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Deutschland / Welt Video von Erschießung Unbewaffneter löst im Irak Empörung aus
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Video von Erschießung Unbewaffneter löst im Irak Empörung aus
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09:34 07.04.2010
Die Sicht der Angreifer: Im Internet ist jetzt dieses Video aufgetaucht, das den tödlichen Angriff vom Juli 2007 sowie die Dialoge der Soldaten dokumentiert. Quelle: ap
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Wenn die Männer wüssten, was ihnen droht, würden sie ihre Kameras wegwerfen und davonrennen. So aber gehen sie mit zügigen Schritten, doch ohne Hektik eine Straße in Bagdad entlang. Den US-Kampfhubschrauber hören sie mit Sicherheit, denn er kreist in nicht allzu großer Entfernung über ihren Köpfen. Aber das sind sie gewöhnt. Sie wissen nicht, dass sie ins Fadenkreuz der Soldaten geraten sind. Die nämlich halten die langen Kameraobjektive für Sturmgewehre und Granatwerfer.

Kurz darauf sind die Männer tot. Die Szene stammt aus einem Video, das auch zeigt, wie mehr als zehn Männer aus dem Hubschrauber heraus erschossen werden. Darunter sollen der 22 Jahre alte Namir Noor-Eldeen, Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters, und sein 40-jähriger Fahrer Saeed Chmagh sein. So steht es zumindest auf der Website wikileaks.org die das von den US-Streitkräften lange geheim gehaltene Video von 2007 jetzt veröffentlicht hat.

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Der Film bietet einen verstörenden Einblick in die Situation im Irak vor drei Jahren und auf die moderne Kriegsführung in einem dicht besiedelten Gebiet. US-Einheiten am Boden sind unter Beschuss geraten und haben die Helikopter zu Hilfe gerufen.

Durch den Zoom der Kamera sieht der Aufklärer an Bord des Hubschraubers, dass manche der Fußgänger längliche Objekte in der Hand halten. Der Späher ist sich sicher: Es müssen Sturmgewehre des Typs AK-47 und RPG-Granatwerfer sein. Die Hubschrauber bekommen den Angriffsbefehl. Hinter einer Hausecke scheint einer der Männer eine Waffe scharf zu machen – in Wahrheit wechselt er wohl nur ein Objektiv. Der weitere Verlauf der Aktion ist deshalb so erschreckend, weil Laien sehen, wie routiniert die US-Soldaten sich an die Tötung der vermeintlichen Aufständischen machen. Der Hubschrauber bringt sich in Schussposition, die Männer am Boden stehen dicht zusammen. Als die Maschinengewehre der Hubschrauber rattern, gehen die meisten sofort zu Boden, eine Staubwolke verdeckt für kurze Zeit die Sicht. „Ah, ja, schau dir die toten Bastarde an“, sagt einer der Soldaten, als die Sicht wieder klar wird.

Doch der Einsatz ist noch nicht zu Ende, die schlimmste Szene kommt noch. Chmagh, der Fahrer, liegt schwer verletzt am Boden, robbt zum Bürgersteig. Dann fährt ein Kleinbus vor, mehrere Männer wollen den Verletzten einladen. Alle Beteiligten sind offensichtlich unbewaffnet. Trotzdem schießen die Hubschrauber auf das Fahrzeug. Als sich der Staub gelegt hat, ist die Straße mit Leichen übersät. Zwischen zwölf und 15 Aufständische hätten sie erwischt, ruft der Späher in sein Mikrofon. Die nächsten Einstellungen zeigen eine veränderte Szenerie: Die US-Bodeneinheiten sind mit Schützenpanzern vorgefahren, spätestens jetzt muss ihnen klar sein, dass sie die Falschen erwischt haben.

Der Fall sorgt für Aufsehen und wirft ein anderes Licht auf die Berichte der US-Streitkräfte. Nach dem Vorfall am 12. Juli 2007 kam die Untersuchung zu einem klaren Ergebnis: Den Soldaten sei kein Vorwurf zu machen. Die Reuters-Mitarbeiter hätten sich „unter die Aufständischen gemischt“, heißt es darin. Dass die meisten Getöteten offensichtlich unbewaffnet waren und sich nicht gerade so bewegten, als wollten sie ins Gefecht ziehen, wird nicht erwähnt.

ap