Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Uneinigkeit über olympische Schweigeminute
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Uneinigkeit über olympische Schweigeminute
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:41 23.07.2012
Von Uwe Janssen
„Angemessene Form der Würdigung?“: Die IOC-Chefs Jacques Rogge und Thomas Bach (links). Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Da ist es wieder, dieses Wort: Olympia-Boykott. Eine Spiele-Verderbervokabel, die sich durch die gesamte Geschichte dieser eigentlich völkerverbindenden Veranstaltung zieht. Schon 1952 in Helsinki war Dabeisein nicht alles für die taiwanische Delegation, die aus Protest gegen die Teilnahme Rotchinas die Koffer packte. 1956 war es der Ungarn-Aufstand, 1976 die Apartheid-Politik, 1980 in Moskau blieb der politische Westen fern, vier Jahre später in Los Angeles der Ostblock.

Nun, kurz vor Beginn der Londoner Spiele, ist es wieder da, das Wort. Der Anlass ist kurz, aber nicht klein. Es geht um eine Schweigeminute für die Opfer des Attentats palästinensischer Terroristen bei den Spielen in München 1972, bei dem elf israelische Sportler getötet wurden. Knapp 40 Jahre später werden nicht nur die Umstände der damaligen Geiselnahme und Befreiungsaktion anhand neuer Dokumente wieder aufgerollt, sondern auch das Für und Wider eines Gedenkens während der Eröffnungsfeier in London diskutiert.

Anzeige

Politiker aus Australien, Kanada oder dem Gastgeberland sind dafür. Guido Westerwelle, deutscher Außenminister, hält ein „Innehalten zu einem passenden Zeitpunkt“ für würdevoll. Selbst US-Präsident Barack Obama hat die symbolträchtige Aktion empfohlen. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, ist allerdings strikt dagegen und hat auf den Einwurf aus dem Weißen Haus ungewöhnlich scharf reagiert. „Wir hören immer genau zu, wenn Mitglieder der Gesellschaft ihre Meinung abgeben. Wir widmen dem große Aufmerksamkeit und berücksichtigen sie. Aber das heißt nicht, dass wir diesen Rat befolgen.“

Thomas Bach, zweiter Mann im IOC und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, steht hinter seinem Chef, und der ehemalige Weltklassefechter war es auch, der nun über diesen Begriff räsonierte: Boykott. Und das, obwohl er es anders meinte, sich aber ein wenig umständlich ausdrückte. In einem Interview mit der Deutschen Welle sagte Bach, das Nein zu einem Gedenken bei der Zeremonie sei auch in der Haltung arabischer Staaten begründet. Ein Boykott der Spiele durch diese Staaten „könnte eine Auswirkung sein, nach Ansicht vieler“. Für ihn stehe das aber nicht im Vordergrund. 

Das IOC hat einen anderen Plan: In Abstimmung mit dem Nationalen Olympischen Komitee Israels soll es am 6. August in Londons Guildhall eine Gedenkfeier geben, bei der auch Jacques Rogge anwesend sein wird. Bach hält dies für „die angemessene Form der Würdigung“. Außerdem organisiere Israel solche Gedenkfeiern schon seit 1976.

Dann kann es also vollzählig losgehen, wenn das olympische Feuer am Freitag entfacht wird. Die Fackel ist schon in London. Einer der Träger am Donnerstag: Thomas Bach.