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Deutschland / Welt „Bei Reduktion von Zucker und Co. in Lebensmitteln ist zu wenig Dampf im Kessel“
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Verbraucherschützer Müller: „Bei Reduktion von Zucker und Co. in Lebensmitteln ist zu wenig Dampf im Kessel“

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05:01 24.06.2019
Auf einer Packung Joghurt ist der sogenannte „Nutri-Score“ zu sehen. Mit dem aus Frankreich stammenden System sei auf einen Blick zu erkennen, wie ausgewogen oder unausgewogen verarbeitete Lebensmittel sind, meinen Verbraucherschützer. Quelle: Christophe Gateau/dpa
Berlin

An diesem Montag will der Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft Experten befragen, wie der deutschen Bevölkerung gesunde Ernährung schmackhaft gemacht werden kann. Dabei geht es auch um die Nährwertkennzeichnung auf Lebensmitteln. Der Bundesverband Verbraucherzentrale favorisiert eine Ampellösung nach französischem Vorbild, betont Vorstand Klaus Müller im RND-Interview.

Seit mehr als zehn Jahren wird in Deutschland über eine Nährwert-Ampel als Angabe auf Lebensmitteln diskutiert. Ihr Verband fordert solch eine Kennzeichnung. Aber wissen Verbraucher nicht selbst, was gesund ist und was eher nicht?

Auch Menschen, die sich intensiv mit Ernährung beschäftigen, sind vor einem Fehlkauf nicht gefeit. Die heutigen komplizierten Nährwertangaben machen es Verbrauchern nicht leicht, abzuwägen, wie gesund ein Lebensmittel ist. Eine vereinfachte Nährwertkennzeichnung richtet sich deshalb an alle, insbesondere natürlich auch an Menschen, die mit Übergewicht oder Fehlernährung und Folgeerkrankungen kämpfen. Für sie werden die Ampelfarben beim schnellen Einkauf eine Erleichterung sein.

Ampelfarben sollten prominent auf die Vorderseite

Auf jeden Fall empfinden viele Verbraucher schon heute unterschiedliche Label – von Bio über vegan bis Tierwohl – als verwirrend. Und jetzt noch eine Ampel?

Die Irritationen wegen der vielen Label ließen sich auflösen, wenn sich Unternehmen, die ihre Produkte freiwillig mit den Ampelfarben kennzeichnen wollen, damit einverstanden erklären, sie auf der Vorderseite prominent zu platzieren. Das ist übrigens eine Bedingung des fünfstufigen französischen Modells „Nutri-Score“, das wir als Verbraucherzentrale favorisieren.

Ernährungsministerin Julia Klöckner plant in diesem Sommer eine Verbraucherbefragung zu verschiedenen Systemen der Nährwertkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen. Was halten Sie von dieser Idee?

Die Idee von Bundesministerin Klöckner, Verbraucher nach der besten Lösung für die Nährwert-Ampel zu fragen, ist klug. Nach zehnjährigem Streit zwischen Verbraucherschützern, Kinderärzten, Krankenkassen und Ernährungsexperten auf der einen und der Lebensmittelindustrie auf der anderen Seite war kein Konsens mehr in Sicht. Durch die Verbraucherbefragung könnte sich die Blockadehaltung ganz schnell auflösen. Wenn die Ministerin das Modell der Lebensmittelwirtschaft, „Nutri-Score“ und das Modell des bundeseigenen Rubner-Instituts zur Abstimmung stellt, wird sich ja erweisen, welches am verständlichsten ist. Dann kann die Politik schnell handeln, um ihr Ziel – dass die Menschen weniger Zucker, Salz und Fett zu sich nehmen – zu erreichen.

Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband. Quelle: Monika Skolimowska/dpa

Aber werden bei solch einer Befragung nicht eher die erreicht, die sich ohnehin damit auskennen?

Ich rate der Bundesministerin, dafür zu sorgen, dass die Stichprobe wirklich repräsentativ ist. Auch muss es darum gehen, welches Modell am verständlichsten ist und bei der Wahl der gesünderen Alternative hilft – nicht welches am meisten gefällt. Außerdem sollten bei der Auswertung Schulabschlüsse und das Einkommensniveau besonders berücksichtigt werden. Das sind leider zwei Faktoren, die deutlich mit der Fehlernährung in Deutschland zusammenhängen.

Europäische Nachbarn haben mit „Nutri-Score“ schon ein einheitliches Kennzeichnungssystem durchgesetzt. Warum tut sich die Politik in Deutschland so schwer damit?

Die Lebensmittelwirtschaft verfügt über einen unverständlich großen Einfluss in der Bundespolitik. Und die Landwirtschaftsminister der letzten Jahre haben es nicht geschafft, sich im Sinne der Verbraucher durchzusetzen. Inzwischen sprechen sich aber auch Unternehmen für den „Nutri-Score“ aus, weil sie erkennen, dass sie damit bei immer mehr Verbrauchern punkten können.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) will in diesem Sommer durch eine Befragung von Bundesbürger herausbekommen, welche Modell diese bei der verständlichen Lebensmittel-Kennzeichnung favorisieren. Ein Überblick:

Sie favorisieren als Verbraucherzentrale „Nutri-Score“. Aber stößt dieses System nicht an seine Grenzen, wenn es beispielsweise kaloriengesenkte Getränke, die kaum noch natürliche Inhaltsstoffe enthalten, mit Grün – also gut – bewertet?

„Nutri-Score“ löst nicht alle Probleme. Wir sind aber davon überzeugt, dass es das derzeit beste System ist. Es verrechnet negative Faktoren wie Zucker, Salz und Fett mit den positiven Ernährungselementen wie Früchten, Ballaststoffen oder Nüssen – und macht daraus etwas Anspornendes. Also: Weniger Zucker und Kalorien im Getränk sorgen für einen besseren Wert. Aber Dunkelgrün erreicht nur Wasser – besser geht es nicht.

Das bundeseigene Rubner-Institut hat im Auftrag des Bundesernährungsministeriums ein eigenes Kennzeichnungssystem entwickelt, das auf Ampelfarben verzichtet. Was halten Sie davon?

Es ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Das Rubner-Modell nutzt zwar den Algorithmus von „Nutri Score“, verzichtet jedoch auf die Ampelfarben. Die sind aber als Orientierungshilfe letztlich ausschlaggebend für den Erfolg.

Zu wenig Dampf im Kessel

Die Bundesregierung sieht sich mit ihrer Nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Fette und Salz auf gutem Weg. Teilen Sie die Einschätzung, dass die deutschen Lebensmittelhersteller hier ordentlich Dampf machen?

Bei der Reduktion von Zucker, Salz und Fetten in Lebensmitteln ist eindeutig zu wenig Dampf im Kessel. Das liegt auch an der Freiwilligkeit der Maßnahmen für die Hersteller. Mit einer klar und einfach verständlichen Kennzeichnung mit Ampelfarben könnte sich das jedoch ändern. Die wird dann nämlich zum Verkaufsargument.

Von Thoralf Cleven/RND

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