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Deutschland / Welt Westerwelle verlangt mehr Einfluss für Deutschland in der Welt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Westerwelle verlangt mehr Einfluss für Deutschland in der Welt
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21:22 26.09.2010
Bundesaußenminister Guido Westerwelle in New York.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle in New York. Quelle: dpa
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Der Fehler passiert, als Guido Westerwelle mit seiner ersten Rede vor den Vereinten Nationen fast schon durch ist. Im Manuskript, auf der vorletzten Seite, steht es noch richtig: Da wird für eine „Zone frei von Massenvernichtungswaffen“ im Nahen Osten plädiert. Aber der FDP-Chef unterschlägt beim Ablesen das „frei“ und sagt damit genau das Gegenteil.

Eine „Zone von Massenvernichtungswaffen“ für Israel und die Staaten der Umgebung – für einen deutschen Außenminister, der so viel von Abrüstung redet, ist das ein ziemlich unangenehmer Versprecher. Auch wenn Westerwelle den Lapsus gleich im übernächsten Satz wieder ausbügelt. Und auch wenn man nach einem fünftägigen Terminmarathon durch New York mit sehr wenig Schlaf einen solchen Fehler durchaus nachvollziehen kann.

Westerwelle hat Glück. Der Patzer fällt nur den wenigsten auf. Zum einen, weil der große Plenarsaal bei seinem Auftritt ohnehin nur noch zu einem Viertel besetzt ist: Bei Redner 88 von 192 sind die UN-Diplomaten und die anderen angereisten Politiker schon etwas müde. Und dann hat er noch eine gedankenschnelle Übersetzerin. Die Frau vermittelt auf Englisch gleich das, was der Minister eigentlich meint.

So gelingt es Westerwelle, trotz peinlichen Versprechers seine Kernbotschaft rüberzubringen: In einer ansonsten durch und durch diplomatischen Rede erklärt er dem Rest der Welt, warum Deutschland in den nächsten beiden Jahren im UN-Sicherheitsrat sitzen will. Und dort noch besser einen Platz auf Dauer haben sollte.

„Deutschland ist bereit, globale Verantwortung zu übernehmen“, sagt der FDP-Minister. Dann zählt er einige der Punkte auf, die für sein Land sprechen: Wirtschaftsmacht, Vorreiter beim Klimaschutz, drittgrößter Geber von Entwicklungshilfe. Auf den oft genannten Hinweis, dass die Bundesrepublik auch drittgrößter Finanzier der Vereinten Nationen ist, verzichtet er vor dem Gremium rücksichtsvoll. So etwas kann vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen falsch ankommen.

Der Kampf um die notwendigen Stimmen entscheidet sich ohnehin anderswo. Vier Jahre schon läuft die Kandidatur. Wenn jetzt überhaupt noch etwas zu bewegen ist, dann in Gesprächen. Deshalb war eben erst Angela Merkel da, und auch Westerwelle nutzte seinen ersten UN-Besuch, um einige Kollegen persönlich um die Stimme zu bitten. Selbst für den Außenminister der Marshall-Inseln war Zeit. Bei den UN zählt jede Stimme gleich.

Wenige Tage vor der Entscheidung stehen die Chancen ganz gut. Inzwischen hofft man sogar schon darauf, dass es am 12. Oktober gegen Kanada und Portugal bereits im ersten Wahlgang reichen könnte. Auch Westerwelle zeigte sich in New York so zuversichtlich wie noch nie. „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und Kandidaturen nicht vor dem Wahlergebnis. Aber ich bin guter Dinge. Unser Einfluss und unsere Verlässlichkeit wird in der Welt geschätzt“, sagt der liberale Politiker.

Auch die Geschichte spricht dafür, dass es klappen könnte. Bislang ist von vier deutschen Kandidaturen noch keine einzige gescheitert – weder von der alten Bundesrepublik noch von der DDR noch vom vereinigten Deutschland. Darauf allerdings will sich niemand verlassen. Eine Niederlage allerdings wäre auch eine ziemliche Blamage. Deshalb geben die Deutschen am Abend vor der Wahl nochmals einen großen Empfang, zu dem Westerwelle eigens einfliegt.

Weniger gut sieht es mit den deutschen Hoffnungen auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat aus. Der Außenminister mahnt in seiner Rede zwar: „Auch die Vereinten Nationen selbst müssen mit den Veränderungen in der Welt Schritt halten.“ Doch die Bemühungen für eine umfassende UN-Reform stecken fest. Weitere Ausführungen zu dem Thema vermeidet Westerwelle diplomatisch – auch, um vor der Entscheidung über den nicht-ständigen Sitz niemanden zu verprellen.

Nur einen Satz, der nicht im Manuskript steht, fügt er zum Schluss seiner viertelstündigen Rede noch hinzu: „You can count on Germany.“ („Auf Deutschland können Sie sich verlassen.“) Sein Englisch, für das er einst gescholten wurde, ist fehlerfrei.

dpa