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Deutschland / Welt Vergebliches Werben um die Kanzlerin
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06:15 22.05.2012
Von Stefan Koch
US-Präsident Barack Obama empfängt Kanzlerin Angela Merkel in Camp David zum G-8-Gipfel. Quelle: dpa
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Camp David

Für amerikanische Wahlkämpfe dürfte die deutsche Kanzlerin herzlich ungeeignet sein. Die große Geste, ein gewinnendes Lächeln, oder zumindest humorvolle Plaudereien - all das ist nicht die Sache von Angela Merkel. Eine Kostprobe ihres geradezu stoischen Charakters gibt es gleich zu Beginn des G-8-Gipfels in Camp David: Barack Obama, der Meister im charmanten Umgang, tritt nach ihrer Landung auf dem Landsitz des Präsidenten freundlichst an sie heran und begrüßt sie nach einem Küsschen mit den Worten: „Willkommen! Wie ist es Dir so ergangen?" Merkel schaut ihn kurz an, zuckt mit den Schultern und presst ihre Lippen aufeinander. Sie sagt keinen Ton. Darauf Obama: „Na, Du hast ja auch einiges um die Ohren."

Merkels Zurückhaltung kommt nicht von Ungefähr. Es dürften nicht allein ihre jüngsten innenpolitischen Querelen sein, die krachende Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen. Sie weiß, dass sie es auch an diesem Wochenende auf dem Treffen der führenden Industrienationen nicht leicht haben wird. Obama wird sie ebenso wie der frisch gewählte französische Kollege François Hollande zu einem Kurswechsel in der europäischen Wirtschaftspolitik bewegen wollen. Washington begegnet der Konjunkturschwäche mit weiteren Investitionsprogrammen, auch Paris setzt darauf, den Aufschwung mit öffentlichen Investitionen in Gang zu setzen. Nur die Regierungsvertreter aus Berlin sind der Auffassung, dass weiter steigende Schulden die Industrienationen wieder an den Anfang der Finanzkrise zurückwerfen könnten.

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Tatsächlich sprechen sowohl Obama als auch Hollande viel von staatlichen Konjunkturprogrammen, vermeiden es aber, die entsprechende Finanzierung zu klären. Sollte es hinter den Kulissen zu einem harten Schlagabtausch kommen, dürfte Merkel ohnehin die besseren Karten haben: Die Wirtschaftsdaten in Frankreich, Italien und Großbritannien zeigen deutlich nach unten, lediglich die deutsche Industrie erweist sich als Wachstumsmotor. Sogar die „Washington Post" schreibt an diesem Sonnabend von "Deutschland, dem industriellen Kraftzentrum Europas". 
Die Fronten sind verhärtet. Fest steht nur, dass die Währungskrise in Europa mit Wucht zurückkehrt, die Griechenland-Rettung zu scheitern droht und Spaniens Banken Alarm schlagen.

Angesichts dieser Turbulenzen finden die spannungsgeladenen Begegnungen in der traditionsreichen Ferienanlage nahe der amerikanischen Hauptstadt in einer möglichst entspannten Atmosphäre statt. Fern von Besuchern und Demonstranten treffen sich die Delegationen der acht führenden Industrienationen geradezu spielerisch: Die Mächtigen fahren eigenhändig elektrisch betriebene Golf-Carts, um sich gegenseitig in ihren kleinen Holzhäuschen zu besuchen. So steuerte die deutsche Regierungschefin am frühen Sonnabend die "Laurel-Lodge" an, die Unterkunft von Dmitri Medwedew. Der russische Ministerpräsident, der an diesem Wochenende Wladimir Putin vertritt, frühstückte dann in aller Ruhe mit Merkel auf seiner kleinen Terrasse. Die große weite Welt erscheint hier in Camp David wie in Miniaturformat: Jedem Land stehen ein oder zwei Holzhütten zur Verfügung. Die räumliche Nähe erleichtert die Kontaktaufnahme, und doch ist das Gelände weiträumig genug, um die Vertraulichkeit der Gespräche zu garantieren.

Die ländliche Idylle dürfte allerdings kaum ausreichen, um die Gegensätze unter den Staats- und Regierungschefs zu übertünchen. Obama stellt sich am 6. November wieder zur Wahl und will alles verhindern, was den fragilen Aufschwung in seinem Land gefährden könnte. Und Präsident Hollande ist zwar gerade erst gewählt worden, doch nun stehen Parlamentswahlen in Frankreich an. Wie es in der deutschen Delegation in Camp David heißt, gebe es in Berlin durchaus Verständnis für diese Zwänge. Ohne sich öffentlich festlegen zu wollen, herrsche die Meinung vor, dass Europa mit einem US-Präsidenten der demokratischen Partei zurzeit besser fahre als mit einem Republikaner. Und um diesem Kandidaten nicht im Wege zu stehen, seien die Europäer durchaus zu Zugeständnissen bereit. Zum Beispiel: Trotz erheblicher Bedenken sei es vorstellbar, Obamas jüngsten Forderungen nachzugeben und die strategischen Erdölreserven anzuzapfen, um den Benzinpreis moderat zu senken. „Die US-Wahlen werden an der Tankstelle entschieden", ist sich ein Merkel-Mitreisender sicher. Wachstum und Sparpolitik gleichermaßen zu betonen, sei daher ein gangbarer Kompromiss - auch für die Berliner Delegation.

Wie sich an diesem Sonnabend andeutet, dürfte der Streit in mehr oder weniger unverbindlichen Appellen enden. Die entscheidenden Weichenstellungen finden - zumindest was den alten Kontinent betrifft - wohl erst in den nächsten Wochen statt. Auf den kommenden EU-Konferenzen in Brüssel wird Klartext gesprochen - im Zweifelsfall ohne große Gesten, ohne ein gewinnendes Lächeln und ohne humorvolle Plaudereien.

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