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Deutschland / Welt Westerwelle: Von unsichtbaren Händen getragen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Westerwelle: Von unsichtbaren Händen getragen
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20:59 08.11.2009
Von Stefan Koch
Bundesaußenminister Guido Westerwelle. Quelle: ddp
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Seit den Regierungsjahren von Rot-Grün gilt das „Einstein“ Unter den Linden als Informationsbörse. Wer sich im hinteren Raum dieses wienerisch anmutenden Kaffeehauses einen Tisch reserviert, gehört in der Regel zu den intimen Kennern deutscher Politik. Manche wollen das Geschehen rund um das Brandenburger Tor nur kommentieren, andere wollen es beeinflussen. In diesem Vorhof des Bundestags hat es der neue Außenminister schwer.

Über Guido Westerwelle fallen die Urteile der Kaffeehausplauderer besonders ungnädig aus. Seine alten Sünden machen die Runde. Unter lautem Gelächter erinnert man sich an seine schrillsten Töne – „Hier steht die Freiheitsstatue der Republik“. Auch sein neues Autokennzeichen ist schon bekannt „B-GW 2009“. Westerwelle – das ist in den Augen vieler Altgedienter ein Ehrgeizling, dem die Macht wichtiger zu sein scheint als die Inhalte. Immer ein wenig zu laut, immer ein wenig zu schnell.

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Diese Häme steht in einem seltsamen Kontrast zum neuen Hausherren am Werderschen Markt. Der FDP-Chef stürzt nicht mit einem lauten „Hallo, hier komm’ ich“ ins Amt. Als wenn ihm jemand Zaumzeug angelegt hätte, hält er sich zurück. Er ist kaum wiederzuerkennen, wenn er von seinem „großen Respekt vor den Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes“ spricht. „Es ist auch für mich persönlich eine große Ehre, dass ich mit den besten Frauen und Männern, die für Deutschland arbeiten, künftig zusammenarbeiten darf.“ Für den 47-Jährigen gilt offenbar, was bereits sein Vorvorgänger Joschka Fischer erkannte: „Dieses Amt beeinflusst den Amtsträger stärker als umgekehrt.“

Nun genießt das Auswärtige Amt in Berlin tatsächlich einen legendären Ruf. Die Expertisen, die hier Tag für Tag entstehen, werden in Fachkreisen im In- und Ausland geschätzt. Ganz gleich, ob die Schwierigkeiten beschrieben werden, denen sich US-Präsident Barack Obama bei seiner Gesundheitsreform gegenübersieht, oder ob der Frage nachgegangen wird, worin die tieferen Ursachen der ethnischen Konflikte im fernen Tadschikistan liegen: In diesem Haus erscheint die Welt wie ein Dorf. Ob es Westerwelle gelingt, in diesem Dorf schnell den Überblick zu gewinnen?

Der Liberale hatte sich in den vergangenen Jahren in die Details der Innenpolitik verbissen. Unter Rot-Grün und Schwarz-Rot war von ihm fast zu jedem Thema etwas zu hören. Nur zu den außenpolitischen Fragen schwieg er sich zumeist aus. Dass er der einstigen Kernkompetenz seiner Partei mit großer Vorsicht begegnet, deutete sich im Herbst 2007 bei seinem ersten Truppenbesuch in Afghanistan an. Aus dem bisherigen Skeptiker des Bundeswehrengagements am Hindukusch wurde ein entschiedener Verfechter des Dauereinsatzes.

Spöttisch stellt denn auch ein Diplomat dieser Tage fest: „Wir machen aus jedem, der lesen und schreiben kann, einen guten Außenminister.“ Das ist nur ein bisschen übertrieben. Mehr als 10.000 Mitarbeiter stehen ihm zur Verfügung, um sich schnellstens in die verschiedensten Themen einzuarbeiten. „Druckbetankung“ nennt das der Außenminister, wenn er sich noch im Flugzeug auf den nächsten Termin vorbereiten muss. Etwa 200 Vertretungen sammeln rund um den Globus Informationen, auf die der oberste Dienstherr zurückgreifen kann. Fast jeder, der hier arbeitet, spricht mindestens drei Sprachen. Das Auswärtige Amt: Das sind die Augen, die Ohren und die Stimme Deutschlands in der Welt. Das „AA“ versteht sich selbst als Flankenschutz für Politiker, die im Auftrag des Landes unterwegs sind. Oder, wie es Joschka Fischer am Freitag in Berlin formulierte: „Es ist letztendlich deutsche Außenpolitik und nicht liberale oder grüne oder schwarze oder rote.“

Gleichwohl: Westerwelle weiß um die Missgunst in seiner Umgebung – und er scheint sie mit aller Macht überwinden zu wollen. Seine Besuche in Warschau, Den Haag, Paris und Washington absolvierte er mit Bravour, wie selbst eingefleischte Kritiker einräumen. Sie ahnen, dass die Ära des alten Guido zu Ende geht und in Zukunft ein seriöser Außenminister vor ihnen steht. Sein Versuch, mit seiner ersten Station in Polen ein Zeichen zu setzen, kam gut an. Sowohl bei den kleinen europäischen Gastgebern als auch bei den großen. Westerwelle weist darauf hin, dass die Integration Ost- und Mitteleuropas in die EU noch keineswegs vollendet ist. Diese Beziehungen zu intensivieren ist durchaus im Interesse des Großen und Ganzen. Ein Gedanke, der ihm von seinem Mentor Hans-Dietrich Genscher zugeraunt wurde. Der Ehren-außenminister der Republik hat damit auch auf seine alten Tage eine gute Nase bewiesen. Er weiß, dass ein Außenminister dann einen guten Job macht, wenn er sich der „Kontinuität“ verschreibt. Er weiß aber auch, dass es ihm gut zu Gesicht steht, zumindest in einem Detail eine persönliche Note zu besitzen. Genscher, der sich von einer längeren Krankheitsphase gut erholt hat, kehrt damit zum richtigen Augenblick auf seine viel geliebte Bühne zurück.

Die Öffentlichkeit nimmt ihn kaum wahr. Wie eine Souffleuse hat er sich in Hörweite seines Ziehsohns platziert, um in entscheidenden Momenten Hilfestellungen zu geben. So wie in Washington, als Westerwelle kurz vor seinem Gespräch mit seiner amerikanischen Kollegin per Mobiltelefon Genscher anrief, der in diesen Tagen – wie zufällig – in Texas auf Vortragsreise unterwegs ist.

So ist es denn weniger seine Aufgabe als Außenminister als vielmehr sein Job als FDP-Chef, der Westerwelle Sorgen bereitet. Denn während er sich darauf konzentriert, auf internationalem Parkett zu glänzen, läuft ihm daheim das Geschäft ein wenig aus dem Ruder. Seine Parteifreunde Jörg-Uwe Hahn aus Wiesbaden und Wolfgang Kubicki aus Kiel fahren ihm in die Parade, wenn sie vor steigender Staatsverschuldung warnen. Es scheint, als ob den Landespolitikern die Gestaltungsfreiheit vor der eigenen Haustür mehr am Herzen liegt als die Forderungen der Bundespartei.

Westerwelle muss sich jetzt an mehreren Fronten bewähren. Er steht einer Partei vor, die weit mehr Fraktionsmitglieder besitzt als zu Zeiten seines Übervaters Genscher. Gleichzeitig sieht er sich aber in eine Außenpolitik eingebunden, die nicht nur im Auswärtigen Amt konzipiert wird: Kanzlerin Angela Merkel hat sich dieses Terrain angeeignet wie kaum ein anderer Regierungschef vor ihr. Das wurde Westerwelle bei seinem eigentlich so erfolgreichen Antrittsbesuch in Washington unmissverständlich klargemacht: Clinton sagte gleich mehrfach „as Chancellor Merkel said ...“ Zu deutsch: Der FDP-Chef ist nicht nur in der Regierung die Nummer zwei, auch in der Außenpolitik. Der lange Schatten seiner Kabinettschefin liegt auf sämtlichen Plätzen, die er bei seiner Antrittstour betritt. Die Gipfel-Moderatorin, die Klimaretterin, die Finanzmarktregulatorin. Aus aller Herren Länder gehen die Anrufe zumeist im Kanzleramt ein, bevor jemand auf die Idee kommt, die Nummer +49-30-18-170 des „AA“ zu wählen.

Einer der wenigen, der Westerwelle in dieser schwierigen Konstellation gut zuspricht, ist Genscher. Der damals dienstälteste Außenminister erhielt seinen Ehrentitel „Genschman“ auch nicht von heute auf morgen. Er war 16 Jahre im Amt, bevor ihm mit der deutschen Einheit sein Meisterstück gelang. Zu Beginn musste er sich vorhalten lassen, weder Englisch noch Französisch sprechen zu können. Heute besitzt er Kultstatus. Westerwelle kann Genscher nicht in jeder Situation um Hilfe bitten. Aber sein Vorbild hilft ihm, die ersten Schritte auf einem langen Weg zu gehen.