Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Weltweite Proteste gegen die Auswüchse des Kapitalismus
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Weltweite Proteste gegen die Auswüchse des Kapitalismus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:41 16.10.2011
Tausende Demonstranten sind in Frankfurt vor die Europäische Zentralbank gezogen. Quelle: dpa
New York/Berlin/Rom

Hunderttausende Menschen haben am Samstag weltweit gegen die Auswüchse des Finanzmarktes demonstriert. In der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main und in der Hauptstadt Berlin protestierten jeweils etwa 5000 Menschen gegen die Rettung maroder Banken und soziale Ungleichheiten. Vorbild für die Proteste waren die Dauerkundgebungen in New York und Madrid. Am Rande einer Massenkundgebung in Rom mit mehr als 100.000 Teilnehmern kam es zu Ausschreitungen. Bis zum Abend wurden mehr als 70 Menschen verletzt.

In New York nahm die Polizei am Samstag mehr als 70 Menschen fest. Die meisten Festnahmen gab es am Abend (Ortszeit) nahe dem Times Square, als sich eine Gruppe von Demonstranten nach Angaben der Polizei ihrer Aufforderung widersetzte, eine Nebenstraße freizumachen. Die Beamten führten 42 Leute in Handschellen ab.

Bereits zuvor hatte es am Times Square vereinzelte Festnahmen gegeben, als Demonstranten die von der Polizei aufgestellten Absperrungen beiseite stießen. Beamte mit Helmen und Schlagstöcken und Polizisten zu Pferd drängten die Menschen zurück. Dabei hat es nach Angaben von Augenzeugen auch Verletzte gegeben. Bis auf wenige Ausnahmen verlief die Demonstration auf New Yorks berühmter Vergnügungsmeile mit nach einer vorsichtigen Veranstalterschätzung bis zu 50.000 Teilnehmern aber friedlich.

Die Polizei nahm 24 Wall-Street-Protestler in Gewahrsam, nachdem diese in eine Filiale der Citibank geströmt waren, um ihre Konten in einer gemeinsamen Aktion aufzulösen. Der Filialleiter forderte die Gruppe nach Angaben von US-Medien auf, die Bank zu verlassen. Die Demonstranten weigerten sich allerdings und wurden in der Geschäftsstelle festgesetzt. Die Bewegung „Occupy Wall Street“ („Besetzt die Wall Street“) hält seit vier Wochen New York in Atem. In anderen Städten der USA gab es ebenfalls Proteste, wie auch in Hongkong und anderen asiatischen Städten.

Insgesamt folgten in Deutschland nach Angaben der Mitorganisatoren von Attac mehr als 40.000 Kapitalismuskritiker in etwa 50 Städten dem Aufruf zum Protest. Max Bank vom Attac-Koordinierungskreis wertete den Protesttag als großen Erfolg. „Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da“, sagte er. Die Globalisierungsgegner fordern unter anderem eine europäische Vermögensabgabe und Finanztransaktionssteuer.

In Berlin zogen die Demonstranten vom Alexanderplatz in Richtung Kanzleramt. Die Polizei unterband aber das Campieren vor dem Bundestag. In Frankfurt am Main marschierten die Menschen zu einer Kundgebung an der Europäischen Zentralbank (EZB). Mit Genehmigung der Stadt Frankfurt stellten einige Demonstranten Zelte auf.

Die Proteste in Deutschland blieben nach Polizeiangaben insgesamt friedlich. In Berlin kam es aber auf dem Weg durch das Regierungsviertel zum Kanzleramt kurz zu Tumulten, als rund 200 Protestler über die Wiese auf den Bundestag zustürmten. Dort bauten die Aktivisten die Absperrungen ab und riefen in Anspielung auf die New Yorker Proteste „Occupy Bundestag“ („Besetzt den Bundestag“). Die Polizei sicherte das Gelände.

Die Berliner Polizei beendete am späten Samstagabend die Proteste vor dem Bundestag. Zwei Hundertschaften waren im Einsatz, um die Demonstranten von dem Platz zu entfernen. Es werde nicht geduldet, dass die Proteste vor dem Bundestag die ganze Nacht über andauerten, sagte ein Polizeisprecher. Die Einsatzkräfte trugen Demonstranten vom Platz und nahmen Personalien auf. Die Räumung sei „mehr oder minder milde“ verlaufen, so der Sprecher.

Die Demonstranten in der Bankenmetropole Frankfurt machten ihrem Unmut mit Plakat-Parolen wie „Ihr verzockt unsere Zukunft“ und „Schranken für Banken“ Luft. Einige riefen lautstark: „Brecht die Macht der Banken und Konzerne.“ In München machten etwa 1000 Demonstranten ihrem Unmut Luft, in Köln zogen nach Polizeiangaben rund 1500 Demonstranten durch die Innenstadt. Auch in Stuttgart gingen etwa 1500 Menschen auf die Straße. Mit „Rettungsschirmen“, Trillerpfeifen und Plakaten prangerten sie die Macht der Wirtschaft an.

SPD, Linke, Grüne und Gewerkschaften begrüßten die Proteste. „Zu Recht brandmarken sie das Auseinanderdriften von Arm und Reich“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer. Der Protest der zumeist jungen Menschen sei ein Alarmsignal.

Auch in anderen europäischen Städten war das Echo auf den im Internet verbreiteten Aufruf groß. Vorbild der Demonstrationen sind die amerikanische Protestbewegung „Occupy Wall Street“ („Besetzt die Wall Street“) und die jungen Demonstranten in Spanien, die sich gegen das Finanzsystem und große Teile der Bankenwelt wenden.

In Rom zündete eine Gruppe Vermummter auf der zentralen Via Cavour Autos an, deren Benzintanks explodierten. Mehrere Räume des Verteidigungsministeriums wurden durch Sprengsätze und Rauchbomben beschädigt, wie italienische Medien berichteten.

In Brüssel protestierten etwa 6000 Kapitalismuskritiker. Darunter waren auch Aktivisten der spanischen Bewegung der „Indignados“ (Deutsch: Empörten), die zu Fuß von Madrid nach Brüssel gekommen waren. In der spanischen Hauptstadt setzten die „Empörten“ genau fünf Monate nach ihrem Entstehen die Proteste fort. Zehntausende Menschen demonstrierten im Herzen der spanischen Hauptstadt gegen die Macht der Banken.

Mehr als tausend Finanzmarktkritiker gingen auch in London auf die Straße. Unter den an der Saint-Paul’s-Kathedrale sowie der Londoner Börse versammelten Demonstranten war auch Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, Julian Assange.

In Frankreich verliefen die Proteste im überschaubaren Rahmen. Etwa 200 Menschen folgten in Paris dem Aufruf zum Protest der „Empörten“, teilte die Polizei mit. Zeitgleich kamen in der Stadt die Finanzminister der G20-Länder zusammen. Auch in Slowenien, Bulgarien, Tschechien und weiteren EU-Staaten versammelten sich Globalisierungskritiker.

dpa

Mehr zum Thema

In der globalen Krise scheinen die Finanzmärkte zu regieren - und die Menschen sind wütend: „Ein Prozent“ profitiere, während “99 Prozent“ der Rest sparen müsse - ein Teil davon ging am Samstag auch in Berlin auf die Straße.

15.10.2011

Die Finanzkrise und ihre konkreten Folgen sollen heute weltweit viele tausend Menschen auf die Straße treiben. Ziel der Proteste: das globale Finanzsystem und Teile der Bankenwelt. Auch in Deutschland wird demonstriert.

15.10.2011

Vor einem Monat begannen in den USA die Sozialproteste „Occupy Wall Street“. Zunächst wenig beachtet, wurde daraus schnell eine Massenbewegung. Am Samstag soll die Protestwelle nun Deutschland erreichen - im Visier vor allem EZB-Zentrale und Kanzleramt.

14.10.2011

Staatsbesuch am Hindukusch: Noch vor der Begrüßung mit militärischen Ehren hat Bundespräsident Wulff Gespräche mit Menschenrechtlern geführt. Besonders wichtig ist ihm die zivile Hilfe für Afghanistan, das nach 2014 für seine Sicherheit selbst verantwortlich sein soll.

16.10.2011

In der globalen Krise scheinen die Finanzmärkte zu regieren - und die Menschen sind wütend: „Ein Prozent“ profitiere, während “99 Prozent“ der Rest sparen müsse - ein Teil davon ging am Samstag auch in Berlin auf die Straße.

15.10.2011

Bei einer Massenkundgebung in Rom mit mehr als 100.000 „Empörten“ liefern sich Autonome Straßenschlachten mit der Polizei. Nach dem Vertrauensvotum im Parlament für Berlusconi waren Randale befürchtet worden.

15.10.2011