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Deutschland / Welt Bush rennt gegen die Zeit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Bush rennt gegen die Zeit
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06:58 29.10.2015
Von Stefan Koch
Stellten sich der dritten TV-Debatte: Jeb Bush, Marco Rubio, Donald Trump, and Ben Carson. Quelle: afp
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Washington

Im Juni, als Jeb Bush seinen Hut in den Ring warf, hielten viele Konservative das parteiinterne Rennen für einen Selbstläufer. Zunächst erschien es wie eine Selbstverständlichkeit, dass die "Grand Old Party" den Präsidentensohn und Präsidentenbruder normieren würde. Doch viele Beobachter hatten offenbar die tiefsitzende Frustration der Basis über das politische Establishment unterschätzt: Angesichts der scheinbar unendlichen Blockaden im Washingtoner Politikbetrieb ist eine weit verbreitete Sehnsucht nach ganz anderen Volksvertretern zu spüren. Denkfabriken, Kommentatoren und Politikstrategen grübeln seit Wochen über der Frage, wie weit diese Politikverdrossenheit reicht: Meldet sich bisher nur eine kleine, aber lautstarke Minderheit zu Wort - da die eigentliche Kampagne zur Präsidentschaftswahl erst im kommenden Jahr beginnt? 

Den Konservativen läuft die Zeit davon

Ganz gleich, wie die Antwort ausfällt: Den Konservativen läuft langsam die Zeit davon, und noch immer führen die eigentlichen Außenseiter Donald Trump und Ben Carson das Bewerberfeld an.

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Daran dürfte sich auch nach der Fernsehdebatte am Mittwoch Abend (Ortszeit) in Boulder im Bundesstaat Colorado wenig ändern: Der bisherige Lautsprecher Trump zeigt sich bei der Auseinandersetzung geradezu moderat und verzichtet auf seine legendären wüsten Ausfälle. In unerwartet ruhigem Ton skizziert er seine Steuersparpläne und wiederholt seine Ideen, die Zuwanderung aus Mittel- und Südamerika zu erschweren. Auch dem Mediziner Ben Carson, der in den Umfragen zurzeit knapp vor Trump rangiert, unterlaufen in der knapp zweistündigen Debatte keine größeren Schnitzer. 

"Herr Carson, sind Sie der Mathematik mächtig?"

Dabei fehlt es nicht an Provokationen: CNBC-Moderator John Harwood fragt Trump ohne Umschweife, ob er einen Wahlkampf wie eine Comic-Figur führen wolle, und an Carson richtet der Journalist die Frage, ob er angesichts seiner Steuerreformpläne überhaupt der Mathematik mächtig sei. 

Überhaupt ist es ein eher schnörkelloser Abend an der Universität von Colorado, bei dem die Gastgeber weitestgehend auf Pomp und Pathos verzichten. Die Regeln sind streng, vielleicht zu streng: Die Bewerber können weder ein längeres Eingangsstatement halten, noch kann sich zwischen den Politikern eine tiefergehende Debatte entwickeln. Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, lässt seinem Ärger schließlich freien Lauf: "Der Staat häuft ein Schuldendefizit von 16 Billionen Dollar an, unzählige Menschen leben in Armut, außenpolitisch fliegt uns einiges um die Ohren – und wir können hier noch nicht einmal ordentlich diskutieren."

Bush greift seinen früheren Schützling an

Mit kühl kalkulierten Attacken versucht sich Bush aus dem Schatten herauszuarbeiten. Der 62-Jährige nimmt weniger Trump oder Carson ins Visier, als vielmehr seinen früheren Schützling Marco Rubio. Dem 44-Jährigen hält Bush vor, seine Parlamentsarbeit als Senator zu vernachlässigen und für das Weiße Haus zu wenig Erfahrung zu besitzen. 

Bushs Strategie ist offensichtlich: Sobald die Begeisterung der republikanischen Basis für die beiden Populisten Trump und Carson nachlässt, dürfte die Riege der ernsthaften Politiker wieder in den Vordergrund rücken. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erwartet der frühere Gouverneur ein Kräftemessen mit Rubio. Ebenso wie sein früherer Mentor besitzt auch der kubanischstämmige Politiker eine große lateinamerikanische Anhängerschaft und zielt mit ähnlichen Forderungen auf die politische Mitte wie Bush: Niedrigere Steuersätze für die Mittelklasse, weniger behördliche Auflagen für Kleinunternehmen und mehr Großzügigkeit im Umgang mit Zuwanderern, die ohne gültige Papiere in den USA leben. 

Bisher setzt Bush auf seinen Erfahrungsvorsprung und sein großes Netzwerk an Sponsoren. Ob das ausreicht? 

Die Zeit rennt, die Chancen sinken

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Bush die Gehälter seines Wahlkampfteams drastisch kürzen ließ. Auch sollen seine Auftritte zunächst auf die Bundesstaaten konzentriert werden, in denen die ersten Vorwahlen stattfinden. Die Mitarbeiter der Kampagne "Jeb 2016" ahnen: Die Zeit rennt, und die Chancen sinken.