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Deutschland / Welt USA entschuldigen sich für Menschenversuche in Guatemala
Nachrichten Politik Deutschland / Welt USA entschuldigen sich für Menschenversuche in Guatemala
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20:23 03.10.2010
Barack Obama entschuldigte sich am vergangenen Freitag für die Menschenversuche an der guatemalischen Bevölkerung vor mehr als 70 Jahren. Quelle: afp (Archiv)
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Colom verurteilte die Vorfälle als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und behielt sich rechtliche Schritte vor.

In den Jahren 1946 bis 1948 hatte der US-Arzt John Cutler in Guatemala an rund 1500 Menschen untersucht, ob mit dem damals noch neuen Wirkstoff Penicillin Geschlechtskrankheiten behandelt werden können. Dafür infizierten Cutler und seine Mitarbeiter zunächst Prostituierte mit Tripper oder Syphillis, dann ermunterten sie die Frauen zu ungeschütztem Sex mit Soldaten oder Gefängnisinsassen. Weil sich nur wenige Männer ansteckten, infizierten die Ärzte Soldaten, Gefängnisinsassen sowie psychisch Kranke schließlich direkt mit den Krankheiten.

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Die US-Ärzte klärten die Beteiligten nicht über ihr Vorgehen und die möglichen Folgen auf. Mindestens einer der Patienten starb während der Studie. Unklar ist jedoch, ob sein Tod durch das Experiment ausgelöst wurde.
Die Menschenversuche waren erst in diesem Jahr bekannt geworden, als eine College-Professorin durch Zufall in einem Archiv Dokumente darüber entdeckte. Die Studie war nie veröffentlicht worden.

Obama entschuldigte sich bei den Opfern, wie sein Sprecher Robert Gibbs mitteilte. „Das ist schockierend, es ist tragisch und verwerflich“, sagte er. Außenministerin Hillary Clinton und Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius bezeichneten die US-Studie als „unethisch“ und „verwerflich“. Die beiden kündigten eine umfassende Untersuchung der Geschehnisse an.

Die US-Studie war vom Panamerikanischen Gesundheitsbüro, das später in Panamerikanische Gesundheitsorganisation umbenannt wurde, vorgenommen worden. Finanziert wurde die Untersuchung von den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH). Deren heutiger Leiter Francis Collins sprach von einem „entsetzlichen Beispiel für das dunkle Kapitel in der Geschichte der Medizin“.

Guatemalas Staatschef Colom sagte: „Was vor all den Jahren geschehen ist, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und die Regierung behält sich das Recht vor, eine formale juristische Beschwerde einzulegen.“ Seine harsche Äußerung milderte er allerdings mit der Feststellung ab, er sei sich „bewusst, dass das nicht die Politik der USA (von heute) ist“.

„Auch wenn die USA eine Supermacht sind, dürfen sie solche Art von Experimenten nicht machen“, sagte der Leiter der Menschenrechtsabteilung des guatemaltekischen Erzbistums, Nery Rodenas. Die Opfer seien wie „Laborratten“ behandelt worden. Rodenas forderte eine Entschädigungszahlung. Eine Entschuldigung reiche nicht aus, sagte auch die guatemaltekische Abgeordnete Zury Rios.

Der Forschungsskandal weckte Erinnerungen an eine weitere Studie, an der Cutler auch beteiligt war. Dabei wurde zwischen 1932 und 1972 hunderten an Syphillis erkrankten Afroamerikanern im US-Bundesstaat Alabama eine medizinische Behandlung vorenthalten, um den Verlauf der Krankheit zu untersuchen. Das Experiment, für das sich 1997 der damalige US-Präsident Bill Clinton bei den Überlebenden entschuldigte, ist auch unter dem Namen Tuskegee-Syphillis-Studie bekannt.Tuskegee ist eine Stadt in Alabama.

afp