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Deutschland / Welt US-Rechte schlägt nach Attentat zurück
Nachrichten Politik Deutschland / Welt US-Rechte schlägt nach Attentat zurück
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17:29 11.01.2011
Vor dem Kapitol in Washington haben Trauernde Blumen niedergelegt. Quelle: dpa
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Als US-Präsident Barack Obama im stillen Gedenken die Opfer von Tucson ehrte, schien es, als halte die Nation für einen Moment inne, als rücke Amerika zusammen. Doch es blieb nur eine Schweige-Minute. Seitdem wird die Debatte, ob politische Brandstifter und Scharfmacher Jared Lee Loughner zu der Bluttat verleiteten, immer schriller. Während die Linke die bisweilen militante Rhetorik der Rechten als Nährboden der Tragödie ausmacht, feuern Amerikas Konservative mit schwerem Geschütz zurück. Symptome für ein tief zerrissenes Land, wie selbst US-Kommentatoren meinen.

Die Demokraten „reiben sich doch die Hände“, tönte die prominente Rechtsaußen-Ikone Rush Limbaugh. Nun könne die Obama-Partei das Attentat zur politischen Wiederauferstehung nutzen. Glenn Beck, Starmoderator des erzkonservativen TV-Senders Fox News, meinte schlicht: „Irre gibt es doch auf allen Seiten.“ Und Newt Gingrich, Wortführer der „Republikanischen Revolution“ der 90er Jahre, schoss verbal in Richtung Linke, dass sie es nicht einmal fertigbringe, Terrorismus mit „radikaler islamischer Ideologie“ in Verbindung zu bringen.

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„Der Kontrast illustriert die Tiefen des ideologischen und kulturellen Konflikts, der das Land spaltet“, befindet Peter Wallstein, Autor der „Washington Post“. Politische Gegner „beanspruchen jeweils für sich den Mantel des Anstandes und weisen die Schuld für ätzende Rhetorik von sich.“ Und dabei herrscht nicht einmal Wahlkampf, der die erhitzte Debatte erklären könnte.

Im Zentrum der Kritik: Sarah Palin, Galionsfigur der stockkonservativen Tea-Party-Bewegung, Ex-Kandidatin für das Vizepräsidentenamt und Vielleicht-Bewerberin für das Weiße Haus 2012. Auf ihrer Facebook-Seite hatte sie den Wahlkreis der demokratischen Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords - Ziel von Attentäter Jared Lee Loughner - mit einem Fadenkreuz markiert. Nach der Verabschiedung von Obamas Gesundheitsreform rief die Ex-Gouverneurin von Alaska ihre Anhänger auf: „Zieht euch nicht zurück - ladet nach!“. Die „Washington Post“ notiert am Dienstag aufmerksam: „Seit den Schüssen hatte Palin nicht viel gesagt.“

Von einem „Klima des Hasses“ in seinem Land spricht der Kolumnist der „New York Times“, Paul Krugman. Ganz neu scheinen ihm derweil die möglichen Zusammenhänge zwischen Brandreden und Blutvergießen nicht. „Seit dem Ende des Wahlkampfes 2008 habe ich ein böses Gefühl im Bauch“, meint der Wirtschafts-Nobelpreisträger. „Ich wurde an das Anschwellen des politischen Hasses nach der Wahl Bill Clintons 1992 erinnert - ein Anstieg, der seinen Höhepunkt in dem Bombenattentat von Oklahoma City fand.“ Aus Hass auf die Regierung hatte der Rechtsradikale Timothy McVeigh bei dem Anschlag auf ein Behördengebäude 1995 knapp 170 Menschen getötet.

Wer sich allein die Menschenmengen bei den Wahlkampfauftritten von John McCain und Sarah Palin 2008 besah, wusste, „dass es soweit ist, dass es wieder passieren kann“, ist sich Krugman sicher. Im April 2009 hatte entsprechend das US-Heimatschutzministerium in einem internen Report davor gewarnt, dass rechter Extremismus wieder auf dem Vormarsch sei - mit wachsendem Gewaltpotenzial.

Die Chancen scheinen angesichts der politisch erstarkten Republikaner gering, aber vielleicht gelingt es Präsident Obama doch, die Nation angesichts der Tragödie zusammenzubringen. An diesem Mittwoch will er in Tucson an die Opfer erinnern und dem Land Trost zusprechen, so wie Ronald Reagan 1986 nach der Challenger- Katastrophe, Clinton nach der Oklahoma-Bombe oder George W. Bush nach den Anschlägen des 11. September 2001. „Die Worte, die der Commander-in-Chief in Zeiten nationaler Not wählt, können seine Präsidentschaft bestimmen“, merkt die „Washington Post“ an.

dpa