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Deutschland / Welt Viele Alte sterben einsam und ohne Pflege
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Viele Alte sterben einsam und ohne Pflege
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22:50 08.07.2009
Von Gabi Stief
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„Wir müssen noch eine Menge tun“, sagte am Mittwoch Klaus Püschel, Leiter der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Die Situation ist sehr bedrückend.“

Erneut haben Hamburger Rechtsmediziner bei der Untersuchung von mehr als 8500 Toten alarmierende Hinweise auf schlechte Pflege ermittelt. So hatte jeder achte der über Sechzigjährigen ein Druckliegegeschwür, bei 3,3 Prozent war der Dekubitus so schwerwiegend, dass die Verletzung bis auf den Knochen vorgedrungen war. 15 Prozent der Verstorbenen waren untergewichtig, unter den Heimbewohnern sogar jeder Dritte.

Viele hatten ein „desolates“ Gebiss. Einige, so mussten die Experten feststellen, hatten gar keine Zähne mehr und keinen hochwertigen Zahnersatz. Auch bei jenen, die vor ihrem Tod über eine Magensonde durch die Bauchdecke ernährt worden waren, entdeckten die Mediziner in einigen Fällen Entzündungen und damit Pflegemängel.

Die Untersuchung ergab laut Püschel außerdem, dass manche Tote erst nach mehr als drei Tagen entdeckt worden waren. Alte Menschen sterben der Studie zufolge zunehmend in Einsamkeit und hinterlassen verwahrloste Wohnungen.

Die SPD-Bürgerschaftsfraktion in Hamburg beantragte am Mittwoch eine Sondersitzung des Sozialausschusses, um über die Ursachen der beschriebenen Pflegemängel zu beraten. Ein Sprecher warnte allerdings vor einer „Vorverurteilung der Pflegebranche“.

Die Hamburger Sozialbehörde kündigte an, mit jenen reden zu wollen, die die Verstorbenen zu Lebzeiten gepflegt und betreut haben. Zugleich wurde betont, dass sowohl die Studienergebnisse zu Druckgeschwüren als auch zur zahnärztlichen Versorgung einer „eingehenden Betrachtung“ bedürften. Schließlich bedeute das Fehlen einer Prothese bei einer Leiche nicht zwangsläufig, dass die Person keine zu Lebzeiten gehabt habe.

Ärzteverbände in Hamburg versprachen, die Versorgung älterer Menschen zu verbessern. Mit einem bundesweit einzigartigen „Maßnahmenpool“ wollen sie gravierende Druckgeschwüre künftig erfassen, verhindern und behandeln – etwa durch Wundmanager in Pflegeeinrichtungen.

2002, drei Jahre nach der ersten Hamburger Studie, veröffentlichte der Rechtsmediziner Joachim Eidam von der Medizinischen Hochschule Hannover ebenfalls erschreckende Daten über die hohe Rate von Druckgeschwüren bei Verstorbenen. Empörend sei vor allem, dass viele der Druckgeschwüre, „entweder nicht, zu spät oder falsch von Angehörigen, Pflegepersonal oder Ärzten behandelt worden sind“.