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Deutschland / Welt Wer wird Kanzlerkandidat der SPD?
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07:10 24.09.2012
Peer Steinbrück scheint derzeit die besten Chancen zu haben, Kanzlerkandidat der SPD zu werden. Quelle: dpa
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Berlin

Doch allen Stillhalte-Parolen und Mahnungen aus dem Willy-Brandt-Haus zum Trotz hält sich hartnäckig, dass die Sozialdemokraten wohl früher ausrufen werden, wen sie als Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ins Rennen schicken.

Egal, wie und wann entschieden wird: Die erhoffte souveräne Suche nach einem Kanzlerkandidaten scheint misslungen. Die Regie der Wahlkampfstrategen rund um das Trio wird auch aus den eigenen Reihen torpediert. So heftig sich die SPD-Spitze auch wehrt, sie ist in der Kandidatenfrage längst Getriebene. Die Kür der Genossen, die zur Demontage neigen, droht zur Lachnummer zu werden.

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Offiziell heißt es gebetsmühlenartig: Es bleibt beim Zeitplan Ende 2012/Anfang 2013. Nach außen geben sich die Sozialdemokraten weiter gelassen. Unerschrocken halten sie an den Vorgaben fest – die Kandidatenfrage werde keineswegs vor der Niedersachsenwahl im Januar entschieden. Doch der Ruf an der Parteibasis nach einem früheren Votum wird auch angesichts mauer SPD-Umfragewerte lauter.

Hinter den Kulissen zeichnet sich schon seit Tagen ab, dass die Troika aus Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück schneller ausgedient hat als geplant. Und dass damit auch der bisherige Fahrplan obsolet ist. Eine erste Vorentscheidung scheint offenbar gefallen: Gabriel verzichtet und schlägt Steinbrück als Merkel-Gegner vor. Der SPD-Chef indes ließ das dementieren; er habe „einigen im Parteivorstand ordentlich den Kopf gewaschen“, hieß es. Der Zeitpunkt werde nicht von den Medien entschieden, „sondern das werden wir machen“, sagte Gabriel dann gestern Abend im „Bericht aus Berlin“ der ARD. Es bleibe beim alten Zeitplan.

Eine andere Version bietet der „Spiegel“: Noch im Herbst werde die Troika in ihrer jetzigen Form aufgelöst. Die Frage, ob Steinmeier oder Steinbrück Kandidat werde, entscheide sich am 24. November beim Parteikonvent. Das Interessante ist, dass Steinbrück in derselben Ausgabe ausgiebig zu Wort kommt. In einem Interview äußert sich der 65-Jährige zur Finanzmarkt- und Bankenregulierung, aber auch zu der laut „Spiegel“ verkorksten Kandidatensuche in der SPD.

Diese Konstellation – großes Interview und zugleich eine nicht näher verifizierte Parteikreise-Meldung in ein und demselben Medium – dürfte Wasser auf die Mühlen der Genossen sein, die den „rechten“ SPD-Mann ablehnen. Das von Gegnern gepflegte Klischee, der in der Partei schlecht verankerte Steinbrück sei ein Egomane, erhält neue Nahrung.

Ohne den Ex-Finanzminister beim Namen zu nennen, empört sich Juso-Chef Sascha Vogt in der „Welt“: „Es ist unerträglich, dass einer der möglichen Kanzlerkandidaten permanent das Gerücht streuen lässt, die Entscheidung sei zu seinen Gunsten gefallen.“ Der SPD-Nachwuchs legt gleich einen wunden Punkt offen: Mit den dauernden „Disziplinlosigkeiten“ werde Gabriel brüskiert.

Eher unwahrscheinlich erscheint das Szenario, der SPD-Kandidat könnte auf dem Parteikonvent am 24. November gekürt werden. Dort dürfte das von SPD-Linken und Gewerkschaften heftig kritisierte Rentenkonzept dominieren. Kaum anzunehmen, dass Gabriel nach schwieriger Debatte mal eben den Merkel-Herausforderer ausruft.

Der SPD-Landesverband Niedersachsen würde die Entscheidung gern rechtzeitig vor der Landtagswahl im Januar klären. In Hannover hofft man auf einen Schub, um CDU-Ministerpräsident David McAllister abzulösen und erfolgreich ins Wahljahr zu starten. Ein Kalkül, das auch der Niedersachse Gabriel berücksichtigen dürfte. Steinbrück sagt es mittlerweile so: Der Kandidat werde „spätestens“ nach der Niedersachsenwahl benannt.

Dass auch Steinmeier aus dem Rennen ist, ist indes nicht ausgemacht: Mitten in der Kandidaten-Debatte muss sich Steinbrück mit Vorwürfen auseinandersetzen, er habe als Bundesfinanzminister um Sponsorengelder für eine Schachveranstaltung in Bonn geworben. Für Rechtsgelehrte eine klare Verfehlung, für den passionierten Schachspieler Steinbrück jedoch nichts Ehrenrühriges. Das dürften SPD-Linke ganz anders sehen.

André Stahl

23.09.2012
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