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Deutschland / Welt Syrisches Militär startet Gegenoffensive
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16:40 22.07.2012
Hubschrauber der syrischen Armee haben vermeintliche Rebellenstützpunkte in den Außenbezirken von Damaskus angegriffen. Quelle: dpa
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Damaskus

Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan hat das syrische Militär eine massive Gegenoffensive gegen die Aufständischen gestartet. Wie Augenzeugen berichteten, ließ Präsident Baschar al-Assad am Sonntag erstmals einen Außenbezirk der Hauptstadt massiv bombardieren. Vor den Bürgerkriegswirren sollen nach Angaben des Roten Kreuzes binnen zwei Tagen 30.000 Menschen über die libanesische Grenze geflüchtet sein. Nachbar Israel befürchtet, dass die syrischen Chemiewaffen in dem Chaos radikalislamischen Gruppierungen in die Hände fallen könnten, und will notfalls militärisch eingreifen. Die Arabische Liga wollte am späten Sonntagabend über die Lage beraten.

Die EU-Außenminister wollten am Montag ihre Strafmaßnahmen gegen das Assad-Regime verschärfen. Zwischen zwanzig und dreißig Personen sowie zwei bis drei Firmen oder Organisationen sollten neu auf die Sanktionsliste gesetzt werden, kündigten EU-Diplomaten am Wochenende an. Es ist das 16. Mal, dass die EU die im Mai 2011 zuerst verhängten Sanktionen verschärft.

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In Israel gibt es Befürchtungen, die syrischen Massenvernichtungswaffen könnten in den Bürgerkriegswirren in die Hände der libanesischen Hisbollah oder des internationalen Terrornetzwerke Al-Kaida fallen. Verteidigungsminister Ehud Barak hatte am Freitag im TV-Sender Channel 10 gesagt, Israels Militär bereite sich auf eine solche Entwicklung vor. Syrien besitzt das größte Chemiewaffen-Arsenal im Nahen Osten, unter anderem die Kampfstoffe Sarin und Senfgas.

Dass Assad die Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, hält der israelische Experte Ejal Zisser vom Dajan-Zentrum für strategische Studien in Tel Aviv für unwahrscheinlich. Trotzdem treibt die Angst vor Übergriffen immer mehr Menschen in die Flucht.

Eine Million Syrer auf der Flucht

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass seit Beginn der Aufstände vor 16 Monaten rund eine Million Syrer aus Angst um ihr Leben ihre Heimatstädte verlassen haben. Syrien hat 21 Millionen Einwohner. Die Versorgungslage habe sich durch die Kämpfe in Damaskus auch in der Hauptstadt verschlechtert, berichtete ein Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Beirut. Viele Geschäfte hätten geschlossen, alles sei teurer geworden. Es fehle an Milch für Kinder, Hygieneartikeln und Medikamenten.

In Damaskus hat das Militär nach Augenzeugenberichten am Sonntag den Außenbezirk Barse mit Raketen beschossen. Dort bekriegen sich Regimetruppen und Aufständische heftig. Ein syrischer Journalist berichtete dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira von heftigen Explosionen: „Es ist das erste Mal, dass Damaskus dermaßen massiv bombardiert wird.“ Heftige Kämpfe wurden auch aus anderen Stadtteilen, der nördlichen Handelsmetropole Aleppo und etlichen Regionen des Landes gemeldet.

Nach Angaben der Opposition hatte das Militär am Sonnabend den Vorort Schaba überrant. Im Damaszener Oberklasse-Viertel Al-Messe, wo viele höhere Offiziere der Sicherheitskräfte leben, gelang es den Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) am Sonnabend nach eigenen Angaben, einen Militärstützpunkt einzunehmen. Wie für alle anderen Informationen gab es dafür von unabhängiger Seite keine Bestätigung. Menschenrechtsbeobachter zählten allein am Sonnabend mindestens 180 Tote durch Kämpfe in ganz Syrien.

Den Aufständischen gelang es indes, mehrere wichtige Grenzübergänge zur Türkei und zum Irak unter ihre Kontrolle zu bringen. Arabische Fernsehsender zeigten Bilder vom Übergang Bab al-Salem nördlich von Aleppo, auf denen Kämpfer mit der Rebellenfahne zu sehen waren. Andere demontierten ein lebensgroßes Assad-Bild, das das Dach des Abfertigungsgebäudes geziert hatte. Bereits zuvor war der Übergang Bab al-Hawa in der Provinz Idlib unter Rebellenkontrolle geraten. Auch mindestens zwei der vier Grenzposten zum Irak sind nach offiziellen Angaben aus Bagdad in Aufständischenhand.

Die türkischen Behörden schlossen die Übergänge für türkische Reisende, nachdem syrische Aufständische landeinwärts mehrere türkische Lastwagen ausgeraubt und in Brand gesteckt hatten. Die irakischen Grenzorgane lassen an ihren Übergängen wiederum nur irakische Staatsbürger einreisen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon schickt zwei seiner höchsten Militärexperten nach Syrien. Er werde seinen Untergeneralsekretär für Friedensmissionen, Herve Ladsous, in die Krisenregion entsenden, sagte Ban am Sonnabend bei einem Besuch in Kroatien. Gleichzeitig solle General Babacar Gaye „vorerst in dieser kritischen Phase“ die Beobachtermission Unsmis leiten.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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