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Deutschland / Welt Über 1000 Einwanderer verlassen italienische Stadt nach Gewalt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Über 1000 Einwanderer verlassen italienische Stadt nach Gewalt
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15:05 10.01.2010
Afrikanische Helfer verlassen die italienische Rosarno. Quelle: ap
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Die Behörden brachten die Einwanderer nach eigenen Angaben mit Bussen in Notunterkünfte in den Städten Crotone und Bari, einige flohen auf eigene Faust aus Rosarno. Die Justiz untersuchte eine mögliche Verantwortung der Mafia für die Gewalt. Unter dem Applaus der örtlichen Bevölkerung fuhren am Sonnabend bis in die Nacht Busse mit den afrikanische Einwandern aus Rosarno ab. Insgesamt verließen nach Angaben der Präfektur 1128 Immigranten die Stadt, 800 von ihnen wurden nach Bari und Crotone gefahren.

Viele Einwanderer brachten sich laut Polizei auch selbst in Sicherheit und verließen mit ihren Autos oder im Zug die Kleinstadt mit rund 15.000 Bewohnern. Die Afrikaner waren überwiegend illegal als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt worden.

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In Rosarno hatte es seit Donnerstagabend gewalttätige Ausschreitungen zwischen Bewohnern und Polizisten sowie Einwanderern gegeben. Dabei wurden nach Behördenangaben 67 Menschen verletzt, darunter 31 Ausländer, 17 Einheimische und 19 Polizisten. Auslöser war eine Demonstration von hunderten Einwanderern, nachdem einige von ihnen von Unbekannten mit einem Luftgewehr beschossen worden waren. Sie steckten Autos in Brand, schlugen Schaufenster ein und lieferten sich gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Aufgebrachte Anwohner wollten sich dafür am Freitag offenbar rächen und attackierten die Einwanderer nach Berichten der Nachrichtenagentur ANSA mit Schrotflinten und Eisenstangen. Sie fuhren mehrere Afrikaner absichtlich mit ihren Autos an, errichteten Barrikaden und besetzten vorübergehend das Rathaus. Am Samstag beruhigte sich die Lage in Rosarno wieder.

Medienberichten zufolge werden jedes Jahr mindestens 4000 Einwanderer illegal in Rosarno für die Obsternte eingesetzt; das UN-Flüchtlingswerk (UNHCR) kritisiert ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen als unmenschlich. Die Afrikaner hausen in einem alten Fabrikgebäude vor der Stadt, in dem es nur acht Chemietoiletten und drei Duschen für tausend Menschen gibt. Andere kamen in verlassenen Bauernhöfen unter. Ihr Tagesverdienst liegt bei nur etwa 25 Euro.

Nach der Gewalt flohen einige Einwanderer, ohne ihre Löhne ausgezahlt bekommen zu haben. Francis, ein 25-jähriger Ghanaer, sagte, sein Arbeitgeber schulde ihm noch 200 Euro. Er habe aber zu viel Angst, um in Rosarno zu bleiben. „Wenn ich nicht gehe, werde ich sterben“, sagte er.

Die italienische Justiz untersuchte eine Verstrickung der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta in die Ereignisse. Innenminister Roberto Maroni prangerte im Fernsehsender Sky die Ausbeutung der Einwanderer durch die „organisierte Kriminalität“ an.

Papst Benedikt XVI. kritisierte die Übergriffe scharf. „Gewalt darf niemals das Mittel zur Lösung von Problemen sein“, sagte der Papst beim Angelus-Gebet am Sonntag im Rom. Einwanderer seien „Menschen, die zu respektieren sind und die Rechte und Pflichten haben“.

In Rom fand am Samstag eine Kundgebung zur Unterstützung der Einwanderer von Rosarno statt. Am Rande der Veranstaltung kam es zu Rangeleien zwischen Demonstranten und der Polizei.

afp