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Deutschland / Welt Tausende Patienten werden Opfer von Arztfehlern
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16:19 23.06.2014
Foto:  Patientenschützer forderten ein zentrales Register für die Erfassung aller Behandlungsfehler.
Patientenschützer forderten ein zentrales Register für die Erfassung aller Behandlungsfehler. Quelle: dpa
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Berlin

Die Bundesärztekammer führte die Fehler bei der Vorstellung der aktuellen Statistik am Montag in Berlin auch auf überlange Arbeitszeiten und wachsenden Leistungsdruck zurück. Patientenschützer forderten ein zentrales Register für die Erfassung aller Behandlungsfehler.

Bei den Ärztekammern gingen 2013 insgesamt 12.173 Patientenbeschwerden wegen vermuteter Behandlungsfehler ein. Das waren nur geringfügig weniger als im Vorjahr. Fast 8000 Fälle davon wurden von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft weiterbearbeitet - in 2243 Fällen wurde der Verdacht auf einen Behandlungsfehler bestätigt.

Im Vergleich zum Vorjahr mit 2280 bestätigten Fällen war dies ein leichter Rückgang. In 1864 Fällen waren laut Gutachten die Behandlungsfehler Ursache für einen Gesundheitsschaden, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung rechtfertigte.

„Überlange Arbeitszeiten und ständig wachsender Behandlungsdruck können zu Behandlungsfehlern führen“, erklärte Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen. Jeder Behandlungsfehler sei „einer zuviel“. Angesichts der enorm gestiegenen Zahl der Behandlungsfälle sei es aber bemerkenswert, dass die Zahl der bestätigten Fehler seit Jahren relativ konstant geblieben sei.

Die Stiftung Patientenschutz kritisierte hingegen, wer Stress als Ursache von Behandlungsfehlern benenne, „macht es sich zu einfach“. Gerade Kliniken mit hohen Fallzahlen zum Beispiel bei Gelenkoperationen hätten eine geringere Fehlerquote. Die Organisation sieht in den Zahlen ohnehin „nur die Spitzen des Eisberges“. Die von verschiedenen Stellen veröffentlichten Zahlen müssten daher in einem Zentralregister zusammenlaufen.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen betonte, aus Behandlungsfehlern könne nur gelernt werden, wenn diese nicht verheimlicht würden. „Dafür ist es wichtig, dass sich die Bundesärztekammer offen zu den Problemen bekennt, statt die Anzahl der Fehler unter Verweis auf die Arbeitsbelastung schön zu reden“, erklärte Verbandssprecher Florian Lanz.

Die häufigsten Behandlungsfehler betrafen laut Statistik 2013 in den Kliniken erneut die Diagnose Knie- und Hüftgelenkarthrose sowie Brüche an Unterschenkel und Sprungelenken. Bei niedergelassenen Ärzten betraf dies Brustkrebs.

Nach Ansicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) wirkten die Maßnahmen zur gezielten Fehlervermeidung in den Kliniken. Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn betonte, mit dem Patientenrechtegesetz habe die Regierung den Weg gewiesen für einen transparenten Umgang mit Fehlern und eine angemessene Entschädigung für die Opfer.

Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern dienen bei Arzthaftungsstreits als eine unabhängige, außergerichtliche Anlaufstelle für Patienten. Sie bewerten laut BÄK gut ein Viertel aller vermuteten Arzthaftungsfälle in Deutschland. In rund 90 Prozent der Fälle würden die Entscheidungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen von beiden Parteien akzeptiert und die Streitigkeiten beigelegt.

Auch die Haftpflichtversicherer, Gerichte und Krankenkassen befassen sich mit Vorwürfen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hatte im vergangenen Jahr rund 14.600 Gutachten erstellt - in knapp 3700 der Fälle wurde ein Behandlungsfehler bestätigt.

afp