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Deutschland / Welt Dem Islamischen Staat laufen die Kämpfer davon
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08:17 20.11.2015
Von Stefan Koch
Laut einem Bericht des US-Geheimdienstes laufen dem IS die Kämpfer davon. Quelle: dpa/Symbolbild
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Washington

So martialisch die Aufständischen in den Propagandafilmen auch auftreten, so wenig sei die Macht in den Einflusszonen gesichert. Seit der Vertreibung der IS-Milizen aus der syrischen Stadt Kobane im vergangenen Jahr und der irakischen Metropole Tikrit im März würden zahlreiche Anhänger desertieren. Wie die "New York Times" berichtet, säßen mehrere tausend Männer in Gefängnissen der IS, die auf der Flucht vor ihren einstigen Kameraden gefasst worden seien. Mehrere Hundert seien sogar hingerichtet worden, da sie ihre Einheiten verlassen wollten.

Um die Truppen wieder aufzufüllen, würden mittlerweile 15- und 16-jährige Jugendliche zum Militärdienst gezwungen. Prekär sei vor allem die finanzielle Situation des sogenannten Kalifats. Da der Transportweg zwischen den verbliebenen IS-Hochburgen Rakka und Mosul in der vergangenen Woche von kurdischen Verbänden unterbrochen wurde, sei der Handel mit Rohöl für die Terrorbanden deutlich erschwert worden. Bereits in den vergangenen Monaten sei der Schmuggel mit Kunstschätzen und Rohstoffen deutlich zurückgegangen, da die IS-Milizen von den Kurden aus den syrischen Grenzgebieten vertrieben wurden. 

Noch herrschen unter US-Terrorexperten unterschiedliche Einschätzungen über den Schlagkraft des Islamischen Staates vor. IS-Attentate in anderen Ländern, denen mittlerweile mehr als 1000 Menschen zum Opfer fielen, würden weltweit zwar Angst und Schrecken verbreiten. Ein Indiz für militärische Stärke seien die Verbrechen allerdings nicht. Im Gegenteil: In IS-Kreisen würden apokalyptische Visionen über einen "Endkampf gegen Rom" kursieren. "Die Bezeichnung Rom", sagt Michael Flynn, "verwenden viele Islamisten als Synonym für den Westen." Der frühere Chef des militärischen Geheimdienstes DIA hält den militärischen Arm der IS-Milizen mittlerweile für deutlich geschwächt. Eine Entwarnung für den Westen bedeute diese Entwicklung aber keineswegs: "Für die Kriege im Nahen Osten benötigt der Islamische Staat Soldaten in Armeestärke. Attentate können dagegen von einzelnen Extremisten ausgeübt werden."

Flynn, der mittlerweile für ein privates Forschungsinstitut unweit von Washington arbeitet, sorgte in den vergangenen Tagen für Aufsehen, da er der US-Regierung eine gewisse Mitschuld am Aufstieg der IS gibt. So sagte der pensionierte Generalleutnant gegenüber der "New York Times", dass die IS-Anführer den amerikanischen Geheimdienst seit Jahren bekannt seien. Vor vier Jahren, als Präsident Barack Obama die US-Truppen aus dem Irak abzog, habe es diverse Warnungen der Geheimdienste gegeben: "Unsere Fachleute befürchteten zu Recht, dass die Extremisten das Machtvakuum für sich nutzen könnten. Doch damals wollte das in Washington niemand hören."