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Deutschland / Welt Wer findet die Millionen?
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09:41 19.10.2013
Das später von der Polizei geblendete Polaroid-Foto zeigt Jan Philipp Reemtsma am 26. März 1996. Drei Wochen wurde er in dem Haus in Garlstedt bei Bremen (unten) gefangen gehalten. Quelle: dpa
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Es kann nur ein Versuch sein, sich in diesen Mann hineinzuversetzen. Eine Annäherung. Aber wenn er sich nicht überraschend radikal verändert hat, wenn er also noch immer so spricht und denkt wie eigentlich während aller Prozesse und Verhöre in den vergangenen 15 Jahren, dann wird ihm ungefähr dies durch den Kopf gehen: dass es richtig war, sein Opfer zu entführen. Dass ihm das Lösegeld zusteht, ihm allein. Und dass er auch künftig jede Regel brechen darf, um wieder im Luxus zu leben.

Der Mann, um den es geht, heißt Thomas Drach. 1996 hat er, zusammen mit drei Mittätern, den Hamburger Tabak-Erben und Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma gekidnappt, in einen Keller verschleppt, an Ketten gefesselt und 33 Tage festgehalten. So lange, bis seine Familie umgerechnet 15,3 Millionen Euro Lösegeld gezahlt hatte.

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Irgendwann in den kommenden Tagen wird Drach aus dem Gefängnis Hamburg-Billwerder entlassen, nach mehr als 15 Jahren Haft. Den genauen Termin verraten die Justizbehörden nicht. Es geht auch um den Schutz vor den Kameras der Journalisten, die das Gefängnistor belagern würden. Unbeobachtet wird Thomas Drach in Freiheit aber dennoch nicht sein. Da sind zum einen die Polizisten, die seine Schritte überwachen werden. Da ist zum anderen der Sicherheitsdienst, den Reemtsma schon nach seiner Freilassung auf Drach angesetzt hatte. Schließlich könnte auch noch der eine oder andere Gangster an Drachs weiteren Wegen interessiert sein.Ihnen allen geht es nicht um die 1800 Euro Überbrückungsgeld, die er in der Tasche haben wird, wenn er das Gefängnis verlässt. Sondern um das Lösegeld, die höchste bekannt gewordene Summe, die in Deutschland je für ein Entführungsopfer gezahlt worden ist. Was daraus wurde, weiß wohl nur Drach allein. In der Haft hat er dazu, bis auf ein paar Andeutungen, geschwiegen. Jetzt erwarten die Ermittler, dass er versuchen wird, es sich wieder zu holen. Mit allen Mitteln. Die Freilassung von Thomas Drach könnte das Ende eines spektakulären Kriminalfalls sein. Wahrscheinlicher ist, dass sie nur der Auftakt eines neuen Kapitels wird.

Die Ereignisse

■  25. März 1996: Jan Philipp Reemtsma wird von seinem Grundstück in Blankenese verschleppt.
■  27. März: Einem Brief der Erpresser liegt ein Foto Reemtsmas mit verletzter Nase bei. In der „Hamburger Morgenpost“ erscheint die erste verschlüsselte Anzeige für die Entführer.
■  24. April: Der dritte Versuch der Geldübergabe gelingt. Mit 30 Millionen Mark entkommen die Kidnapper.
■  26. April: Reemtsma wird freigelassen.
■  24. Mai: Die Polizei hat das Kellerverlies in einem abgelegenen Haus bei Bremen entdeckt. Als Verdächtige werden Peter Richter aus Leverkusen, Wolfgang Koszics aus Krefeld und Thomas Drach aus Köln gesucht.
■  26. Mai: Koszics wird in Südspanien festgenommen, Richter drei Tage später in Málaga.
■  14. Februar 1997: Das Hamburger Landgericht verurteilt Koszics zu zehneinhalb Jahren und Richter zu fünf Jahren Haft.
■  28. März 1998: Drach wird in Buenos Aires verhaftet.
■  19. Juli 2000: Argentiniens Präsident stimmt der Auslieferung zu.
■  29. Juli: Drach wird in das Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht.
■  28. Dezember: Der Entführer wird zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Dass der Kidnapper sich künftig an alle Gesetze halten wird, daran haben auch die wohlmeinendsten Freunde der Resozialisierung ihre Zweifel. Zuletzt stand er 2011 vor Gericht. Da hat er aus dem Gefängnis heraus versucht, Komplizen anzuheuern, die seinen Bruder erpressen sollten. Lutz, der Jüngere der Drach-Brüder, saß da noch selbst in Haft, weil er einen Teil des Lösegelds gewaschen hatte. Thomas verdächtigte ihn, dabei einiges in die eigene Tasche gesteckt zu haben. „Ich will nicht, dass die Ratte nur einen Euro von meinem Geld ausgibt“, schrieb er da in einem Brief. Die Justizbeamten, die ihm auf der Fahrt vom Gefängnis zum Gericht eine Schlafbrille aufgesetzt haben, herrschte er an: „Sagt mir den Namen von der Schwuchtel, die das angeordnet hat!“ Und er drohte: „Ich werde euch im kommenden Jahr mit einer Kalaschnikow besuchen.“

Da glaubte Drach noch, er würde 2012 freikommen. Tatsächlich verlängerte sich seine Haft wegen der geplanten Erpressung um weitere 15 Monate. Drach sei, psychologisch betrachtet, ein Berufskrimineller, befand ein Gutachter im Prozess. Ein Berufskrimineller, der, um im Bild zu bleiben, offenbar wenig Lust auf eine Umschulung hat. Dabei verfügt er, der Sohn einer Sekretärin und eines Miele-Angestellten aus der Nähe von Köln, sogar über eine überdurchschnittliche Intelligenz, mit 17 jedoch beginnt er, auf Bestellung Autos zu klauen. Es folgen Überfälle auf Supermärkte, auf Banken, schließlich die Entführung. Bei einer Strafe von mehr als zwei Jahren, erklären die Staatsanwälte bei dem Prozess 2011, hätten sie Sicherungsverwahrung beantragen können. Es wurden dann ein Jahr und drei Monate. So endet die Haftzeit von Thomas Drach rein rechnerisch am 21. Oktober 2013. An diesem Montag.

Thomas Drach hat während der Prozesse gegen ihn nie ernsthaft Reue gezeigt. Selbstgerecht, unreif, narzisstisch, so beschreiben ihn Gutachter. Dass ihm jedes Mitgefühl fehlt, bewies er, als er sich allen Ernstes mit dem Hinweis auf seine angebliche Milde verteidigen wollte. Sie hätten ihrem Opfer ja auch einen Finger abschneiden können, erklärte er. „Dass Reemtsma hier heute unverletzt sitzen kann, hat er nur dem besonnenen Verhalten der Täter zu verdanken.“
Kann es sein, dass dieser Mann nun tatsächlich ein Leben im Luxus führen kann? Als Lösegeldmillionär?

Viel spricht dafür, dass von dem Geld bereits einiges aufgezehrt ist. Zwei Jahre lang war Thomas Drach nach der Entführung auf der Flucht, bevor er in Buenos Aires von einem argentinischen Spezialkommando verhaftet wurde. Er hat, kann man sagen, nicht gerade gedarbt. Zuletzt lebte er in einer Villa im Nobelbadeort Punta del Este in Uruguay. Monatsmiete: 30 000 Dollar. Die 125 000 Dollar für sein Auto, ein anthrazitfarbenes Mercedes-Cabrio, zahlte er in bar.

Andererseits ist es selbst mit einem üppigen Lebensstil nicht leicht, in zwei Jahren eine so gewaltige Summe durchzubringen. Der Großteil des Geldes gilt noch immer als verschollen. Drach hatte sich das Lösegeld zur Hälfte in Schweizer Franken übergeben lassen; der D-Mark-Anteil galt frühzeitig als gewaschen und in andere Währungen umgetauscht. Dass er durchaus noch über erhebliche Beträge verfügt, zeigt ein Vorschlag, den er 2007 einer Richterin machte: 450 000 Dollar bot er, falls er vorzeitig freikäme.

Drach wird sich auch nach seiner Entlassung nicht uneingeschränkt frei bewegen können. Unter anderem muss er, so hat es das Hanseatische Oberlandesgericht gestern erklärt, eine elektronische Fußfessel tragen. Die Arbeit der Ermittler dürfte das erleichtern. Doch selbst wenn sie Drach mit einer größeren Summe erwischen sollten, könnten sie ihm den Betrag nicht einfach wegnehmen. Die Ermittler müssen plausibel darlegen, dass das Geld nur aus der Entführung stammen kann. „Und das“, räumt einer von ihnen ein, „kann auch durchaus schwierig werden.“ Eine erneute Strafe, erklärt ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Aachen, hätte Drach ohnehin nicht zu befürchten. Er ist bereits wegen Geldwäsche verurteilt worden – und niemand darf wegen derselben Tat zweimal bestraft werden.

Zu den Auflagen gehört auch, dass sich Drach bei der Agentur für Arbeit melden muss. Das Ziel: Er soll arbeiten. Insofern könnte das Leben in Freiheit für ihn eine ganz neue Erfahrung bereithalten. Auch im Gefängnis hätte er arbeiten und sich etwas verdienen können. Er hat dies in den 15 Jahren nicht ein einziges Mal getan.