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Deutschland / Welt Weiter schwere Kämpfe in Tripolis
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Weiter schwere Kämpfe in Tripolis
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16:47 23.08.2011
Besonders hart umkämpft ist der Bunkerkomplex des Diktators. Quelle: dpa
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Tripolis

Entscheidender Kampf um Tripolis: In Libyens Hauptstadt haben sich Gaddafi-Getreuen unter anderem in der schwer befestigten Residenz des Diktators Muammar al-Gaddafi verschanzt. Rund um den Stützpunkt Bab al-Asisija lieferten sich Aufständische und Gaddafi-Milizen am Dienstag erbitterte Kämpfe, wie ausländische Nachrichtensender berichteten.

Der Aufenthaltsort Gaddafis war bis zum späten Dienstagnachmittag weiter unbekannt, die Rebellen vermuteten ihn in einer Bunkerlage unter seiner Residenzanlage. Sein Sohn Saif al-Islam, dessen Gefangennahme die Rebellen am Montag verkündet hatten, strafte unterdessen seine Gegner Lügen. Rund 24 Stunden nach den Meldungen über seine Festnahme fuhr der 39-Jährige in der Nacht zum Dienstag vor dem Journalisten- Hotel Rixos in Tripolis vor und behauptete, die Stadt sei in Regierungshand. „Wir haben den Rebellen das Rückgrat gebrochen“, sagte er vor jubelnden Anhängern, wie es etwa in einem Bericht des britischen Senders BBC zu sehen war.

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Seit dem Einmarsch der Aufständischen in Tripolis hat es dort nach deren eigenen Angaben bereits über 2000 Tote gegeben. Trotz des Kampflärms „ist das Gaddafi-Regime am Ende“, sagte in Neapel Nato-Militärsprecher Roland Lavoie. Dennoch bleibe Libyen für die Nato weiterhin „eine 24/7-Operation“ - also mit Einsätzen rund um die Uhr. Die Lage in Tripolis stufte der Oberst als „sehr komplex“ ein, da Häuserkampf eigene Regeln habe und sehr schwierig sei.

Ein Eingreifen von Kampfjets der Nato zur Unterstützung der Aufständischen gebe es nicht. „Wir stehen auch nicht in direktem Kontakt mit den Rebellen, um irgendwelche Angriffe zu koordinieren.“ Dies bedeute nicht, dass es keine Nato- Luftschläge gegen den Gaddafi-Stützpunkt geben könne, so der Sprecher. „Wir bombardieren, wenn von einem Ziel eine Gefahr für die Zivilbevölkerung ausgeht.“

Ob Gaddafi sich in dem Stützpunkt Bab al-Asisija aufhalte, könne die Nato nicht sagen. Für die Nato spiele Gaddafi keine Rolle mehr, betonte Lavoie. „Seine Präsenz hat ohnehin nur noch symbolischen Wert für seine Anhänger.“ Und Nato-Sprecherin Oana Lungescu fügte in Brüssel hinzu, dass „die Zeit nach Gaddafi bereits begonnen“ habe.

Ein Nato-Militärsprecher erklärte, das Bündnis habe von Freitag bis Sonntag Flugblätter über Tripolis abgeworfen. Darin seien die Gaddafi-treuen Soldaten aufgefordert worden, die Kämpfe einzustellen. Es habe auch entsprechende Aufrufe gegeben, die auf Radiofrequenzen ausgestrahlt worden seien.

Der Nationale Übergangsrat der Gaddafi-Gegner trieb unterdessen die Vorbereitungen für eine Machtübernahme voran. „Es wird dann sogleich eine provisorische Regierung eingesetzt“, sagte der auf der Seite der Rebellen stehende libysche Botschafter in Rom, Hafed Gaddur, der Zeitung „Il Messaggero“ (Dienstag). „Innerhalb eines Monats werden dann Wahlen für eine Nationalversammlung organisiert, aus der eine Verfassungskommission hervorgehen wird“, erläuterte Gaddur. Über deren Arbeit solle per Referendum entschieden werden.

„Sobald die Verfassung angenommen ist, wird es freie und demokratische Wahlen geben“, fügte er an. Das Volk werde einem Gang Gaddafis ins Exil nicht zustimmen, „ihm muss der Prozess gemacht werden für die Verbrechen, die er gegen sein Volk begangen hat“.

Die Aufständischen rückten unterdessen nach eigener Darstellung weiter auf den Gaddafi-Stützpunkt in Tripolis vor. Erste Kämpfer hätten die Außentore überwunden, berichteten die Aufständischen am Dienstag nach Angaben des arabischen Senders Al-Dschasira. Sie wollten eine Erstürmung der Residenz versuchen. TV-Aufnahmen zeigten dichte Rauchwolken über der Anlage.

Heckenschützen lauern überall

Nach einem Bericht der britischen BBC waren auch Kämpfe in der Nähe des Journalisten-Hotels Rixos aufgelammt. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen befürchtet, Auslandskorrespondenten könnten in Libyen ins Visier von Gaddafi-treuen Heckenschützen geraten. Momentan sei dies eine der größten Gefahren für Journalisten im Kriegsgebiet, sagte die Leiterin des Referats für den Nahen Osten und Nordafrika, Soazig Dollet, am Dienstag in Paris. „Das ist kein Platz für Anfänger.“

In den Krankenhäusern in Tripolis und Umgebung spitzte sich die Versorgungslage nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zu. „Einigen Krankenhäusern sind lebensrettende Medikamente und medizinisches Material ausgegangen“, teilte Nothilfekoordinator Jonathan Whittal am Dienstag mit. „Es gibt Probleme mit der Stromversorgung und zu wenig Treibstoff für Krankenwagen und wichtige medizinische Geräte.“

Die Libyen-Kontaktgruppe will an diesem Donnerstag in Istanbul über die schwierige Lage in dem nordafrikanischen Land beraten. Spanien sprach sich für eine neue UN-Resolution zu Libyen aus. Der UN-Sicherheitsrat müsse möglichst rasch einen neuen Beschluss fassen, der der aktuellen Situation in dem nordafrikanischen Land Rechnung trage, erklärte die Madrider Regierung.

Der Übergangsrat der libyschen Rebellen soll innerhalb der nächsten Tage aus Deutschland das erste Geld aus einem Regierungsdarlehen über insgesamt 100 Millionen Euro erhalten. Dies kündigte Außenminister Guido Westerwelle am Dienstag in Berlin an. „Das Land darf jetzt nicht in der Zeit nach Gaddafi in Chaos versinken, sondern muss zurückfinden zu geordneten Verhältnissen“, sagte Westerwelle.

dpa

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