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Deutschland / Welt Vorsicht, Kamera: Mehr Sicherheit mit Amateurspionen?
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22:51 12.10.2009
Von Dirk Schmaler
Mehr Sicherheit mit Amateurspionen? Per Internet sollen die Briten auf sich aufpassen. Quelle: Rainer Surrey (Archivbild)
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Kaum ein Land in der Welt setzt beim Kampf gegen die Kriminalität so stark auf Videoüberwachung wie Großbritannien. Mehr als vier Millionen Kameras spähen auf der Insel fast jeden Meter aus, Schätzungen zufolge wird schon heute jeder Brite 300-mal täglich gefilmt. Das einzige Problem bei der Überwachung: Es fehlt das Personal, das sich die meist doch eher langweiligen Bilder der Briten beim Einkauf, in der Bahn oder im Straßenverkehr anschaut. Und, so argumentieren Kritiker schon lange, ohne Menschen hinter den Monitoren hilft eben die beste Kamera nichts.

Eine smarte Firma namens Internet Eyes will dieses vermeidliche Überwachungsmanko nun auf zumindest innovative Weise lösen – mithilfe der unzähligen Internetnutzer. Die Idee klingt wie ein neues Gewinnspiel, ist aber nach Einschätzung von besorgten Datenschützern absolut ernst gemeint: Die Überwachungsbilder sollen künftig von neugierigen Internetnutzern ausgewertet werden. Hierfür bekommen interessierte Schnüffler nach kostenloser Registrierung vier Kameras – deren Standorte geheim bleiben sollen – per Livestream auf ihren Computerbildschirm zu Hause übertragen. Sobald sie etwas Verdächtiges ausspähen, melden sie es dem Kamerainhaber per Alarmknopf. Mitmachen können alle Bürger innerhalb der EU.

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Damit niemand bei der Verbrecherjagd trödelt, bekommt nur der Erste, der Alarm schlägt, Punkte gutgeschrieben. Wer rechtzeitig etwas Verdächtiges meldet, bekommt einen Punkt, wird der Täter auf frischer Tat ertappt, gibt es drei Punkte. Der Hobbyschnüffler, der am Ende des Monats die meisten sachdienlichen Hinweise gegeben hat, bekommt 1000 Pfund als Gewinn – so schön kann spitzeln sein. Der Dienst soll im November zunächst als Test starten. Wer so arglos mit den Persönlichkeitsrechten von Bürgern umgeht, muss jedoch auch in Großbritannien mit heftigem Widerspruch rechnen. Die landesweite Anti-Überwachungsinitiative „No CCTV“ ist entrüstet und fordert angesichts der neuen Amateurspitzel-Technik eine breite Debatte darüber, „was für eine Gesellschaft wir damit schaffen, bevor es zu spät ist“. Der Sender BBC spricht gar von Großbritannien als neuem „Schnüfflerparadies“, und Bürgerrechtler bezweifeln zudem ganz generell den Sicherheitsnutzen der digitalen Bürgerwehr. Schließlich seien die ungeschulten Heimspione kaum verlässliche Aufpasser.

Und in der Tat erscheint der Gedanke befremdlich, dass potenzielle Verbrechensopfer künftig darauf hoffen sollen, dass ein gelangweilter Internetsurfer noch ein paar Punkte auf seinem Überwachungskonto sammeln will und Alarm schlägt. Internet Eyes ficht die breite Kritik jedoch nicht an: Bisher bekämen 90 Prozent der Videobilder nie ein Mensch zu sehen. Das könne durch Internet Eyes nur besser werden.