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10:00 16.02.2019
Ein Satz wie „Wir schaffen das“ gilt heute als Skandal. Haben wir vergessen, die moderne Gesellschaft weiterzudenken? Quelle: iStock
Berlin

Eine andere Welt ist möglich, heißt es immer hoffnungsfroh vonseiten aller denkbaren Organisationen von Brot für die Welt bis WWF. Komischerweise aber nur in Leitbildern und weihnachtlichen Spendenaufrufen. Ansonsten hören wir Tag für Tag das exakte Gegenteil: Es mangelt an Hilfslieferungen in Krisenregionen, Seuchen drohen, die Insekten sterben, das Klima ist aus dem Takt, das Erdsystem sowieso.

Schon ein Satz wie „Wir schaffen das“ gilt heute als Skandal. Wo ist sie denn, die andere mögliche Welt? Kann es sein, dass der grassierende Katastrophismus paradoxerweise genau dazu geführt hat, dass man vergessen hat, die moderne Gesellschaft weiterzudenken, sie selbst als Entwicklungsprojekt zu verstehen?

Immerhin ist sie ja, was den Wohlstand und die Lebenserwartung, die Infrastrukturen und die Sicherheit, die Freiheit und die Lebensformen angeht, Wirklichkeit gewordene Utopie, nämlich die beste aller Gesellschaften, die es historisch jemals gegeben hat. Und wenn es nach wie vor eine Menge Probleme gibt, bedeutet das nur, dass wir heute erheblich mehr Handlungsmöglichkeiten haben, sie zu bewältigen, als jemals Menschengenerationen zuvor. Abhandengekommen ist offenbar aber ein Horizont, der über die begrenzte Gegenwart hinausreicht.

Das Auto passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert

Also fangen wir doch einfach mal an: Jeden Tag lamentieren wir über Dieselgate, Feinstaub, Verkehrskollaps und dass niemand E-Autos kaufen will. Da könnte ja ein einfacher Schluss naheliegen: Das Auto passt nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Die enorme Verstädterung macht ja eigentlich weniger Verkehr nötig, und die Digitalisierung bietet glänzende Möglichkeiten, öffentlichen Verkehr bequem und effizient zu organisieren.

Leihfahrrad, Rufbus, Tram, U- und S-Bahn lassen sich wunderbar aufeinander abstimmen – hat Kopenhagen, die Metropole, die seit 20 Jahren den Fahrradverkehr ausbaut, ein Feinstaubproblem? Fahrverbote für Räder und Straßenbahnen sind eher undenkbar – mit welchen Problemen schlagen wir uns eigentlich herum?

Eine Stadt, gar eine Welt ohne Autos – sie wäre sicherer, leiser, gesünder, bequemer, und in Zeiten, in denen die digitale Kommunikation die Menschen immer mehr vereinzelt, können wir ja auch öffentlichen Begegnungsraum gut gebrauchen. Womit wir beim Gemeinwesen wären.

Gemeinwohlbilanz statt Gewinnmaximierung

Warum versteht man Kapitalismus eigentlich so, dass es ausschließlich um Gewinnmaximierung gehen muss? Dass Eigentum verpflichtet, es auch für das Gemeinwohl einzusetzen, ist ja nichts Neues und hat schon Ludwig Erhard („Wohlstand für Alle“) so gesehen.

Da könnte man Unternehmen verpflichten, neben ihrer monetären Bilanz jedes Jahr eine Gemeinwohlbilanz vorzulegen, in der sie belegen, wie sie Benachteiligungen im Betrieb abgebaut, Menschenrechte verteidigt, ökologisch nachhaltig produziert oder Schulen und Kultureinrichtungen gefördert haben. Halt, das ist gar keine Utopie: eine Bewegung namens „Gemeinwohlökonomie“ gibt es bereits, und ihr haben sich allein in Deutschland schon mehr als 2000 Unternehmen angeschlossen.

Ihr Ziel ist es, dass man künftig Steuervorteile bekommt und bei öffentlichen Beschaffungen bevorzugt wird, wenn man einen hohen Wert in der Gemeinwohlbilanz erreicht hat. Auf diese Weise wird umgedreht, was heute noch häufig der Fall ist: dass es nämlich riskant und teuer ist, nachhaltig und gemeinwohlorientiert zu wirtschaften, und weitaus einfacher, wenn man nicht-nachhaltig und shareholderorientiert bleibt.

Transportkosten sind grotesk gering

Und wo wir gerade bei der Wirtschaft sind: Wie sähe denn eine moderne Ökonomie aus, in der echte Preise gezahlt werden? Im Augenblick ist es ja so, dass etwa die Umweltbelastung durch Pestizide oder durch die Emissionen von Containerschiffen im Preis eines T-Shirts nicht auftaucht. Diese Kosten bezahlt eine anonyme Gemeinschaft irgendwo oder eine ebenso anonyme nächste Generation.

Würde es die Abschaffung des Kapitalismus bedeuten, wenn man künftig wahre Preise zahlen müsste? Nein, überhaupt nicht. Denn wenn die Kosten steigen, muss man als Unternehmen nach Möglichkeiten der Kostenreduzierung suchen.

In einem System, das Kosten externalisiert, kann ich sparen, wenn ich meine T-Shirts in Myanmar oder Kambodscha produzieren lasse; die Transportkosten sind pro Teil grotesk gering und fallen angesichts der im Vergleich zu Deutschland extrem geringen Arbeitskosten und der Einsparungen durch fehlende Umweltstandards überhaupt nicht ins Gewicht.

Das Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts

Unter der Bedingung aber, dass wahre Preise gezahlt werden müssen, wird der Transport plötzlich sehr teuer; Möglichkeiten zur Kostenreduzierung ergeben sich umgekehrt also genau dort, wo ich Transport vermeide. Wenn die zuvor externalisierten Mobilitätskosten bezahlt werden müssen, könnte es günstiger sein, die Textilien in Deutschland produzieren zu lassen.

Und so schließt sich ein Kreis: Denn dadurch entsteht weniger Mobilität, und die kann überdies, siehe oben, anders organisiert werden. Man sieht: Ein Denken in konkreten Utopien schließt sofort ganz andere Möglichkeitsräume auf als das permanente Optimieren von Dingen, die eh falsch sind oder aus dem 20. Jahrhundert kommen und in das 21. leider nicht mehr passen.

Utopischer Realismus ist das Entwerfen einer modernen Gesellschaft, die aufgehört hat, ihre eigenen Voraussetzungen zu konsumieren. Das Apollo-Projekt des 21. Jahrhunderts ist nicht die Besiedelung von Mond und Mars, es ist: eine andere Welt möglich zu machen.

Harald Welzer Quelle: Jens Steingässer

Zur Person: Harald Welzer ist Direktor von Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit und lehrt an den Universitäten Flensburg und Sankt Gallen. Sein neues Buch „Alles könnte anders sein“ (320 Seiten, 22 Euro) ist vor wenigen Tagen bei S. Fischer erschienen.

Von Harald Welzer

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