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Deutschland / Welt Die Krankheit trennt das Unwichtige vom Wichtigen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Die Krankheit trennt das Unwichtige vom Wichtigen
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00:16 11.11.2015
Ex-Außenminister Guido Westerwelle (r, FDP) und der ehemalige Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann sitzen bei Vorstellung des von beiden geschriebenen Buches "Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht" im Berliner Ensemble. Quelle: Jörg Carstensen
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Berlin

Das Publikum klatscht oft und ausdauernd an diesem Sonntagvormittag im Foyer des Berliner Ensembles. Jeder Applaus bedeutet zugleich eine Pause für den geschwächten Mann auf der Bühne, und Guido Westerwelle nutzt sie. Hinter der schwarz umrandeten Brille eilt sein wässrigblauer Blick quer durch die Sitzreihen, ruht kurz, wenn er auf ein vertrautes Gesicht stößt. Dann senkt Westerwelle den Kopf zu einem Nicken.

Die Haare voll, die Stimme fest: Zum ersten Mal seit Bekanntwerden seiner Krebserkrankung hat sich der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wieder bei einem Termin in Berlin gezeigt.

Er nickt häufig, denn zur Präsentation seines Buches sind viele Weggefährten erschienen. Freunde, Ärzte, Botschafter und auch Christian Lindner, Silvana Koch-Mehrin und Dirk Niebel - Vertreter seiner, Westerwelles, Partei, der FDP, von der es nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag immer wieder heißt, sie kämpfe ums Überleben. Metaphern erscheinen manchmal seltsam stumpf neben der Wirklichkeit. Guido Westerwelle kämpfte tatsächlich ums Überleben.

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Wie es ihm heute geht? „Mir geht es eigentlich ganz gut“, antwortet er. „Vor einem Jahr hätte ich diesen Zustand herbeigesehnt.“ Er sei aber noch schwach, er müsse noch zusehen, dass er zu Kräften kommt.

Anfang Juni 2014, nur ein halbes Jahr nach dem Ende im Amt des Außenministers, erfuhr Westerwelle, dass er an akuter Leukämie erkrankt ist. Die Nachricht traf ihn unversehens, er hatte sich ja bloß wegen seines Knies untersuchen lassen, denn das bereitete ihm schon seit ein paar Monaten beim Joggen Probleme. Was tut ein Mensch nach einer so grundstürzenden Diagnose? Guido Westerwelle fing an, Tagebuch zu schreiben, alles zu notieren. „Ich schrieb um mein Leben, um Haltung zu wahren, um Mensch zu bleiben“, sagte er gestern in Berlin. „Zwischen zwei Leben - von Liebe, Tod und Zuversicht“ - so lautet der Titel dieses Buches, das Westerwelle gemeinsam mit dem Journalisten Dominik Wichmann im Laufe des Sommers verfasst hat.

Frühere Politiker bringen gern und häufig Bücher heraus, in denen sie die verkannte Größe ihres Wirkens herausstellen oder sich als Weltendeuter empfehlen. So ein Buch hat Guido Westerwelle, 53, nicht vorgelegt. Natürlich ist es nicht frei von Politik, immerhin hat die Politik das Leben dieses Menschen geprägt, jedenfalls bis zu seiner Erkrankung. Mehr noch aber ist das Buch ein Appell an seine Leser, sich als Stammzellenspender zu registrieren. Und es ist eine Liebeserklärung: an das Leben, an die Insel Mallorca und an Michael Mronz, mit dem Westerwelle seit fünf Jahren verheiratet ist.

Offen und ausführlich schildert Westerwelle, wie aufopferungsvoll Michael Mronz ihm zur Seite steht, ihm Wurstbrote besorgt, die Post ins Krankenhaus bringt und ihn in dunklen Stunden aufzuheitern versucht - und wie ihn selbst das schlechte Gewissen plagt, seinem Partner womöglich zu viel zuzumuten. Insofern ist das Buch auch als Appell zu größerer Akzeptanz gegenüber homosexuellen Partnerschaften zu verstehen, denn im Mittelpunkt steht das Musterbeispiel einer Ehe als Verantwortungsgemeinschaft.

Eine Liebeserklärung also. „Warum sollte ich das nicht machen?“, fragt Westerwelle in die Stille des barocken Saals hinein. „Warum nicht?“ Es ist der einzige Moment an diesem Vormittag, an dem der für Westerwelle einst so typische, aggressive Trotz aufblitzt; im Brustton der Gewissheit, voll im Recht zu stehen, das Kinn vorgereckt.

Es fällt nicht leicht, in dem milde gestimmten, gealterten Mann auf der Bühne jenen Westerwelle auszumachen, der wie kaum ein anderer Bundespolitiker in den vergangenen drei Jahrzehnten Häme, Spott und Missgunst auf sich gezogen hat. Womöglich aber erscheint im Rückblick der FDP-Politiker Westerwelle konsistenter, in sich stimmiger, als er es tatsächlich war. Um nämlich seine politische Vita zu beurteilen, sollte man sie in Phasen, besser noch: in Rollen aufteilen. Es gab diverse Westerwelles.

Da war der schrille Spaßpolitiker, der sich im Bundestagswahlkampf 2002 eine gelbe „18“ auf die Schuhsohle kleben ließ - für 18 Prozent, das größenwahnsinnige Wahlziel seiner Partei; der im „Big Brother“-Container war, im „Guidomobil“ durchs Land gekarrt wurde und dabei Albernheit mit Volksnähe verwechselte.

Und da war der Linkenfresser, den frostigen neoliberalen Zeitgeist aufs Trefflichste verkörpernde Westerwelle, der dem Sozialstaat verbal zusetzte, wo er nur konnte. In Gewerkschaftsfunktionären sah er „die wahre Plage in Deutschland“. Er sprach von „anstrengungslosem Wohlstand“ und „spätrömischer Dekadenz“, wo es eigentlich um Hartz-IV-Sätze ging.

Dann, im Amt des Außenministers, schlug Westerwelle leisere Töne an. Spätestens zu dem Zeitpunkt handelte er sich den Vorwurf ein, ein Rollenspieler zu sein. Viele konnten oder wollten ihm nach all den schrägen Auftritten die Rolle des Staatsmanns nicht abnehmen. Schon gar nicht im Außenministerium, wo doch Westerwelle bisher vor allem mit Forderungen nach Steuersenkungen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Westerwelle legte jedoch großen Wert auf eine besonnene Amtsführung, im Schatten von Kanzlerin Angela Merkel. Als es im UN-Sicherheitsrat 2011 um die Bombardierung Libyens ging, zum Sturz Gaddafis, nahmen ihm viele in der Opposition und in den Medien seine Enthaltung übel und warfen ihm vor, Deutschland international zu isolieren. Westerwelle blieb ruhig, ganz Staatsmann.

Und wer ist er heute, nach all den schlimmen Stunden auf Station 16 des Kölner Uniklinikums, der Station für Knochenmarkstransplantation?

„Man bleibt derselbe Mensch und ist doch ein anderer geworden“, sagt Westerwelle mit schwacher Stimme. Die graue Tweedhose und das Sakko finden kaum Halt an seinem Körper, die Augen sind gerötet. „Auf Station ist man eine Schicksalsgemeinschaft“, sagt er. „Man“: Westerwelle geht auf Distanz zu sich und dem Erlebten - ausgerechnet er, den die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vor nicht allzu vielen Jahren mal zu Recht einen „Egonauten“ nannte. Heute sagt er, und es klingt wie eine gerade noch rechtzeitige Erkenntnis: „Wir sind eben doch als Menschen auf Menschen angewiesen.“

Sein Blick aufs Leben hat sich gewandelt, auch sein Blick auf die Politik. Er lehnt es ab, über seine Partei zu sprechen, er wolle jetzt keine tagespolitischen Aussagen machen. Das alles sei so weit weg. Es klingt so, als erscheine ihm der Politikbetrieb nun nichtig und klein. „So eine Krankheit trennt das Unwichtige vom Wichtigen, und da sagt man sich: Mein Gott! Und damit hast du deine Zeit verbracht? Darüber hast du dich aufgeregt?“

Es gibt Wichtigeres im Leben, lautet die Botschaft, die Westerwelle nun in die Welt trägt. „Bild“ und „Spiegel“ widmeten ihm Titelgeschichten, ab morgen steht sein Buch in den Läden. Er genießt es, wieder eine öffentliche Person zu sein, sichtbar für jedermann. Er genießt, dass es ihn gibt.

Von Marina Kormbaki

Klaus Wallbaum 08.11.2015
08.11.2015