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19:23 15.11.2015
Foto: Vor dem Restaurant "Casa Nostra" und dem Café "Bonne biere" versammelten sich am Sonntag viele trauernde Pariser.
Der Schock sitzt tief: Vor dem Restaurant "Casa Nostra" und dem Café "Bonne biere" versammelten sich am Sonntag viele trauernde Pariser. Quelle: afp
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Wer waren die Angreifer, wo sind ihre Komplizen und wer sind die Auftraggeber? Nach den blutigen Anschlägen in Paris mit mehr als 120 Toten zeichnen sich schwierige und langwierige Ermittlungen ab. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die offensichtlich koordinierten Angriffe von einer gut organisierten Gruppe verübt wurden. Nach dem Bekenntnis der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gehen die Ermittler auch einer Spur ins Ausland nach. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Ermittlungen:

WAS IST GESCHEHEN?

Die Ermittler versuchen anhand der Aussagen von Augenzeugen und Videoaufnahmen eine genaue Chronologie der Anschläge zu rekonstruieren. Gegen 21.20 Uhr sprengten sich am Stade de France im Norden von Paris drei Attentäter in die Luft. Fast zeitgleich eröffneten Attentäter in mehreren Straßen im Osten von Paris das Feuer auf Cafés, Bars und Restaurants.

In der Nacht zum Sonnabend ist Paris Opfer von mehreren Terroranschlägen geworden. Bei einem Konzert der Rockband Eagles Of Death Metal kam es zu einer blutigen Geiselnahme.

Anschließend griffen vier Attentäter im selben Viertel den Konzertsaal Bataclan an, wo sie mindestens 82 Menschen töteten, bevor sie sich selbst in die Luft sprengten beziehungsweise erschossen werden. Handelt es sich um die selben Männer, die zuvor auf die Cafés feuerten? Wahrscheinlich ja, glaubt die Polizei, will aber nicht ausschließen, dass überlebende Attentäter geflohen sind.

Mindestens 129 Menschen sind bei den Anschläge ums Leben gekommen, über 350 Personen wurden verletzt. Unter den Toten ist mindestens ein deutscher Staatsangehöriger. Der 28-Jährige soll aus München stammen. Ob auch Verletzte unter den Opfern sind, konnte das Auswärtige Amt am Sonntag in Berlin zunächst nicht sagen. 

In der Nacht zum Sonnabend ist Paris Opfer von mehreren Terroranschlägen geworden. Auch beim Länderspiel von Deutschland gegen Frankreich im Stade de France kam es zu Explosionen.

WER STECKT HINTER DEN ANSCHLÄGEN?

Die Massaker waren nach ersten Ermittlungen eine minutiös koordinierte Kommandoaktion von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Erste Spuren weisen nach Belgien. Womöglich wollten die Attentäter sogar ein noch größeres Blutbad anrichten.

Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" könnte ein Anschlag auf das mit knapp 80 000 Fans besetzte Stadion versucht worden sein, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Der französische Präsident François Hollande sprach von einem "Kriegsakt" des IS und kündigte "angemessene Entscheidungen" an. Premierminister Manuel Valls sagte am Sonnabendabend dem Sender TF1: "Ja, wir sind im Krieg." Frankreich werde handeln, um diesen Feind zu zerstören. "Wir ergreifen daher außergewöhnliche Maßnahmen. Und diesen Krieg werden wir gewinnen", schrieb Valls auf Twitter.


Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen von Freitagabend bekennt. Darin hieß es: "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an." Frankreich wird außerdem angedroht: "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung."

WER WAREN DIE ATTENTÄTER?

"Wahrscheinlich sind es drei koordinierte Teams von Terroristen, auf die diese Barbareien zurückgehen", teilte die Pariser Staatsanwaltschaft am Sonnabend mit. Sieben Terroristen seien gestorben, sechs davon hätten sich am Stade de France, im Bataclan und am Boulevard Voltaire in die Luft gesprengt. Der siebte wurde erschossen. Zunächst war von acht getöteten Angreifern die Rede gewesen. Seit Sonntagabend wird nach einem Flüchtigen durch die belgische Justiz international mit einem Fahndungsfoto gesucht.

Gerichtsmediziner untersuchten am Sonnabend die Leichen der Attentäter. Sie hoffen, dass ein Abgleich der DNA mit den Datenbanken der Polizei Hinweise auf ihre Identität gibt. Ein mutmaßlicher Attentäter aus dem Bataclan wurde am Sonnabend bereits als ein den Geheimdiensten bekannter Franzose identifiziert. Am Sonntag wurde bekannt, dass drei Brüder dem Terrornetzwerk angehörten.

Der bei dem Anschlag gestorbene Franzose war anhand eines Fingerabdrucks identifiziert worden. Er war den Behörden nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen seiner Radikalisierung bekannt und mehrfach vorbestraft, allerdings nie im Zusammenhang mit Terror-Netzwerken. Französischer Ermittler nahmen am Sonnabendabend den Vater und den Bruders des Attentäters in Polizeigewahrsam.

Aus Polizeikreisen verlautete, es habe sich bei den Angreifern im Bataclan um "kampferprobte und perfekt trainierte Typen" gehandelt, die von Augenzeugen als "recht jung und selbstsicher" beschrieben worden seien. Zudem hieß es aus Polizeikreisen, nahe einer der Leichen sei ein syrischer Pass gefunden worden. Dies bestärkt den Verdacht auf eine Verbindung der Attentäter ins Ausland.

Zwei der getöteten Attentäter lebten zuletzt im Großraum Brüssel. Es handele sich um Personen mit französischem Pass, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Sonntag mitteilte. Bei einer Anti-Terror-Razzia am Sonnabendabend im Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurden nach jüngsten Angaben insgesamt sieben Personen festgenommen. Fahnder aus Frankreich unterstützten die Arbeit der belgischen Ermittler, hieß es.

WO SIND DIE KOMPLIZEN?

Der Einsatz von Sprengstoffgürteln ist bislang beispiellos in Frankreich und deutet darauf hin, dass ein Sprengstoffexperte an der Planung der Anschläge beteiligt war. Derartige Experten seien für die Hintermänner zu kostbar, als dass sie selbst für Anschläge eingesetzt würden, sagt der Geheimdienstexperte Alain Chouet der Nachrichtenagentur AFP. Der Sprengstoffexperte müsse also noch irgendwo sein.

Wie schnell die Ermittler Erkenntnisse zu den Komplizen, Handlangern und Auftraggebern gewinnen, hängt davon ab, wie gut die Attentäter ihren Spuren verwischt haben. Die Brüder Said und Chérif Kouachi, die im Januar die Satirezeitung "Charlie Hebdo" angegriffen hatten, schienen genau darauf geachtet zu haben, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.

Bei ihrem Komplizen Amédy Coulibaly, der einen jüdischen Supermarkt attackiert hatte, führte die Auswertung von DNA-Spuren und seines Telefons zu sieben Handlangern, gegen die Ermittlungen eingeleitet wurden. Die Ermittler gehen davon aus, dass Coulibaly Anweisungen von der IS-Miliz im Konfliktgebiet in Syrien und dem Irak erhielt.

Am Sonntag haben die Ermittler ein Fahrzeug der Terroristen östlich von Paris sichergestellt. In dem schwarzen Seat seien Waffen gefunden worden. Das berichtete der Sender BFMTV am Sonntag ohne nähere Angaben zur Art der Waffen. Mit dem Auto könnte mindestens einem Terrorkommando nach den Anschlägen von Paris zunächst die Flucht gelungen sein. 

WER IST AN DEN ERMITTLUNGEN BETEILIGT?

Die Staatsanwaltschaft von Paris hat ihre Krisenzelle aktiviert, was ihr erlaubt, alle Staatsanwälte zu mobilisieren. In den ersten Stunden nach den Angriffen waren sämtliche Mitarbeiter der Kriminalpolizei im Einsatz - dies sind rund 2000 Beamte. Alle Anti-Terror-Abteilungen der verschiedenen Sicherheitsdienste sind in die Ermittlungen eingeschaltet.

Die Ausrufung des Ausnahmezustands durch Präsident François Hollande gibt der Polizei weitreichende Befugnisse. Er erlaubt ihnen insbesondere Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss und die Verhängung von Hausarrest für Menschen, die als Bedrohung eingeschätzt werden. Außerdem können Versammlungsverbote verhängt und Konzertsäle und Kinos geschlossen werden.

afp/naw