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22:18 22.12.2013
Fünf Tage nach ihrem Amtsantritt ist Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu ihrem ersten Truppenbesuch in Afghanistan eingetroffen. Quelle: dpa
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Masar-i-Scharif

Die Heimatbasis von Hauptbootsmann Andreas Marzluf liegt weit weg von Afghanistan, mitten in der holsteinischen Schweiz. Zur ihr gehören die Marineschule Plön – und das Haus, in dem er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. Jetzt jedoch, am vierten Advent, ist er hier, im Camp Marmal in Masar-i-Scharif – der letzten großen Bastion der Deutschen am Hindukusch.

Der Hauptbootsmann hat Heimweh, daran kann auch der Weihnachtsmarkt nichts ändern, den er und seine Kameraden sich im Camp gebaut haben: Fünf Holzbuden, an denen es Crêpes, Leberkäse und Glühwein gibt. Aber Marzluf ist auch Optimist, und deshalb sagt er: „Ich warte auf die Ergebnisse der Reform, die der alte Minister angeschoben hat.“ Beruf und Familie, Dienst und Zuhause, das alles soll sich besser vereinbaren lassen, das ist Marzlufs großer Wunsch.

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Der alte Minister, das war Thomas de Maizière. Der Mann, der bis vor einer Woche noch Minister war. Die Adressatin von Marzlufs Hoffnungen geht gerade hinter ihm über den improvisierten Weihnachtsmarkt, gefolgt von Dutzenden Journalisten, Fotografen und Kameramännern. Die Neue ist da, im Camp Marmal.

Gerade mal fünf Tage nach ihrem Amtsantritt als Verteidigungsministerin hat sich Ursula von der Leyen am Wochenende auf den Weg nach Afghanistan gemacht. Es herrschen Temperaturen um die null Grad, die ersten Schneeflocken fallen vom Himmel. Es ist eine Rekordreise, jedenfalls in dieser Hinsicht: 43 Journalisten begleiten von der Leyen. Es geht um Bilder. Und es geht um eine Botschaft. Es sei „etwas ganz Besonderes“, dass sie so rasch nach der Vereidigung bei den 2300 deutschen Soldaten in Masar-i-Scharif sein dürfe, verkündet Ursula von der Leyen in die Mikrofone vor ihr. Sie ist das Ereignis. Sonst ist in dem Camp, über das der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan läuft, gerade nicht viel los. Sie wisse, dass dies eigentlich „eine Familienzeit“ ist. Umso mehr sei ihr daran gelegen, das Frühstück mit den Soldaten zu teilen, um „über Frieden, Menschenrechte und Demokratie zu plaudern“. Sie habe viel zu lernen. „Ich bin für die Soldaten da.“

 Fünf Tage nach ihrem Amtsantritt ist Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zu ihrem ersten Truppenbesuch in Afghanistan eingetroffen.

Es ist jetzt 3.42 Uhr deutscher Zeit. Ein Flug von sechseinhalb Stunden liegt hinter der Reisegruppe. In der Kantine in Masar-i-Scharif herrscht schon jetzt reger Betrieb. Von der Leyen stellt sich beim Frühstücksbuffet hinten an. Als sie an der Reihe ist, kommen ein Brötchen, Honig und Erdbeermarmelade, ein kleines Schälchen Schokomüsli und eine große Tasse Milchkaffee auf das Tablett. Dann setzt sie sich an einen Tisch und beginnt mit dem, was sie den ganzen Tag über tun wird. Sie hört den Soldaten zu.

Nach dem Frühstück richtet von der Leyen schnell ihre dunkelgraue Lodenjacke, der Pressemajor assistiert, die Frisur sitzt. Das äußere Bild von der Leyens ist, wie so oft, makellos. Was jedoch noch fehlt, ist die Selbstsicherheit, die die Ministerin bisher auszeichnete.

„Die Kampfmission Isaf geht zu Ende. Aber hier ist enorm viel erreicht worden, und das wollen wir sichern“, sagt sie nach einem Treffen mit dem Kommandeur der Internationalen Schutztruppe, US-General Joseph Dunford. „Was begonnen worden ist, wollen wir auch vollenden.“ Die Nato beendet in zwölf Monaten ihren offiziellen Kampfeinsatz in Afghanistan, will danach aber mit Ausbildern und Beratern im Land bleiben. Deutschland soll 800 Soldaten abstellen. Voraussetzung ist aber, dass der afghanische Präsident Hamid Karsai ein Abkommen unterzeichnet, das den ausländischen Truppen Sicherheit vor Strafverfolgung in Afghanistan verschafft. Bislang verweigert Karsai die Unterschrift.

Den Soldaten ist der Rummel um ihre oberste Dienstherrin durchaus recht. „Mit einer Frau als Ministerin besteht die Chance, dass die Truppe besser wahrgenommen wird“, sagt Hauptbootsmann Marzluf aus Plön, der sich alles mit etwas Abstand ansieht. Eine Kollegin ist da noch euphorischer: „Ich finde es toll, als Frau, dass eine Frau Verteidigungsministerin ist“, ruft sie von der Leyen zu. Hohe Erwartungen treffen auf großen Lernwillen, so kann man die Begegnung zusammenfassen.

Am Ende besucht von der Leyen noch den Ehrenhain, jenen Ort, der an die bedrückenden Seiten des deutschen Einsatzes erinnert. 35 Bundeswehrsoldaten starben bei Gefechten oder Anschlägen der Taliban, 19 verloren ihr Leben bei Unfällen.

Von der Leyen zündet eine Kerze an, die Kälte ist hier besonders zu spüren. Die Ministerin wirkt noch ein wenig zögernder, vielleicht auch unsicherer als zuvor. Aber es ist wahrscheinlich auch der einzige Punkt ihres Besuchs, bei dem nichts so unpassend wäre wie Routine und Gelassenheit.

Dieter Wonka

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