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Deutschland / Welt Begann die NSU-Mordserie mit einem Kindermord?
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00:22 19.06.2014
Von Klaus Wallbaum
Im Fall eines toten Jungen hat die Staatsanwaltschaft eine neue Spur: Sie führt zum mutmaßlichen NSU-Mörder Uwe Böhnhardt. Quelle: dpa
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Jena

Ununterbrochen hat am Dienstag das Telefon von Staatsanwalt Jens Wörmann in Gera geklingelt. Der Vorgang, zu dem der Sprecher der Ermittlungsbehörde Auskunft geben konnte, klingt merkwürdig: Die Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) hat möglicherweise ihren Ausgangspunkt in einem Fall, der nichts mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu tun hat. Vor 21 Jahren wurde in Jena ein kleiner Junge umgebracht. Nun führen die Spuren zu Uwe Böhnhardt, einem der drei Mitglieder des NSU-Trios. Böhnhardt hat sich, ebenso wie Uwe Mundlos, kurz vor der Enttarnung 2011 umgebracht. Gegen die Dritte im Bunde, Beate Zschäpe, läuft gerade der Prozess.

Nun sind die Umstände des Kindesmordes von 1993 nicht mal ansatzweise geklärt. Vieles beruht auf Mutmaßungen, und zu den Details der Ermittlungen schweigen Polizei und Staatsanwaltschaft. Auffällig aber ist, dass offenbar eine Verbindung zwischen dem Tod des Jungen und zwei zentralen Figuren der NSU-Mordserie bestand – einmal Böhnhardt und dann Enrico T., sein Kumpane. T. soll sieben Jahre später, als die Mordserie begann, eine Pistole vom Typ Ceska für die Täter besorgt haben. So jedenfalls sieht es die Bundesanwaltschaft. T. musste als Zeuge aussagen.

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Zunächst ein Blick auf das Geschehen vom 6. Juli 1993 in Jena. Damals war Bernd Beckmann nicht nach Hause gekommen, zwölf Tage später hat man die Leiche des Neunjährigen am Ufer der Saale gefunden. War es ein exualverbrechen? Die Staatsanwaltschaft will dazu aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen. In der Nähe des Leichnams wurde ein Bootsmotor gefunden, der Enrico T. gehörte. In den Vernehmungen gab T. an, das Boot sei ihm gestohlen worden – und der Einzige, der vom Liegeplatz des Bootes gewusst habe, sei Böhnhardt gewesen.

Auch Böhnhardt wurde seinerzeit offenbar von der Polizei vernommen, stritt aber ab, mit dem Tod des Kindes etwas zu tun zu haben. Die Polizei konnte bei diesem Stand, Aussage gegen Aussage, den Verdacht in keine Richtung erhärten. Weder gegen Böhnhardt noch gegen T. wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Trotzdem hielten beide in jenen Jahren die Ermittler auf Trab. Böhnhardt musste in den Wochen vor und nach der Mordtat Haftstrafen wegen Diebstählen und Körperverletzung verbüßen, T. wurde ein versuchter Banküberfall zur Last gelegt.

Erst sieben Jahre später begann die Serie von zehn Morden, die dem Terrortrio zur Last gelegt werden. Als der NSU Ende 2011 aufflog und die Polizei das Umfeld der Täter noch einmal durchleuchtete, gab es auch neue Hinweise auf den Jenaer Kindsmord von 1993. Ein Aussteiger aus der rechtsextremen Szene behauptete, T. habe „auf kleine Kinder gestanden“.

T. wurde noch einmal vernommen. Die Vermutung, dass er dabei wesentlich neue und Böhnhardt belastende Erkenntnisse geäußert haben könnte, bestätigt sich bisher nicht. Staatsanwalt Wörmann betont, dass der Fall unter anderem deshalb die ­Ermittler wieder beschäftigt, weil die Polizei immer wieder alle ungeklärten Mordfälle neu beleuchtet und versucht, etwas Neues zu erfahren. „Solche Überprüfungen gibt es bei uns routinemäßig“, sagt Wörmann. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft wird daraus kaum die Hoffnung abgeleitet, nun in Kürze bei der Aufklärung des Mordes an Bernd Beckmann einen entscheidenden Schritt weiterzukommen.

Aber der vage Verdacht lenkt den Blick noch einmal auf die Vorgeschichte des NSU-Trios – und damit auf die Versäumnisse der Ermittlungsbehörden. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe waren im rechtsextremen Milieu unterwegs, sie verübten Diebstähle, bastelten an Sprengstoffsätzen – und gerieten, wie eben erst jetzt bekannt wird, in das Umfeld der Verdächtigen eines Kindsmordes. Obwohl die Mordserie des NSU erst im Jahr 2000 startete, gab es vorher bei der Terrorgruppe und ihren mutmaßlichen Unterstützern eine beträchtliche kriminelle Energie in unterschiedlicher Ausprägung.

Einmal mehr stellt sich jetzt die Frage, ob die Ermittlungsbehörden diesen Leuten nicht noch viel intensiver auf die Finger hätten schauen müssen. Wenn schon der Kindsmord von 1993 mit Böhnhardt und T. in Zusammenhang gebracht wurde, wäre nicht das allein genug Anlass gewesen, ihre Observierung zu verstärken?

Heute leidet die Aufklärung oft auch darunter, dass mehr als 20 Jahre vergangen sind. Das wird auch im NSU-Prozess deutlich, wo die Umstände der späteren Morde der Terrorzelle aufgeklärt werden sollen. Viele Zeugen erinnern sich nicht mehr an wichtige Details.

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