Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Untersuchungsbericht der Marine entlastet „Gorch Fock“-Kommandanten
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Untersuchungsbericht der Marine entlastet „Gorch Fock“-Kommandanten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:29 27.02.2011
Der abgesetzte Kommandant der „Gorch Fock“, Norbert Schatz, wird laut «Focus» im Untersuchungsbericht der Marine entlastet.
Der abgesetzte Kommandant der „Gorch Fock“, Norbert Schatz, wird laut «Focus» entlastet.
Anzeige

Der abgesetzte „Gorch Fock“-Kapitän Norbert Schatz wird nach „Focus“-Angaben im Untersuchungsbericht der Marine entlastet. Ein „disziplinarrechtlich relevantes Fehlverhalten“ des Kapitäns sei „nicht zu erkennen“, schreibt das Magazin. In Marinekreisen werde erwartet, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) den von ihm suspendierten Kapitän rehabilitiert. Die Marine prüft den Vorwurf chaotischer Zustände.

Guttenberg hatte Kapitän Schatz im Januar vorläufig von seinen Pflichten entbunden. Zuvor hatte er gesagt, man müsse erst aufklären und dann Konsequenzen ziehen. Für seine rasche Entscheidung gab es viel Kritik. Der Grünen-Sicherheitspolitiker Omid Nouripour sagte der dpa am Samstag: „Wir haben es hier mit einem Korrekturminister zu tun - rund um die Uhr.“

Die Bundeswehr war wegen der „Gorch Fock“-Affäre, wegen eines mysteriösen Schießunfalls in Afghanistan und wegen geöffneter Feldpost in Kritik geraten. Im November 2010 war eine 25 Jahre alte Kadettin bei einer Übung in Brasilien aus der Takelage in den Tod gestürzt. Nach ihrem Tod hatten Offiziersanwärter das Verhalten der Vorgesetzten massiv kritisiert. Sie warfen der Stammbesatzung Schikanen bis hin zu sexueller Nötigung und fragwürdigen Ritualen vor. Die Ausbildung wurde danach abgebrochen. Die Schiffsführung soll den Offiziersanwärtern Meuterei vorgeworfen haben.

Der Chef der Untersuchungskommission soll Marineinspekteur Axel Schimpf am Mittwoch über den Inhalt des bislang unveröffentlichten Berichts vorab informiert haben. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte am Samstag, der Bericht sei noch nicht fertig. Das Ministerum äußere sich aber nicht zu internen Berichten. Auch die Marine wollte zunächst keine Stellung nehmen. Vor der offiziellen Veröffentlichung des Berichts sei nicht mit einer Stellungnahme zu rechnen, sagte ein Marinesprecher in Glücksburg (Kreis Schleswig-Flensburg). Ursprünglich sollte der Bericht bis Ende Februar fertig sein.

Die Stammcrew hatte im Januar in einem offenen Brief ihr Unverständnis geäußert, „einen Kommandanten, der allseits beliebt ist, gut zu seiner Besatzung war und viele Entbehrungen auf sich und seine Familie genommen hat (...), so abzuservieren“. Sie verwahrte sich auch gegen Äußerungen, die Ausbilder seien Menschenschinder.

Eine Untersuchungskommission unter Leitung des Marineamt-Chefs in Rostock, Konteradmiral Horst Dieter Kolletschke, untersuchte die Vorgänge an Bord des Dreimasters. Außerdem befassen sich die Staatsanwaltschaft des Heimathafens Kiel und die Havariekommission der Marine unter Leitung des amtierenden „Gorch Fock“-Kapitäns Michael Brühn mit dem Todesfall. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) gab eine weitere Untersuchung in Auftrag.

Guttenberg hatte nach der Kritik der Stammbesatzung angekündigt, er wolle sie an Bord besuchen - bisher ist unklar, wann. Die „Gorch Fock“ ist derzeit auf dem Rückweg von Südamerika nach Deutschland. In Kiel wird sie frühestens Ende April erwartet.

Die Zukunft der „Gorch Fock“ als Marine-Schulschiff ist ungewiss. Eine Kommission unter Mitwirkung des Bundestags soll beurteilen, inwieweit sie weiter eingesetzt werden soll. Bei einem Besuch der Marineschule Mürwik in Flensburg sagte Guttenberg Mitte Februar, er würde sich freuen, wenn das Schulschiff am Ende der unabhängigen Untersuchungen eine Perspektive haben könnte.

Im Fall eines getöteten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan haben sich die Vorwürfe gegen den Schützen laut „Focus“ erhärtet. Die Ermittler gingen davon aus, dass der 21 Jahre alte Hauptgefreite aus Thüringen am 17. Dezember mit ausgestrecktem Arm auf seinen gleichaltrigen Kameraden geschossen habe, berichtet das Magazin. Gegen den Beschuldigten wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Der 21-Jährige habe den Soldaten aus Bayern, der 1,50 Meter von ihm entfernt gestanden haben soll, in die rechte Schläfe getroffen. Das habe eine Untersuchung der Feldjäger kurz nach der Tat ergeben, auf die sich die Staatsanwaltschaft nun stütze. Deshalb sei nicht auszuschließen, dass das Opfer bei „Schießspielen“ ums Leben gekommen sei. Der Beschuldigte hatte erklärt, dass das Magazin seiner Pistole geklemmt und er es deshalb in die Waffe hineingeschlagen habe. Dabei sei der Schuss gefallen. Gutachter des Landeskriminalamts Thüringen stellten jedoch fest, das die Pistole einwandfrei funktionierte.

Guttenbergs Rückhalt schwindet

Die Unterstützung der Bundesbürger für den Verteidigungsminister ist indes angesichts der Plagiats-Affäre gesunken - die große Mehrheit steht aber weiter zu ihm. 46 Prozent halten Guttenberg nach wie vor für kanzlertauglich, ergab eine Umfrage des Instituts TNS Emnid für das Magazin „Focus“. 45 Prozent meinen, er eigne sich nicht mehr dafür.

Laut ZDF-„Politbarometer“ vom Freitag waren 60 Prozent überzeugt, dass Guttenberg noch für höchste Ämter in Frage kommt, 35 Prozent sagten Nein.

Auch bei der Frage nach einem Rücktritt sind die Bundesbürger in der jüngsten Umfrage für „Focus“ etwas kritischer, stehen aber noch mit großer Mehrheit hinter dem Verteidigungsminister. Zwei Drittel wollen laut TNS Emnid, dass Guttenberg Minister bleibt - 28 Prozent meinen, er solle zurücktreten.

Im „Politbarometer“ der Forschungsgruppe Wahlen hatten sich drei Viertel gegen einen Rücktritt ausgesprochen und 22 Prozent dafür. Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der „Bild am Sonntag“ hoffen 72 Prozent der Befragten, dass Guttenberg trotz der Affäre im Amt bleibt; nur 21 Prozent wünschen einen Rücktritt. Inzwischen sind aber 46 Prozent der Meinung, dass der Minister ein Schummler ist - 47 Prozent sehen das nicht so.

dpa