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Deutschland / Welt Tschechien trauert um seinen Freiheitskämpfer
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19:53 18.12.2011
Im Stadtzentrum von Prag versammelten sich die Menschen zu spontanen Trauerkundgebungen.
Im Stadtzentrum von Prag versammelten sich die Menschen zu spontanen Trauerkundgebungen. Quelle: rtr
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Prag

Staatspräsident, Dissident und Dramatiker: Der Tscheche Vaclav Havel, Symbolfigur der Wende 1989 in Osteuropa, ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Das bestätigte Havels Sprecherin Sabina Tancevova der Nachrichtenagentur dpa. Bis zuletzt setzte sich der als Held der "Samtenen Revolution" und moralische Stimme seines Heimatlandes verehrte Havel für die weltweite Einhaltung der Menschenrechte ein. Havel starb am Sonntag in seinem Landhaus im Riesengebirge. Als Folge seiner jahrelangen Gefängnisaufenthalte unter dem kommunistischen Regime litt er unter einer chronischen Atemwegserkrankung. 1996 war er wegen Lungenkrebs operiert worden.

Um 18 Uhr läuteten in ganz Tschechien in Erinnerung an Havel die Glocken der Kirchen geläutet. Dazu hatte der katholische Prager Erzbischof Dominik Duka aufgerufen. Havel habe erfahren müssen, was der Verlust der Freiheit und die Verneinung der Menschenwürde, was Unterdrückung und Gefängnis bedeuteten, erklärte Erzbischof Duka. "Unabhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen sind wir alle verpflichtet, ihm die letzte Ehre zu erweisen und Dank zu sagen."

Im Stadtzentrum von Prag versammelten sich die Menschen zu spontanen Trauerkundgebungen. Tausende legten an zentralen Schauplätzen der demokratischen Wende von 1989 Blumen nieder und zündeten Kerzen an. "Havel war für mich ein Symbol der geistigen Veränderung", sagte einer der Trauernden der Zeitung "Dnes". Auf dem Wenzelsplatz, einem der Sammelpunkte der antikommunistischen Demonstrationen von 1989, lasen Studenten zu den Versammelten aus Havel-Biografien und -Gesprächen. Wie vor 22 Jahren klapperten die Menschen mit ihrem Schlüsselbund und hörten Protestlieder an.

Das tschechische Fernsehen hat im Gedenken an den verstorbenen Staatspräsidenten sein Programm geändert. Gezeigt wurden eine Premiere von Havels Drama "Abgang" oder Dokumentarfilme über den Alt-Präsidenten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sendete ein Sonderprogramm, das nur durch Musik von Havels Freunden unterbrochen wurde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Havel als "großen Europäer". "Sein Einsatz für Freiheit und Demokratie bleibt ebenso unvergessen wie seine große Menschlichkeit. Gerade auch wir Deutsche haben ihm viel zu verdanken", schrieb Merkel nach Angaben des Bundespresseamtes an Havels Nachfolger Klaus.

US-Präsident Barack Obama erklärte zum Tode Havels: ""Sein friedlicher Widerstand erschütterte die Grundfesten eines Imperiums, entblößte die Leere einer Ideologie der Unterdrückung und bewies, dass moralische Führungskraft mächtiger ist als jede Waffe." Wie Millionen Menschen sei er von Havels Worten und seiner Führungskraft inspiriert worden, fügte Obama in seiner in Washington veröffentlichten Erklärung hinzu.

Havel war während der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei (1948-1989) die Schlüsselfigur im gewaltlosen Kampf gegen das Regime. Die zwischen 1979 und 1982 aus dem Gefängnis geschriebenen "Briefe an Olga", seine 1996 verstorbene erste Frau, gaben auch den Lesern im Westen einen Einblick in das Unrecht und die Hoffnungslosigkeit dieser Zeit.

Im Wendejahr 1989 wurde Havel zu einem der Repräsentanten des demokratischen Aufbruchs. Die Rufe der Massen auf dem Prager Wenzelsplatz - "Havel in die Burg" - katapultierten ihn 1989 in das Präsidentenamt der neuen demokratischen Tschechoslowakei.

dpa/frs