und die düsteren Zahlen vom Häusermarkt beschäftigen zurzeit die Amerikaner. Das Wohl und Wehe der Nation scheint nur noch davon abzuhängen, ob zwei Straßenzüge vom ehemaligen World Trade Center entfernt ein islamisches Gemeindezentrum gebaut werden darf.

Schon am Wochenende haben etwa 500 Gegner und 200 Befürworter in der Nähe des Grundstücks demonstriert, an diesem Montag ging es weiter. Da halten Dutzende von Demonstranten Plakate hoch, auf denen in blutroter Schrift vor der Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, gewarnt wird. „Sag Nein zur islamischen Siegesmoschee am Ground Zero“, lautet ein Slogan, mit dem die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung ihre Anhänger mobilisiert – ungeachtet der Tatsache, dass nicht eine Moschee, sondern ein Kulturzentrum mit Gebetsraum und das Ganze mitnichten am Ground Zero, sondern ein deutliches Stück entfernt geplant ist. Auf Plakaten mit genauso blutroter Schrift werben die Gegendemonstranten für freie Religionsausübung und die sprichwörtliche New Yorker Toleranz.

Rick Lazio, der republikanische Bewerber fürs Gouverneursamt, bricht angesichts der Massenwirkung des Themas sogar ein Tabu: Als erster New Yorker Politiker hat er Bilder des 11. September 2001 zur Wahlkampfwerbung benutzt.

Zwei Drittel der Amerikaner ist laut mehrerer übereinstimmender Umfragen die Vorstellung unangenehm, dass Muslime auch nur in der Nähe des Ortes beten könnten, an dem die Terroranschläge des Jahres 2001 stattfanden. Viele Befragte betonen allerdings, dass sie nichts gegen eine Moschee hätten, die weiter vom World Trade Center entfernt stünde.

Wie weit sich die Debatte von den Realitäten entfernt hat, enthüllt jetzt die Zeitschrift „Politico“. Sie hat sich die Gründer des islamischen Zentrums genau angeschaut – und festgestellt, dass die Gruppe namens „Park 51“ weder Pläne noch Geld besitzt. Sie habe für das auf 100 Millionen Dollar veranschlagte Projekt bisher keine Spenden gesammelt. Der letzte Vereinsbericht spreche von 18 255 Dollar auf dem Konto. „Das deckt nicht einmal die Anzahlung für jene Hälfte des Grundstücks, die man noch kaufen will. Der Initiative fehlen die elementarsten Grundlagen eines Bauprojekts: Es gibt keine Blaupause, keinen Architekten, keinen Lobbyisten oder Ingenieur – und nun operiert man inmitten von vernichtenden, öffentlichen Schlagzeilen“, schreibt „Politico“.

Auch der New Yorker Rabbi Leonard Schoolman zeigte sich skeptisch, was die Realisierungschancen angeht. Er hat mit dem Kopf der Initiative, dem Imam Feisal Abdul Rauf, schon öfter zusammengearbeitet, aber „ich glaube nicht, dass Rauf für einen bedeutenden Teil der muslimischen Gemeinschaft steht“. Rauf habe das Projekt lanciert, um auf sich aufmerksam zu machen – und sei von den Folgen überrollt worden.

Der Imam ist seit Beginn der Kontroverse auf Vortragsreise in der Golfregion und verweigert alle Interviews. Auch deshalb wächst in Teilen der muslimischen Gemeinde der Zorn darüber, wie die potenziellen Betreiber in die Kontroverse hineingestolpert sind. „Ich denke, die Idee ist gut, aber es gibt bisher keine Vision, die dahintersteckt“, sagt der New Yorker Kulturwissenschaftler Hussein Rashid, der an vielen öffentlichen Debatten zu dem Vorhaben beteiligt war. „Nun kämpfen viele Menschen gegen das Gift, welches um das Projekt versprüht wird. Aber der Kampf gegen die Islamophobie und für die Verfassung ist nicht dasselbe wie ein Einsatz für das konkrete Vorhaben.“

Längst ist das Zentrum zum Lackmustest für Amerikas Verhältnis zu den Muslimen geworden. Unter dem Titel „Hat Amerika Angst vor dem Islam?“ berichtet das Nachrichtenmagazin „Time“, wie die Debatte auch das Klima in Regionen vergiftet, in denen Muslime bisher problemlos lebten und beteten. Das Magazin beschreibt eine aggressive Bürgerversammlung zu einer geplanten Moschee in der Nähe von Dearborn in Michigan, wo Muslime einen hohen Bevölkerungsanteil haben: „Islam ist eine Religion des Hasses, heißt es. Muslime planen, das Christentum zu vernichten. Es gibt 20 große Ausbildungslager für islamische Dschihadisten, verstreut im ländlichen Amerika.“

Die Debatte sei völlig immun gegen Fakten, schreibt der Medienkritiker Howard Kurtz in der „Washington Post“: „Man betreibt einen Schlagabtausch um Symbole, weil denen die wahnsinnige Komplexität der Gesundheits- und Finanzreform fehlt.“ Sogar die Tatsache, dass das Zentrum kaum eine Realisierungschance habe, sei irrelevant: „Man will sich doch nicht den Spaß verderben lassen.“

Andreas Geldner