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Deutschland / Welt Umjubelt und geachtet: Margot Käßmann auf dem Kirchentag
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Umjubelt und geachtet: Margot Käßmann auf dem Kirchentag
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23:13 13.05.2010
Von Gabriele Schulte
Margot Käßmann Quelle: dpa
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Zum ersten Mal seit ihrem Rücktritt im Februar tritt sie an diesem Donnerstag wieder offiziell und öffentlich auf. 20.000 Teilnehmer strömen den zahlreichen Bibelarbeiten am Vormittag zu – 6000 allein hören Margot Käßmann zu.

Etliche Fans haben sich in aller Frühe auf den Weg zum fernab der Münchener Innenstadt gelegenen Messegelände gemacht, um einen Platz zu ergattern. Der 51-Jährigen in schwarzem Kleid und weißer Jacke scheint der Rummel nicht ganz geheuer zu ein. „Danke für das herzliche Willkommen“, sagt sie zwar zur Begrüßung und: „Das tut mir gut.“ Dann aber dauert es lange, bis Käßmann vom angestrengten Ablesen ihres Textes auch nur annähernd zu ihrer alten Form als Predigerin findet.

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Elf Termine wird die frühere Bischöfin beim Kirchentag als Pastorin bestreiten. Wo sie als EKD-Vorsitzende auftreten sollte, wird sie von Nikolaus Schneider ersetzt, ihrem amtierenden Nachfolger als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Neben den klassischen Themen Frieden und soziale Gerechtigkeit widmet sich das überkonfessionelle Laientreffen bis zum Sonntag auch den aktuellen, brisanten Themen wie den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche; zwei Podien dazu wurden nachträglich ins Programm genommen.

Zentrales Anliegen ist sieben Jahre nach dem 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin wieder die Annäherung der Konfessionen. „Lasst uns gemeinsam Berge versetzen“, sagten beim kühlen Eröffnungsgottesdienst auf der Theresienwiese der protestantische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel und sein katholisches Pendant Alois Glück. Doch statt Aufbruchstimmung wie seinerzeit im frühsommerlich warmen Berlin herrscht im verregneten München Ernüchterung. Die Enttäuschung über das Stocken der Ökumene, aber auch die Missbrauchsdiskussion haben viele Gläubige diesmal ferngehalten. Waren 200.000 nach Berlin gekommen, haben sich in München nur 120.000 Dauergäste für die rund 3000 Veranstaltungen angemeldet. Und in das Mottolied des Kirchentags „Damit ihr Hoffnung habt“ stimmen viele nur zögerlich ein.

Das Thema Ökumene spricht auch Margot Käßmann kurz an: Die Kirchen sollten sich mehr dem Verbindenden als dem Trennenden zuwenden. Doch ihre Bibelarbeit zu Noahs Arche bietet den Zuhörern nicht zuletzt das, was sie erhofft haben – Hinweise darauf, wie die beliebte Theologin ihre folgenschwere Promillefahrt in Hannover verkraftet. Wie sie ihr Leben danach einrichtet. Woraus sie Zuversicht schöpft.

Als Leitmotiv prägt das Bild von der „zweitbesten aller Welten“ Käßmanns Auftritt. Sie spricht von einer „zweiten Chance“ für den Menschen, der niemals perfekt sein könne. „Wir Menschen sind alle Mängelexemplare.“ Die Ampel, die sie mit mehr als 1,5 Promille im Blut bei Rot überfahren hat, spricht Käßmann direkt an. Einen wolkenfreien Himmel habe Gott nie verheißen. „Da kann Depression den Himmel verdunkeln“, sagt sie. „Der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine verlorene Liebe. Eine rote Ampel ...“ Auch hier gibt es spontanen Applaus. Das Eingeständnis von Fehlern und der konsequente Rücktritt der Bischöfin haben viele Kirchentagsbesucher nach eigenem Bekunden dazu gebracht, die zierliche Frau noch mehr zu verehren als vorher schon.

Nach diesem ersten Auftritt eilt Käßmann gleich zum Dienstwagen. Doch bei anderen Gelegenheiten kann sie sich der offen zur Schau getragenen Begeisterung ihrer Anhänger nicht entziehen: Immer wieder drängen viele Männer und noch mehr Frauen nach vorn, um ihr die Hand zu drücken, sich ein Autogramm geben zu lassen und ihr zu versichern, dass sie weiterhin Vorbild sei.

Bereits kurz vor Eröffnung des Kirchentags am Mittwoch hatte die Theologin in einer Buchhandlung am Marienplatz ihr neues Buch „Das große Du – Das Vaterunser“ vorgestellt, das im Lutherischen Verlagshaus Hannover erschienen ist. Mehr als 300 Fans lauschten dort ihrer knappen Präsentation. Viele warteten eine Stunde geduldig in der Schlange derer, die sich Bücher signieren ließen.

Die Antwort auf die alle interessierende Frage gibt Margot Käßmann ganz zum Schluss in kleiner Runde. „Mir geht es vielfältig, sagen wir mal so“, sagt sie zu einer Frau, die sich am Signiertisch nach ihrem Befinden erkundigt. Als sie in der Nähe eine Journalistin entdeckt, korrigiert sie schnell: „Mir geht es gut.“ Den Eindruck, dass es ihr wirklich gut geht, hatten die vorwiegend älteren Zuhörer zuvor allerdings nicht gewonnen. Margot Käßmann, auch hier schwarz-weiß gekleidet, wirkt zu diesem Zeitpunkt noch angespannter, die Beine fast verkrampft übereinander geschlagen, die Stimme gedämpft.

„Das große Du“ ist in der schon 2005 konzipierten Reihe „Einfach evangelisch“ erschienen. Auf ihren Rücktritt bezieht sich Käßmann darin nicht, wohl aber auf ihren Gottesdienst in der hannoverschen Marktkirche nach dem Tod von 96-Tor­hüter Robert Enke. „Da haben die Fans draußen vor der Tür in das Gebet eingestimmt.“

Mag anderswo die Schar derer gewachsen sein, die sich kritisch über die frühere Bischöfin äußern – in München erweisen sich alle als Anhänger. Zuhörer schwärmen von „ihrer Ausstrahlung, ihrem Auftreten“ und „ihrer Aufrichtigkeit“. Einzelne übergeben kleine Geschenke wie einen Marienkäfer aus Schokolade. Andere teilen Margot Käßmann mit, dass sie sie in ihre Gebete einschließen. „Ich bin froh, dass Sie hier sind“, verrät ihr die 40-jährige Gaby Kampe aus Nienburg. „Danke“, antwortet Käßmann knapp und lächelnd, wie so viele Male in diesen Tagen.

„Sie ist immer noch meine Bischöfin“, meint die Hannoveranerin Monika Ilsemann, die gleich vier Käßmann-Bücher zum Signieren dabei hatte, darunter „In der Mitte des Lebens“, den weiter in der „Spiegel“-Bestsellerliste vertretenen autobiografischen Ratgeber. Die 63-Jährige lobt die „konsequente, verantwortungsvolle Haltung“, die Käßmann nach ihrer Alkoholfahrt an den Tag gelegt habe – und die viele katholische Geistliche nach Fehltritten vermissen ließen.

Mit Aufrufen, in der tiefen Vertrauenskrise der Kirche neue Signale christlicher Hoffnung zu setzen, hat am Mittwoch in München der 2. Ökumenische Kirchentag begonnen.

Später dann, in der Kirche St. Johann Baptist, sucht Margot Käßmann sich bei einer Gesprächsrunde zu „Frauen und Macht“ einen Platz am Rande des Podiums. Draußen vor dem Kirchenportal halten Ordner Schilder hoch: „Halle überfüllt“ steht darauf, wie an jedem Ort, an dem Käßmann an diesen ersten beiden Kirchentagstagen auftritt. Zunehmend lockerer erzählt sie dort von Widerständen, die ihr schon als junge Theologin seitens der Kirchenhierarchie entgegengebracht worden seien. Eine Frau aus dem Publikum fragt: „Bedeutet Machtverlust Ohnmacht?“ Käßmann antwortet ohne Zögern: „Machtverlust bedeutet auch Freiheit.“ Wieder erntet sie spontanen Applaus, fährt fort: „Macht macht ja auch Angst, weil Macht auch Verantwortung bedeutet.“ Sie gab zu, als Bischöfin „manchmal schlaflose Nächte“ gehabt zu haben bei Gedanken an die Folgen ihrer Entscheidungen. „Dass mir der Satz ,Nichts ist gut in Afghanistan‘ um die Ohren geschlagen würde, wusste ich allerdings vorher nicht.“

Käßmann nimmt an diesem Tag noch an einer Diskussion zum Ehrenamt teil, und sie teilt mit ihrem EKD-Nachfolger Schneider ein Talksofa der Kirchenpresse. Mit dem Publikum will sie sprechen. Weitere Fragen von Journalisten hat sie sich verbeten. Ganz zum Schluss, bevor sie aufsteht, um zum letzten Termin zu entschwinden, zu einem Frauengottesdienst, gibt Margot Käßmann in einem einzigen Satz vielleicht mehr preis von ihrem Innenleben als während des gesamten Auftrittreigens dieses langen Tages. „Hoffnung“, sagt sie, „Hoffnung ist die Grundmelodie des Lebens – dass ich wieder aufstehe, wenn ich gefallen bin.“