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Deutschland / Welt Der amerikanische Asylant
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07:35 16.01.2014
„Willkommen in meiner Heimat“: Nach seiner Desertion von der US-Armee hat André Shepherd sich zuerst im Chiemgau versteckt gehalten, jetzt lebt und arbeitet er legal als Asylbewerber hier. Quelle: Guyton
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Grassau

Der junge Mann lebt im Auto. Er ist Mitte 20, hat sein Informatikstudium fast fertig. Ein Semester fehlt noch bis zum Abschluss, aber der junge Mann hat kein Geld mehr. Die Eltern leben in bescheidenen Verhältnissen, müssen noch drei Geschwister unterstützen. Der Student hangelt sich von einem Billigjob zum nächsten. Doch arbeiten, studieren, im Auto leben, schlafen, lernen – es geht nicht gut. Und so unterschreibt André Shepherd am 27. Januar 2004 im Alter von 27 Jahren einen Vertrag beim Rekrutierungsbüro der US-Army in Cleveland/Ohio. „Das war der größte Fehler meines Lebens.“

Zehn Jahre später öffnet Shepherd das Tor eines alten Bauernhauses in Grassau im Chiemgau, es sind nur ein paar Kilometer zum See. Auf dem Schild am Eingang steht „Königreich Bayern“. Shep­herd, der große schwarze US-Amerikaner, sagt: „Willkommen in meiner Heimat.“
André Shepherd ist ein Deserteur. Zehntausende US-Soldaten desertierten während des Irak-Krieges, die meisten gingen nach Kanada. Einer kam in den Chiemgau.

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Die Zwei-Zimmer-Wohnung ist eher spärlich eingerichtet. André Shepherd arbeitet als Informatiker für einen kleinen bayerischen Internetdienstleister, hat ein durchschnittliches Gehalt, muss viel reisen. Er habe viele Freunde in der Gegend, sagt er. „Die haben immer zu mir gehalten. Mir fehlt es eigentlich nur an Zeit.“ Denn neben seinem fast normalen Leben läuft so etwas wie ein zweites Leben, sein Asylverfahren, ein Kampf mit vielen Tausend Seiten an Dokumenten, mit Anträgen, Widersprüchen, Erklärungen.

Shepherd ist der erste Deserteur der US-Armee, der versucht, in Deutschland als politischer Flüchtling anerkannt zu werden. Die Angelegenheit ist kompliziert und auch politisch ziemlich heikel, weil sie das Verhältnis zu den USA betrifft. Seit mehr als fünf Jahren läuft der Fall, inzwischen beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof mit der Frage:  Wenn ein amerikanischer Soldat nicht an die Rechtmäßigkeit eines Krieges glaubt, in den sein Land ihn schickt, und wenn dieser Soldat deshalb desertiert – muss Deutschland ihm dann politisches Asyl und damit Schutz vor Strafverfolgung in den USA gewähren? Ein Dorf im Chiemgau, im erzkonservativen Bayern, ist dafür.

Der Deserteur und das EU-Recht

Wird Deutschland einem US-Bürger Asyl gewähren? Es erscheint auf den ersten Blick absurd. Das europäische Recht aber öffnet große Spielräume. Unbestritten ist, das André Shepherd in den USA Strafverfolgung wegen Fahnenflucht droht – rein theoretisch bis hin zur Todesstrafe. Sein Asylantrag stützt sich nun auf die sogenannte Qualifikationsrichtlinie der EU. Diese regelt die Mindeststandards für die Anerkennung und den Status von Flüchtlingen aus Drittstaaten und ist in ihrer Neufassung seit Weihnachten für alle EU-Staaten verbindlich.

Die Richtlinie sieht den Schutz vor Verfolgung für einen Deserteur vor, wenn der Militärdienst völkerrechtswidrige Verbrechen oder Handlungen umfasst. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg wird nun prüfen, „ab welchem Grad der Verstrickung in militärische Auseinandersetzungen das Flüchtlingsrecht einem Angehörigen der Streitkräfte eine Desertion zugesteht, wegen der er bestraft wird“. Unter anderem wird es im konkreten Fall auch darum gehen, ob im Irak durch die US-Truppen nur vereinzelt von Individuen oder systematisch Kriegsverbrechen verübt wurden. Je kritischer die Richter diese Frage bewerten, desto größer sind Shepherds Chancen auf Asyl.

Als André Shepherd in die Armee eintritt, ist der Irak-Krieg offiziell seit einem Jahr beendet. Zehntausende US-Soldaten aber sind weiter in dem von bürgerkriegsähnlicher Gewalt und Terroranschlägen zerrissenen Land stationiert. Der Rekrut wird 2004 in den USA zum Techniker für die Apache-Kampfhubschrauber ausgebildet. Die Eltern in Cleveland sind stolz auf ihn. „Mir waren beim Eintritt in die Army zwei Sachen wichtig“, erinnert er sich: „Die Krankenversicherung und die Ausbildung. Ich war damals kein politischer Mensch.“ Er glaubt dem Rekrutierungsoffizier in Cleveland, dass es unter den US-Soldaten im Irak kaum Verluste gebe, dass die Bevölkerung sie dort als Helden und Befreier empfange. Doch die Armee erweist sich nicht als Truppe patriotischer Kämpfer. „Es war eine Armee der armen Schlucker.“

Nach einem Zwischenstopp in Deutschland, in der Kaserne des US-Fliegerhorsts Katterbach bei Nürnberg, geht es für sechs Monate in den Irak. Über den Einsatz redet Shepherd im Stakkato, ohne Pause, atmet schneller. Als er am Einsatzort in der Nähe von Tikrit auf irakische Zivilisten trifft, beäugen diese ihn misstrauisch und auch wütend. „Die Leute hatten nichts zu essen, sie waren völlig verängstigt.“ Das Technikerteam arbeitet ständig an den Apache-Hubschraubern, um sie einsatzfähig zu halten. „Die Piloten durften nichts über ihre Flüge sagen.“

Informationen kursieren trotzdem, über Geheimmissionen, tote Soldaten und tote Zivilisten. „Die Zweifel wurden immer größer“, erinnert sich André Shepherd, „ich hatte ständig Magenschmerzen.“ Im Spätherbst 2004 bombardieren US-Truppen die Stadt Falludscha, in der mehrere Tausend Zivilisten ums Leben kamen. Shepherd hat die Schlacht aus nächster Nähe miterlebt, und wusste: Mit diesem Krieg wollte er nichts mehr zu tun haben. Dann kommt heraus, dass der eigentliche Kriegsgrund nie existiert hatte. Es gab keine irakischen Massenvernichtungswaffen. Und immer mehr Soldaten fragen ihre Vorgesetzten: „Wann gehen wir wieder nach Hause?“

André Shepherd geht nie wieder nach Hause. Setzte er einen Fuß in die USA, er würde wohl sofort verhaftet werden. Deserteure werden von US-Kriegsgerichten hart bestraft, meist mit einigen Jahren Gefängnis.

Aber Shepherd kommt aus dem Irak raus. 2005 ist er wieder in Katterbach. Es besteht Hoffnung, dass seine Hubschraubereinheit nicht so schnell wieder eingesetzt wird. André Shepherd verlässt häufig die Kaserne, lernt Deutsche kennen, die zu Freunden werden. Er redet viel mit ihnen. „Es war für mich wie eine Therapie“, sagt er. Von seinen amerikanischen Kameraden entfremdet er sich immer mehr.

Dann kommt er doch, der gefürchtete zweite Einsatzbefehl für den Irak. Und Shepherd weiß, dass er ihn nicht befolgen wird. Am 11. April 2007 ist er mit einem Freund aus dem Chiemgau verabredet, Dieter. „Ich wusste: Wenn ich jetzt gehe, dann gebe ich die USA auf, Cleveland, meine Heimat.“ Shepherd packt in der Kaserne ein paar Klamotten ein, nimmt seinen Armeeausweis mit und eine Dartsscheibe. „Meinen amerikanischen Reisepass habe ich vergessen.“ Er geht durch das Haupttor nach draußen, steigt ins Auto der Freunde. Dann ist er weg. 
19 Monate lang ist er fort, er lebt als Deserteur, als Illegaler im Chiemgau. Zum Beispiel beim Dieter und seiner Familie. „Dort hätte man mich nie finden können“, sagt Shepherd. Es muss so ungefähr im letzten Haus des letzten kleinen Dorfes gewesen sein. „Ich habe geputzt, im Haushalt und im Garten geholfen.“ Einige Monate war er auch beim „Bäcker“, wie alle den Michael nennen, weil er eben Bäcker ist. „Das war für mich selbstverständlich, dass wir ihn aufnehmen“, erinnert sich der Bäcker. Er erzählt, wie seine kleinen Kinder Shepherd immer wieder lange aus ihren Bilderbüchern vorgelesen haben. „Da hat er Deutsch gelernt.“

Kam der Fremde denn den Nachbarn, den Menschen im Dorf nie komisch vor? Ist da niemand mal zum Rathaus oder zur Polizei gegangen? Da sagt der Bäcker einen denkwürdigen Satz: „Hier auf dem Dorf hält man zusammen.“ Wenn bei ihm einer wohne, dann sei das in Ordnung, und zwar für alle. Das Dorf kannte die Geschichte des schwarzen Mannes.

Shepherd weiß nicht, ob die Army nach ihm sucht, ob sie seine Desertion der deutschen Polizei gemeldet hat. Bei zwei Polizeikontrollen zückt er seinen Armeeausweis und bleibt unbehelligt. 

Als es André Shepherd in der Illegalität nicht mehr aushält, geht er zum Landratsamt nach Rosenheim. Er erzählt seine Geschichte und fragt, was er machen kann. Die Mitarbeiter reagieren ungläubig. Sie sind nicht zuständig, sie holen aber auch nicht die Polizei. Ein Mann von der Behörde sagt: „Endlich hat das mal einer von denen gemacht.“ Am 26. November 2008 stellt er Antrag auf politisches Asyl und zieht, ganz offiziell, für ein Jahr in ein Asylbewerberheim in Karlsruhe.

In seinem Antrag hatte er ausgeführt, dass er sich nicht weiter an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg beteiligen könne. Er berief sich auf eine entsprechende EU-Richtlinie. Die Behörde entgegnete, dass er als Apache-Techniker nie unmittelbar an die Front geraten sei und dass die Vereinten Nationen mit ihrer Resolution 1546 den US-Einsatz von Juni 2004 an als Aufbau der Nachkriegsordnung gebilligt haben – also bevor Shep­herd in das Land entsandt worden war. Das Bundesamt für Migration lehnte 2011 seinen Asylantrag ab. Dagegen zog er vor Gericht.
Doch beim Verwaltungsgericht München wollte man keine Entscheidung über seinen Fall treffen. Jetzt liegt die Klage zur Vorabentscheidung beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Shep­herd und sein Frankfurter Anwalt Reinhard Marx rechnen damit, dass der Deserteur Ende dieses Jahres angehört wird. Es wird, so viel steht schon jetzt fest, nicht nur ein Präzedenzfall für Deutschland, sondern für die gesamte EU.

Bernau, Prien, Seebruck“ – Shepherd zählt die Orte am Chiemsee auf, die er mag, wo er Freunde hat. Sein Deutsch ist ziemlich gut, doch auf Englisch kann er sich präziser ausdrücken. Er möchte bald einmal Schloss Neuschwanstein besuchen. Da kauft er sich dann Postkarten und verschickt sie mit dem Satz: „Das ist mein neues Haus in Deutschland.“ Shep­herd lacht wieder. Es ist, als will er auch eine Trauer weglachen. Was wünscht er sich für die Zukunft? „Eine nette Frau, Kinder, einfach ein normales Leben.“ Im Chiemgau.
Und die Eltern in Cleveland, sind sie immer noch stolz auf ihren Sohn? Sie haben immerhin gelernt, seine Entscheidung gegen sein Land zu akzeptieren. Mehr erwartet der Deserteur auch nicht.

Von Patrick Guyton

15.01.2014
15.01.2014