Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Wie Angela Merkel die Frauen in der CDU nach vorn brachte
Nachrichten Politik Deutschland / Welt

Wie Angela Merkel die Frauen in der CDU nach vorn brachte

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:03 19.07.2019
Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel (von links). Quelle: Michael Kappeler/dpa
Anzeige
Berlin

Was am Mittwoch in Schloss Bellevue geschah, erschien manchen wie die Krönung des Feminismus. Da saßen Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer nebeneinander. Die eine ist immer noch Kanzlerin, die zweite neuerdings EU-Kommissionspräsidentin und damit die mächtigste Frau Europas, die dritte CDU-Vorsitzende und seit Mittwoch Bundesministerin der Verteidigung. Doch nicht nur das. Während Merkel im vorigen Jahr den CDU-Vorsitz an Kramp-Karrenbauer übergab und an von der Leyens Nominierung nicht unschuldig war, übergab von der Leyen ebenfalls an Kramp-Karrenbauer, bloß eben ein anderes Amt – ein nach traditionellem Verständnis sehr männliches obendrein.

So zieht eine Frau in der Christlichen Damen Union („taz“) die andere nach sich. Fehlte bloß noch, dass eine CDU-Frau als Bundespräsidentin amtiert hätte, um Entlassungs- und Ernennungsurkunden auszuhändigen. Dann wäre das Matriarchat perfekt gewesen – ausgerechnet in der vormaligen Altherrenpartei.

Anzeige

Merkel war früher alles andere als eine Frauenrechtlerin – obwohl die Ostfrauen vielfach emanzipierter waren als die Westfrauen. Am Abend der ersten freien Volkskammerwahl in der untergehenden DDR, dem 18. März 1990, sagte sie zu ihrem späteren Vertrauten Thomas de Maizière: „Sie können glücklich sein, dass Sie so feine Kerle (!) wie uns vom Demokratischen Aufbruch dabeihaben.“

Befremdet vom West-Feminismus

Die Merkel-Biografin Jacqueline Boysen erinnert sich: „Merkel war befremdet vom bundesdeutschen Feminismus; sie konnte damit nichts anfangen. Sie hat sich ja immer in Männerkontexten bewegt. Und sie konnte nicht deshalb nicht Karriere machen, weil sie eine Frau war, sondern weil sie kein Parteimitglied war.“ Die einstige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sagt über Merkel: „Sie war eher gegen die Quote als für die Quote; das hat ihr Helmut Kohl abgerungen.“ Der hatte sie zur Frauenministerin gemacht.

Die feministische Leistung der heute 65-Jährigen bestand zunächst darin, sich als Kohls „Mädchen“ in der CDU zu behaupten, später den Vorsitz zu erklimmen und schließlich die erste Regierungschefin der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Frauenpolitik im eigentlichen Sinne hat Merkel so wenig betrieben, wie Politik für Ostdeutsche.

Sie ließ zwar alsbald Frauenpolitik machen – in Gestalt von der Leyens, die in den Nullerjahren als Familienministerin die Familienpolitik der CDU revolutionierte. Als Merkel im Sommer 2017 bei einer Veranstaltung der Zeitschrift „Brigitte“ im Berliner Maxim-Gorki-Theater gefragt wurde, ob sie Feministin sei, winkte sie gleichwohl ab. Die Ostfrau wollte sich nicht mit fremden Federn schmücken. Trotzdem hebt Süssmuth hervor, dass sie ein Rollenvorbild sei, „weit über die CDU hinaus“.

Kanzlerin wirkte wie befreit

Zuletzt wurde Merkel freilich doch noch zu jener Feministin, die sie 2017 nicht hatte sein wollen. So fiel ihr anlässlich des 70. Geburtstages der Frauen-Union im Mai 2018 auf, dass Frauen mit einem Anteil von 25 Prozent in der CDU unterrepräsentiert seien und man dies ändern müsse. Eine Eintagsfliege war das nicht, wie sich zeigte. Denn wegen eines niedrigen Frauenanteils tadelte sie im Oktober 2018 auch die Junge Union – und zwar mit Lust.

Im November 2018 setzte Merkel schließlich noch einen drauf. Anlässlich einer Gedenkstunde zum 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts sagte sie: „Man muss doch nicht drum herumreden: Die Quoten waren wichtig, aber das Ziel muss Parität sein. Parität überall, ob in der Politik, der Wirtschaft, der Verwaltung, Wissenschaft oder im Kulturbereich.“ Jede Frau in Deutschland solle ihren Weg gehen können.

Indem sie zunächst Kramp-Karrenbauer ins Amt hievte und nun von der Leyen in ein noch höheres, sorgte Angela Merkel zu guter Letzt dafür, dass der emanzipatorische Fortschritt, der mit ihr verbunden ist, keine Episode bleibt. Die Bilder aus dem Schloss künden davon.

Von Markus Decker/RND

Anzeige