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Deutschland / Welt Vom deutschen Jugendknast in den Heiligen Krieg
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00:18 26.09.2014
Von Marina Kormbaki
Marco G. steht zurzeit in Düsseldorf wegen versuchten Mordes vor Gericht. In seiner Jugendhaft kam er mit dem radikalen Islamismus in Kontakt. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Jede Zeit bringt ihre Fragen mit sich, und eine Frage, die sich jetzt Sicherheitsbehörden, Müttern und Vätern besonders dringlich stellt, lautet so: Was macht junge Männer zu Fanatikern? Was treibt sie dazu, im Namen des Islam die Welt in Gut und Böse zu teilen, für dieses unversöhnliche Weltbild sogar töten und in ferne Kriege ziehen zu wollen? Die Biografien junger Deutscher, die jetzt unter der schwarzen Flagge der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) kämpfen, und jener Männer, die den „Heiligen Krieg“ zu Hause in die deutsche Provinz tragen wollen, geben darauf keine einhellige Antwort. „Den“ Weg in die Radikalität gibt es nicht, aber es gibt Anhaltspunkte, Muster, Erfahrungen, die viele der bisher bekannten Radikalen teilen.

Viele der Betroffenen wachsen ohne Vater auf, scheitern in der Schule, schlittern in die Kleinkriminalität - und landen dann oft im Jugendstrafvollzug. Bei der Beschreibung solcher Lebenswege taucht in den polizeilichen Akten oft folgender Satz auf: „Im Jugendstrafvollzug kam er in Kontakt mit dem Islam und radikalisierte sich.“ Offenbar bietet die Haft idealen Nährboden für Radikalisierungen.

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Marco G. zum Beispiel, gebürtiger Oldenburger, kam einst als 19-Jähriger wegen mehrerer Raubüberfälle in die Jugendhaftanstalt nach Hameln, saß dort zweieinhalb Jahre ein und fand zum Islam. Gleich nach seiner Entlassung konvertierte er und zog 2011 mit Frau und Kind ins Rheinland, einem Schwerpunkt der islamistischen Szene Deutschlands. Jetzt sitzt Marco G. auf der Anklagebank des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Der heute 26-Jährige soll im Dezember 2012 eine selbst gebastelte Bombe im Bonner Hauptbahnhof abgestellt haben, die zum Glück nicht zündete. Außerdem bereitete Marco G. laut Anklage mit drei Komplizen im Mai 2012 einen Mordanschlag auf den Vorsitzenden der islamfeindlichen Partei Pro NRW vor. Die Polizei schritt rechtzeitig ein. Seit eineinhalb Jahren sitzt Marco G. in Untersuchungshaft.

Interview: „Das sind religiöse Analphabeten“

Herr Mücke, Sie arbeiten im Strafvollzug mit radikalen und gefährdeten Jugendlichen. Warum sind Strafgefangene besonders betroffen?

Im Strafvollzug sitzen Menschen, die das Gefühl haben, gescheitert zu sein. Da hören viele ganz genau hin, wenn ihnen jemand erklärt, dass nicht sie selbst Schuld an ihrer Lage seien, sondern die Verantwortung dafür woanders liege, bei angeblich bösen Kräften. Schwarz-weiß-Denken, einfache Erklärungen und die Aussicht, Teil eines großen Gerechtigkeitskampfes zu sein verfangen da schnell. Ich habe schon viele junge Männer sagen hören: Wenn ich hier raus bin, dann fahre ich nach Syrien.

Es entsteht der Eindruck, dass die religiös-extremistische Radikalisierung zurzeit sehr schnell verläuft – ist das so?

Jugendliche sind nicht von heute auf morgen radikal. Der Resonanzboden für die Rekrutierung wird über Jahre hinweg geschaffen, im privaten Umfeld der Betroffenen. Sie wachsen meist in bildungsfernen Haushalten auf, oft ohne Vater, haben ein geringes Selbstwertgefühl – es sind dieselben Umstände, die auch ein Abgleiten in den Rechtsextremismus begünstigen. Wir beobachten aber, dass die Rekrutierungsaktionen der religiös-extremistischen Szene stark zunehmen.

Sie arbeiten jetzt auch mit Syrien-Rückkehrern. Wie gefährlich sind die?

Das ist schwer zu sagen. Man muss unterscheiden zwischen gewaltbereiten und traumatisierten IS-Unterstützern. Es wird schwierig sein, den Beschuldigten konkrete Taten in Syrien nachzuweisen, aber das ist Sache der Sicherheitsbehörden. Unsere Aufgabe ist es, die jungen Männer zu verunsichern, bei ihnen die Frage aufkommen zu lassen, ob sie einer tatsächlich gerechten Sache dienen. Dazu arbeiten wir mit muslimischen Theologen zusammen. Um in das geschlossene Weltbild der jungen Männer einzudringen, brauchen Sie die Religion als Türöffner.

Halten Sie mehr religiöse Bildung auch außerhalb von Gefängnismauern für eine gute Präventionsmaßnahme?

Extremisten sprechen vor allem religiöse Analphabeten an. Es ist fatal, wenn Kinder und Jugendliche ihre ersten Informationen über den Islam von Extremisten erhalten. Wenn sie die dann nachplappern, etwa in der Schule oder in der Moschee, werden sie zunehmend ausgegrenzt. Das treibt sie in die Arme der Radikalen. Wir müssen mit, nicht nur über diese jungen Menschen reden, auch über Religion.

Interview: Marina Kormbaki

Die U-Haft soll mutmaßliche Kriminelle davon abhalten, noch mehr Schaden anzurichten. Aber es gibt Anlass zur Sorge, dass radikale Islamisten in der Haft nicht minder gefährlich sind als in Freiheit. Als geistige Brandstifter treten sie dort auf. Neulich hat der Prediger Sven Lau, Initiator der Wuppertaler „Scharia-Polizei“ und neben Pierre Vogel Leitfigur der radikalen Salafisten in Deutschland, ein Video auf seine Internetseite gestellt, in dem er erzählt, wie es ihm in U-Haft ergangen ist, Anfang dieses Jahres. „Beim Umschluss saß ich zusammen mit den Brüdern in der Zelle, wir haben viel geredet.“ Gute Gespräche seien es gewesen. Lau soll Männer für den Kampf in Syrien angeworben haben, zweifelsfrei nachgewiesen wurde es ihm nicht. Er kam frei.

Die martialische Selbstinszenierung der vermeintlichen Gotteskrieger, ihre fortwährende Eigen-PR auf sämtlichen Internetkanälen übt derzeit große Anziehungskraft auf junge, desorientierte Männer aus - in Freiheit, und erst recht hinter Gittern. „Strafgefangene sind die ideale Klientel für religiös-extremistische Rekrutierer, weil sie die Hemmschwelle zur Gewalt schon überschritten haben“, sagt Husamuddin Meyer, muslimischer Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden. Bei Freitagsgebeten, in Einzel- und Gruppengesprächen bringt Meyer jungen muslimischen Männern die Lehren des Koran näher. Immer häufiger aber ist der Islamwissenschaftler dann damit beschäftigt, Gläubige von einseitigen Auslegungen des Koran abzubringen, sie zu schützen vor dem „Geschwätz der Radikalen“, wie er sagt: „Die stellen sich gern als besonders konsequente Muslime dar, als die einzig wahren Vertreter des Islam - diese Haltung der Stärke macht sie für viele Gefangene so attraktiv.“ Meyer hat den Job schon seit sechs Jahren. Das Land Hessen bezahlt ihm neun Stunden pro Woche, er hat ausgerechnet, wie viel Gesprächszeit ihm da durchschnittlich für jeden muslimischen Gefangenen der JVA bleibt: sechs Minuten.

Imam Meyer spricht schnell, er ist besorgt. „Es kommen Jungs zu mir und erzählen, dass sie für die Einführung der Scharia sind. Wenn ich denen dann einen Gebetsteppich gebe, zucken die mit den Schultern und sagen, sie beten nicht. Die haben keine Ahnung von der Religion, sie fallen rein auf die Parolen der Radikalen.“ Und die Gefahr sei groß, so Meyer, dass die Hetze nicht mehr bloß durch das in der Haft zwar verbotene, trotzdem verbreitete Smartphone die jungen Männer erreicht, sondern bald auch vom Zellennachbarn verbreitet wird: Es laufen 140 Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche IS-Anhänger - Rückkehrer aus den Kampfgebieten und Sympathisanten. Manches Verfahren wird wohl in eine Gefängnisstrafe münden. „Die werden nicht in Isolationshaft sitzen“, sagt Meyer, „die werden ihre Ideologie im Gefängnis verbreiten.“

Beim Bundesamt für Verfassungsschutz spricht man von einem „neuen Problem“. Gesicherte Erkenntnisse über das Ausmaß der islamistischen Radikalisierung hinter Gittern lägen noch nicht vor, aber man schaue da jetzt „besonders sensibel hin“. Und auch die Justizministerien der Länder wissen um die Gefahr. Vielerorts laufen Programme an, die mehr professionelle, deutsch sprechende muslimische Geistliche zur Gefängnisseelsorge befähigen sollen, Niedersachsen will gern Vorreiter sein. Die Seelsorger sollen den Menschen Beistand leisten. Sie sollen aber auch verhindern, dass Hassprediger die Deutungshoheit über den Islam erlangen.

Es wäre übertrieben, in deutschen Gefängnissen die fünfte Kolonne der Dschihadisten zu vermuten. Menschen, die als Sozialpädagogen, Seelsorger oder Bedienstete in Haftanstalten arbeiten, warnen vor solchen Beschreibungen. Aber das Tückische am Extremismus ist, dass jeder Einzelfall zur Bedrohung werden kann. Und die Einzelfälle mehren sich, Anstaltsleitungen mahnen Mitarbeiter zur Wachsamkeit. „Hass auf den Staat und seine Ordnung fällt im Gefängnis auf fruchtbaren Boden“, sagt ein Gefängnisseelsorger aus Bremen. „Junge, entwurzelte Männer springen schnell auf den Zug der Radikalen auf, erst recht, wenn sie mit Abenteuer und Geld gelockt werden.“

Auch Gerhard Ding, Seelsorger in Mannheim, nimmt Radikalisierungstendenzen mit Sorge wahr. Der Pfarrer warnt aber vor allzu schnellen Schlüssen: „Religion hilft, die schwere Zeit durchzustehen - und Religiosität per se macht einen Menschen nicht zum Verdächtigen, das müssen wir uns in unserer säkularisierten Gesellschaft immer wieder bewusst machen.“

Die im Grundgesetz garantierte Glaubensfreiheit wird auch hinter deutschen Gefängnismauern hoch geachtet, aber es gehört zur Perfidie der Radikalen, dass sie das Recht für ihre Zwecke missbrauchen. Denn die plötzlich zur Schau gestellte Frömmigkeit, die demonstrative Abkehr von früheren Lastern ist oft trügerisch und verleitet das Gefängnispersonal dazu, eine Läuterung zu vermuten, wo keine ist. „Gestern haben die Jungs noch Drogen verkauft, heute finden sie zu Allah, morgen ziehen sie nach Syrien“, sagt Imam Meyer. „Diese jungen Männer sind vieles. Nur ernsthaft religiös - das sind sie nicht.“