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Deutschland / Welt War Gauck ein Bürgerrechtler?
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13:56 16.03.2012
Von Klaus Wallbaum
War der künftige Bundespräsident tatsächlich ein DDR-Bürgerrechtler? Quelle: dpa
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Hannover

Die Polen haben es so gemacht, die Tschechen auch – und in wenigen Tagen ziehen wahrscheinlich auch die Deutschen mit einiger Verspätung nach. Als Lech Walesa in Warschau zum Staatspräsidenten gewählt wurde, machten die Polen die Symbolfigur der Revolution zum höchsten Repräsentanten ihrer Nation. In Prag war es mit Vaclav Havel genauso. Joachim Gauck ist nun nicht unbedingt ein Nationalheld, aber es lässt sich mit Fug und Recht sagen, dass er eine der bekanntesten Figuren des Herbstes 1989 ist, der friedlichen Revolution in der DDR.

22 Jahre nach dem Sturz des SED-Regimes soll nun ein Bürgerrechtler von damals ins höchste Staatsamt gewählt werden. Diejenigen, die für das Ende der ostdeutschen Diktatur gestritten hatten, könnten also stolz sein auf das Erreichte. Doch viele sind es nicht. Manche gönnen Gauck nicht einmal den Titel „Bürgerrechtler“. Das Grummeln vor der Wahl zeigt, wie schwierig heute die Einordnung der Akteure von damals fällt. Wer kann wirklich für sich in Anspruch nehmen, als „Bürgerrechtler“ für die Freiheit gekämpft zu haben?

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Der evangelische Pfarrer Hans-Jochen Tschiche aus Magdeburg zählt bestimmt dazu. Er stand während der achtziger Jahre lange in der DDR-Opposition, musste Schikanen hinnehmen. Tschiche wirft dem damaligen Rostocker Pfarrer Gauck vor, „erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche verlassen“ zu haben. Nein, als Bürgerrechtler will er Gauck nicht gelten lassen: „Die deutsche Öffentlichkeit behängt ihn mit Würdigungen, die er nicht verdient.“ In seiner Sicht sind Bürgerrechtler nur jene, die nicht erst in den letzten Tagen, sondern schon lange vor dem Zusammenbruch der SED-Diktatur aktiv für eine Veränderung der Gesellschaft eingetreten sind – und dabei auch persönliche Nachteile in Kauf genommen haben. Gauck gehört wohl nicht dazu. Er trat redegewandt auf, eckte nicht an, er wurde nie zur zentralen Figur, um die sich Protestgruppen scharten, wie es etwa bei zwei anderen Pastoren war – Rainer Eppelmann in Ost-Berlin und Friedrich Schorlemmer in Wittenberg.

Auch Schorlemmer steht in diesen Tagen skeptisch zu Gauck. Gemeinsam mit Tschiche und anderen Akteuren der Revolution in der DDRChristof Ziemer aus Dresden, Heino Falcke aus Erfurt oder Sebastian Pflugbeil aus Berlin – hat Schorlemmer eine Erklärung veröffentlicht. In ihr geißeln sie Gaucks „Glanz des Unpolitischen“, der von seinen tatsächlichen Positionen ablenke: „Gaucks Denken über Freiheit ist von dem Begriff individueller Selbstermächtigung bestimmt. Unser Freiheitsbegriff ist mehr als eine persönliche Selbstbehauptung, die am Ende nur zu einer Freiheit für Privilegierte führt. Uns geht es um die aktive gesellschaftliche Öffnung und um die Freiheit aller.“

Eppelmann: Kritik an Gauck ist „bescheuert“

Ein anderer Pfarrer, der zentrale Figur der DDR-Opposition war, Rainer Eppelmann, nennt diese Kritik an Gauck „bescheuert und arrogant“. Selbstverständlich sei auch Gauck ein Bürgerrechtler gewesen, auch er habe schon vor dem Herbst 1989 seine Kritik an der DDR geäußert, wenn auch weniger provokant als andere. Das sei etwa beim Kirchentag 1988 geschehen. Hinterher meinte die Stasi, dass sie Gauck „disziplinieren“ könne.

Und so wird nun auch wieder andersherum gefragt: War der Grad der Anpassung an das SED-Regime bei Gauck so groß, dass man ihn nicht ernsthaft zu den Oppositionellen rechnen konnte? Tatsächlich sind die Personen öffentlichen Interesses mit einer Ost-Vergangenheit in verschiedene Gruppen einzuordnen. Die Belasteten sind solche, die schon in der DDR zu staatlichen Funktionsträgern gehörten, etwa der heutige sächsische Ministerpräsident Stanislav Tillich (CDU) oder Dietmar Bartsch von den Linken.
Davon abzugrenzen sind jene, die zu DDR-Zeiten überwiegend angepasst waren und auch ohne Revolution vermutlich ihren Karriereweg beschritten hätten. Kanzlerin Angela Merkel, die aus einem Pastorenhaushalt stammt und später wie allgemein üblich in der FDJ aktiv war, zählt vermutlich dazu.

Die nächste Gruppe umfasst die Zweifler an der DDR, die ihre Vorbehalte hatten, aber nicht auf Konflikt gepolt waren. Neben Gauck kann auch der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) dazu gerechnet werden. Davon zu unterscheiden sind jene wie Eppelmann, Tschiche, der Grünen-Politiker Gerd Poppe oder die Malerin Bärbel Bohley, die in den achtziger Jahren kritische Geister um sich scharten und von der Stasi als Feinde eingestuft wurden. Sie wurden selbst beobachtet, verfolgt und unter Druck gesetzt.

Entscheidend für das Urteil über Gauck sei aber vor allem seine Rolle nach dem Sturz der SED-Diktatur, sagt Hildigung Neubert, Stasi-Beauftragte in Thüringen. Gauck habe gradlinig für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gestritten, vor der Renaissance der Kommunisten gewarnt und sich für eine aufgeklärte Gesellschaft in der früheren DDR eingesetzt. Ohne ihn, sagt Neubert, wäre der Aufbau der Demokratie in der ehemaligen DDR nicht so gut gelungen. Dass Gauck als Sohn eines Kapitäns, der vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und verschleppt wurde, mit dem politischen System der DDR nichts habe anfangen wollen, sei immer klar gewesen – vor 1989 ebenso wie später.

Kurioserweise ist es diese innere Distanz zur DDR, derentwegen seine Kritiker Gauck heute die Eignung als Bürgerrechtler absprechen wollen. Tschiche hat als Wesen der DDR-Oppositionsbewegung die „Forderung nach Demokratisierung des sozialistischen Staates“ beschrieben. Dem habe sich Gauck nie angeschlossen. Damit wird auch klar, welches Motiv viele einstige DDR-Bürgerrechtler antreibt, wenn sie Gauck jetzt vehement ablehnen – es geht offensichtlich weniger um seine damalige Rolle als vielmehr um eine politische Richtungsfrage: Für manche einstige DDR-Oppositionelle, die sich politisch links einordnen, war Gauck immer schon zu weit rechts, um selbst auch ein Bürgerrechtler sein zu können.

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