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Deutschland / Welt Vatikan stellt neues Papstbuch in Rom vor
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Vatikan stellt neues Papstbuch in Rom vor
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13:07 23.11.2010
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Von der Ehe bis zum homosexuellen Priester, von der Haltung seiner katholischen Kirche zum Islam bis hin zu dem schweren Missbrauchskandal - noch nie hat sich ein Papst in stundenlangen Interviews derart heiklen Fragen gestellt. Ausführlich und vielfach entwaffnend offen sprach Benedikt XVI. mit dem Autor Peter Seewald über Gott und die Welt. An diesem Mittwoch erscheint nun das Buch „Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“. Es ist das beeindruckende Ergebnis der Gespräche des 56-jährigen Publizisten mit Benedikt in dessen Residenz Castel Gandolfo.

Sicher, was das 83-jährige Kirchenoberhaupt zu Kondomen, zum Sextourismus oder zum Tragen der Burka zu sagen hat, konnte dank der intensiv gerührten Werbetrommel des Freiburger Herder-Verlages schon vorab Schlagzeilen machen. Doch das waren bislang nur aus dem Zusammenhang gerissene Versatzstücke, die lediglich einen ersten Eindruck von dem geben, was Joseph Ratzinger alles zu sagen hat. Jener Ratzinger, dem doch so viele vorhalten, ein reformunwilliger und strenger Theologe auf dem Stuhl Petri zu sein.

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Wie hat denn Benedikt den vom Vatikan selbstverschuldeten Eklat um den Holocaust-Leugner Richard Williamson verkraftet und den Sturz seiner Kirche in den Sündenpfuhl des sexuellen Missbrauchs? Hat er da an Rücktritt gedacht? Fürchtet er ein Attentat? Ist er wirklich unfehlbar? Was der deutsche Publizist ihm für sein jüngstes Papst- Buch plaudernd entlockt, das wirkt wie eine - äußerst lesenswerte - Kommunikationsoffensive des Führers einer Kirche, die sich während der diversen Krisen auf diesem Feld nicht mit Ruhm bekleckert hat.

Und das sieht auch Benedikt durchaus so. Die Rücknahme der Exkommunikation des Pius-Bruders Williamson habe einen „Super-GAU“ ausgelöst: „Leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt.“ Damit erneuert Benedikt Selbstkritik. Dass die protestantische Bundeskanzlerin Angela Merkel daraufhin vom Vatikan forderte, sich klar gegen den Antisemitismus zu bekennen, müsse darauf zurückzuführen sein, dass sie die Haltung seiner Kirche „nur unvollständig“ kenne. Was ihm aus der Heimat da an Kritik entgegenschlug, soll ihn sehr geschmerzt haben. „Dass es im katholischen Deutschland eine beträchtliche Schicht gibt, die sozusagen darauf wartet, auf den Papst einschlagen zu können, ist eine Tatsache...“, fügt Benedikt an. Das ist eine bittere Einsicht.

Sein Abrücken vom kategorischen Kondomverbot hatte schon Schlagzeilen gemacht. Der Wirbel verdeckt aber, dass der Papst an seinen Werten durchaus festhält - und das, wie er findet, in Zeiten einer „Vergiftung des Denkens“ und einer „neuen Intoleranz“. Die Kirche ist für ihn oftmals die einzige Hoffnung in einer Welt, in der für viele der Atheismus heute „die normale Lebensregel“ ist. Es sei eine Riesen-Herausforderung, den Zölibat (Ehelosigkeit) der Priester und die Ehe zu stützen: „Die monogame Ehe gehört zum Fundament, auf dem die Zivilisation des Westens beruht.“ Und wenn denn ein Priester eine Frau hat, müsse geprüft werden, ob sie eine gute Ehe führen können. Da ist der Papst ganz offen: „Wenn dem so ist, müssen sie diesen Weg gehen.

Angst vor einem Attentat hat Benedikt nicht, und in der Krise um den Missbrauch war für ihn ein Rücktritt keine Option: „Wenn die Gefahr groß ist, darf man nicht davonlaufen.“ Abtreten dürfe man in einer friedlichen Minute oder wenn man einfach nicht mehr könne. Benedikt ist immerhin 83 Jahre alt, mit riesigem Arbeitspensum. Und er merkt, dass die Kräfte nachlassen. Also braucht er seine Ruhezeiten vor der nächsten Audienz oder der Bearbeitung eines wichtigen Dokuments. Kein Pontifex könne nur Unfehlbares produzieren, macht Benedikt klar und erläutert den kirchenhistorischen Hintergrund der päpstlichen „Unfehlbarkeit“.

Für die Christenheit hofft er auf eine neue Dynamik. Sein Wirken an der Spitze der Weltkirche seit fünfeinhalb Jahren sieht er im Zeichen der Kontinuität. Nicht jedes Pontifikat müsse einen „neuen Auftrag“ haben. Trotz „sprungbereiter Feindseligkeit“ von mancher Seite hält er seine Werte von Ehe, Familie und Sexualität hoch. Doch wenn Benedikt, Bischof von Rom, durch seine historisch gewachsene Position „bis zu einem gewissen Grade für die Christen insgesamt sprechen kann“, so vermag er nichts zu erzwingen. Ein Motto gibt er aber gern weiter: Sich nicht dem Diktat der Meinungen beugen.

dpa