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Deutschland / Welt Harter Kampf um Nachwuchs
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19:33 24.01.2014
Von Klaus von der Brelie
„Die Nachwuchswerbung ist ein Topthema“: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Freitag bei einem einen Sporttest im Karrierecenter der Bundeswehr in Hannover. Quelle: dpa
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Hannover/Berlin

Die Überraschung ist perfekt. Alexander Richter aus Aachen und Niklas Paschen aus Lehrte sind baff. Gerade haben sie im Karrierecenter der Bundeswehr in Hannover ihren Sporttest hinter sich gebracht, da kommt die neue Verteidigungsministerin auf sie zu. Ursula von der Leyen begrüßt die jungen Leute per Handschlag – dann müssen die Bewerber für den Soldatenberuf gleich nochmal ran. Für die vielen Kameraleute, die von der Leyen auf ihrer Kennenlerntour durch die Bundeswehreinrichtungen begleiten, absolvieren sie den Pendellauf in der Sporthalle ein zweites Mal. Zehn mal elf Meter, für ein Foto mit der neuen Chefin scheint das nicht zu viel verlangt.

Anfangs läuft an diesem Freitagmorgen alles ab wie vom Gastgeber vorgesehen. „Die Nachwuchswerbung ist ein Topthema für mich und für die Bundeswehr“, sagt von der Leyen. Die Armee wolle die besten jungen Frauen und Männer eines jeden Jahrgangs für sich gewinnen. Das Karrierecenter in Hannover sei „enorm erfolgreich“, sei ein guter Ansprechpartner für die jungen Leute und biete umfassende Informationen aus einer Hand. Rund 11.000 Bewerbungen sowohl für den militärischen als auch für den zivilen Teil der Truppe hat das hannoversche Karrierecenter (früher: Zentrum für Nachwuchsgewinnung) im vergangenen Jahr in den Bundesländern Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein realisiert, 8700 junge Leute haben eine Einladung zum Eignungstest erhalten. Die Ministerin spricht von „beeindruckenden Zahlen“ und bestärkt Oberst Hauke Hauschildt und sein Team im Wettstreit um die fähigsten Köpfe.

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Die 185.500-Soldaten-Armee hat jedes Jahr wieder großen Nachwuchsbedarf. 2014 sollen allein 16.000 neue Zeitsoldaten eingestellt werden. Im Vorjahr sind 14.000 Rekruten für die Laufbahn als Zeitsoldat gewonnen worden, ausgewählt aus 36.000 Bewerbern.

Auf den ersten Blick ist die Ministerin mit dieser Bilanz zufrieden. Doch sie weiß auch, dass der demographische Wandel der Bundeswehr arge Probleme bereiten kann, wenn sie als Arbeitgeber nicht attraktiver wird. Deshalb lässt sie über neue Arbeitszeitmodelle nachdenken, über die Einrichtung von Arbeitsplätzen daheim und über Möglichkeiten, die Zahl der Versetzungen zu verringern. Insgesamt soll die Vereinbarkeit von Familie und Dienst verbessert werden.

Doch all diese Bemühungen und Ankündigungen spielen an diesem Tag nur eine untergeordnete Rolle. Die Verteidigungsministerin ist durch zwei Veröffentlichungen in die Defensive gedrängt. Zum einen muss sie die Rekrutierung von Minderjährigen rechtfertigen, zum anderen haben Sozialwissenschaftler der Bundeswehr eine Studie vorgelegt, die nicht nur die wachsenden Vorbehalte gegenüber Frauen in der Truppe dokumentiert, sondern auch nachweist, dass die Attraktivität des Arbeitgebers Bundeswehr deutlich nachlässt.

Egal, ob es die eisige Kälte oder das Thema an sich ist – als sie in Hannover von Journalisten auf das Thema minderjährige Soldaten angesprochen wird, ist der Ministerin nicht mehr zum Lächeln zumute. Sie denkt ein paar Sekunden mit zusammengekniffenen Lippen nach und sagt dann ganz bestimmt in die Mikrofone: „Wir halten uns an das Völkerrecht. Die daraus resultierenden Verpflichtungen werden streng eingehalten und auch vom Arbeitgeber Bundeswehr unter strenger Aufsicht umgesetzt.“ Damit hat sie unausgesprochen bestätigt, dass die Bundeswehr auch 17-Jährige in ihren Reihen hat. 2012 hat sie insgesamt 1216 junge Leute eingestellt, die noch nicht volljährig waren. Und unter den Bewerbern, die zu einem Eignungstest eingeladen wurden, waren im vergangenen Jahr auch ein paar Dutzend 16-Jährige.

Die UN-Kinderrechtskonvention lässt die Rekrutierung Minderjähriger für die Beteiligung an bewaffneten Konflikten nicht zu. Daran halte sich die Bundesregierung, heißt es in Berlin, sie kämpfe gegen die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten. Die Bundeswehr halte sich streng an die eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen.

Und welche völkerrechtlichen Auflagen gelten für die Jüngsten in der Armee? Wer das 17. Lebensjahr vollendet hat, darf in Deutschland zwar Soldat werden, aber nicht in bewaffnete Konflikten geschickt werden. Folglich darf er auch nicht in einen Auslandseinsatz befohlen werden. Und für den Umgang mit der Waffe gilt, dass die Ausbildung erlaubt ist, der Waffengebrauch aber nicht. Deshalb dürfen 17-Jährige nicht zum bewaffneten Wachdienst eingesetzt werden. Für die Ministerin ist zudem wichtig, dass in der Bundeswehr insgesamt auch die Arbeits- und Jugendschutzvorschriften penibel eingehalten werden. Im übrigen können 17-Jährige nur mit Zustimmung ihrer Eltern in die Armee aufgenommen werden.

Weil sie den Kampf um gut ausgebildete junge Leute für so wichtig hält, möchte von der Leyen auch nicht daran rütteln, dass sich die Werbung der Bundeswehr an Jugendliche richtet und Jugendoffiziere in Schulen auftreten. Es sei „keine kritikwürdige Praxis“, heißt es im Ministerium, wenn Jugendliche für die Berufsorientierung über den Dienst in den Streitkräften informiert werden.

Gerhard Kümmel vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam hat gestern in einer neuen Studie aufgezeigt, was in den Werbeblättchen und -spots der Bundeswehr nicht zu lesen ist. Sagten 2005 noch zwei Drittel der befragten Soldaten – Männer wie Frauen – sie würden sich erneut für die Bundeswehr als Arbeitgeber entscheiden, so waren es in der neuen Befragung nur noch 57 Prozent. Jeweils de Hälfte der Männer und Frauen in der Truppe bekennt frank und frei, dass sie sich gern nach einem anderen Arbeitgeber umsehen würden. Kümmel hat die Gründe für die wachsende Unzufriedenheit präzise analysiert. Er kommt zu dem Schluss, eine „nachlassende Attraktivität der Bundeswehr“ sei nicht zu übersehen. Aus dem Zustand der Truppe „resultiere Handlungsbedarf“.

„Soldatinnen schwächen die Kampfkraft“

Seit gestern hat es Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schwarz auf weiß: Die Vorbehalte gegenüber Frauen in der Bundeswehr nehmen zu. Von einer „gewissen Eintrübung des Integrationsklimas“ ist in einer neuen sozialwissenschaftlichen Studie der Bundeswehr die Rede. Immer mehr Männer in der Truppe glauben, dass Frauen „dem harten Leben im Feld“ nicht gewachsen sind und die Kampfkraft geschwächt wurde, seit Frauen der Dienst in der Armee uneingeschränkt frei steht. 22 Prozent der Männer halten Frauen als Vorgesetzte für ungeeignet. Jeder zweite männliche Soldat ist aber auch davon überzeugt, dass Frauen zu positiv bewertet werden, 62 Prozent sagen sogar, Frauen würden bei Beförderungen bevorzugt. Unter den 205 Generälen der Bundeswehr ist allerdings nur eine Generalstabsärztin.

Die Analyse mit dem Titel „Truppenbild ohne Dame?“ macht dezent darauf aufmerksam, dass immerhin 15 Prozent der Männer genau das wollen – eine Bundeswehr ohne Frauen. 56,6 Prozent glauben, die Bundeswehr habe sich in den 13 Jahren seit Eintritt der ersten Soldatinnen, die auch Dienst an der Waffe leisten, zum Schlechteren verändert.

Auch die 3058 Soldatinnen übrigens, die für die Studie befragt wurden, haben ihre Vorbehalte. Nur noch 57 Prozent sagen, sie würden den Beruf wieder ergreifen. Und 55 Prozent gaben an, sie seien im Dienst mindestens einmal verbal oder körperlich sexuell belästigt worden.