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Deutschland / Welt Kanzler zwischen Dichtung und Wahrheit
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07:53 13.12.2013
Er war einer der ganz Großen der deutschen Politik – und wird bis heute immer wieder neu gedeutet. Quelle: dpa
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Berlin

Die jüngere Geschichtsschreibung hat ihm den Titel „Kanzler der Herzen“ zugedacht, politisch ein zwiespältiges Lob, nicht jedoch, wenn man seine Ausstrahlung, die emotionalen Fähigkeiten mit einbezieht. Am 18. Dezember jährt sich der Geburtstag von Willy Brandt zum hundertsten Mal.

Um kaum einen anderen Mann an der Spitze der Bundesrepublik ranken sich so viele Mythen wie um ihn. Sie sind nicht alle von politischem Gewicht, aber ihr Wahrheitsgehalt hat doch einigen Einfluss auf die Wahrnehmung der Zeitgeschichte. Eng sind diese Mythen mit den Wegmarken der deutschen Politik verbunden – und wurden nach seinem Tod vor 21 Jahren angezweifelt oder doch neu gedeutet: Willy und der Kniefall von Warschau, Willy und die Frauen, Willy und Guillaume. Vor allem: Willy und die deutsche Einheit.

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Am 18. Dezember 2013 würde Willy Brandt 100 Jahre alt werden. Das Leben des früheren Bundeskanzlers in Bildern.

Der Satz, „Es wächst zusammen, was zusammengehört“ hat sich eingebrannt ins Gedächtnis der Nation. Er verleitet zur Vermutung, dass für Brandt die Wiedervereinigung etwas Zwangsläufiges gewesen sei. Aufgeschrieben hat Brandt diesen Wunsch angeblich am Tag nach dem Mauerfall im Flugzeug auf dem Weg von Bonn nach Berlin, vorgetragen hat er ihn später am Brandenburger Tor. Neu war die Formulierung freilich nicht. Brandt hatte sie schon einmal verwendet, in der ersten Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses nach dem Mauerbau 1961 – als ferne Vision.

Dass er in den Jahren der Teilung an der Einheit festgehalten habe, behauptet auch sein Sohn Peter Brandt, ein Historiker: „Ich habe nie etwas anderes von ihm gehört.“ Das kann eigentlich kaum sein. In den Jahren des Ringens um die Ostverträge, vor allem aber in der Hochzeit des Wettrüstens sprach Brandt noch 1984 von der „Lebenslüge“ der Wiedervereinigung. Seinem parteiinternen Gegenspieler Herbert Wehner wäre ein solcher Begriff wohl nie über die Lippen gekommen.

Dichtung und Wahrheit liegen in der Geschichtsschreibung stets nahe beieinander, beim Thema „Brandt und die deutsche Einheit“ reichen die Unwägbarkeiten bis ins Anekdotische. Von Angela Merkel glaubt man zu wissen, dass sie den Mauerfall in der Sauna buchstäblich verschwitzt hat. Aber wo war Willy Brandt? Sein Büroleiter im Bonner Erich-Ollenhauer-Haus, Klaus-Henning Rosen, ist sicher: Brandt war am 9. November 1989 den ganzen Tag und Abend mit seinem Umzug nach Unkel am Rhein, seinem letzten Wohnort, beschäftigt, bekam nichts mit von der berühmten Pressekonferenz Günter Schabowskis in Berlin. Nachts um drei sei er von einem Journalisten angerufen und ins Bild gesetzt worden.

Oder hat sein engster Weggefährte, Egon Bahr, Recht? „Brandt rief mich an und fragte: Weißt du, was los ist? Ich antwortete: Ja. Darauf Brandt: Staunste, was? – Ja. – Hättest du nicht geglaubt? – Nein.“

Es gibt noch einen absolut glaubwürdigen Zeugen, der es noch besser weiß. Brandts Nachfolger im Parteiamt, Hans-Jochen Vogel, schreibt in seinen „Nachsichten“ über den Abend des 9. November im Bundestag: „Ich sah, dass Willy Brandt, der im Wasserwerk nur vier Meter vom Rednerpult in der ersten Reihe saß, Tränen in den Augen hatte.“

Natürlich sind solche Randbeobachtungen belanglos im Vergleich zu der großen Lebensleistung des Politikers Brandt. Nimmt man stellvertretend für das Ganze die gelungene Annäherung an den Osten, dann sind wohl auch da Abstriche zu machen. In neueren Biografien, etwa in der von Hans-Joachim Noack, wird darauf verwiesen, wie rasch Brandt nach dem Abschluss des Grundlagenvertrages aus dem Jahr 1973 „die Flügel hängen ließ“, während Wehner auf beharrliches Weitermachen drang. Wehners Moskauer Bemerkung über den Herrn, der gerne lau bade, geht wohl aus dieser Sicht nicht allein auf den internen Machtkampf der Troika Brandt/Schmidt/Wehner zurück, sondern drückt auch ein Stück Enttäuschung aus über den erlahmenden Eifer des Kanzlers.

Der Kniefall von Warschau ist von Historikern lange als wohlbedachte Geste dargestellt worden, auch Egon Bahr hat Andeutungen gemacht, dass Brandt schon auf der Fahrt zum Ehrenmal für die Helden des Warschauer Gettos eine Bemerkung fallen gelassen habe, gleich werde etwas Außergewöhnliches geschehen. Andererseits stützt Bahr auch die Spontan-Theorie. Abends beim Whisky in Warschau habe Willy seine Geste so erklärt: „Ich hatte plötzlich das Gefühl, Kranz niederlegen reicht nicht.“ Peter Brandt erinnert sich, seine Mutter Rut sei überrascht gewesen („Typisch Willy“), habe unmittelbar nach seiner Rückkehr ihren Mann darauf angesprochen. Der habe nur geknurrt: „Irgendetwas musste man tun.“

Unter all den Brandtschen Mythen aber nehmen die Gründe für den Rücktritt den Spitzenplatz ein: Wahlweise lag’s an den  Frauengeschichten, dem Spion, den Depressionen. Die Entdeckung des DDR-Agentenehepaars Christel und Günter Guillaume in unmittelbarer Nähe des Kanzlers 1973 mag der halboffizielle Anlass für die Demission gewesen sein. Der Umstand, dass Guillaume einen Sommerurlaub gemeinsam mit Familie Brandt im norwegischen Hamar verbrachte, beförderte den Mythos vom „folgenschwersten Kanzlerurlaub in der Geschichte der Bundesrepublik“. Heute wissen wir, dass von Guillaumes Berichten aus Hamar kein einziger in Ost-Berlin angekommen ist. Offenbar hatte die DDR-Staatssicherheit gar nicht bemerkt, welche „Sternstunde“ ihr Agent da erleben durfte.

Wenn es der Agent nicht war und die Frauen es auch nicht waren – im Nachhinein hat sich auch da so manche Geschichte als Halbwahrheit von Geltungssüchtigen entpuppt –, was war es dann? Vermutlich ein ziemlich nüchterner Anlass. Kurz bevor der tief verunsicherte Kanzler seinem Nachfolger Helmut Schmidt eröffnete „Du musst es machen“, worauf dieser ihn anbrüllte, er könne nicht einfach von der Fahne gehen, tagten in der Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bad Münstereifel bei Bonn an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden die DGB-Spitze und die Chefs der Einzelgewerkschaften mit dem Kanzler. Die Gewerkschafter übten harte Kritik an Brandt. Er lasse die Zügel schleifen und lasse vieles zu, was die über Jahrzehnte mühsam aufgebaute Macht der Arbeiterklasse gefährde. Aus diesem Vorwurf ist bei Brandt ein Gefühl der Aussichtslosigkeit gewachsen, das schließlich zum Rücktritt führte.

Die soziale Gerechtigkeit, darauf verweist Brandt-Sohn Peter („Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt.“ Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2013. 279 Seiten, 24,90 Euro), sei nie der treibende Gedanke seines Vaters gewesen. Die Schlussfolgerung des Historikers könnte eine Handreichung für die heutige Führungsriege der SPD sein. Auch heute müsse die SPD wieder auf ein breiteres Fundament gestellt werden, das neben „Gerechtigkeit“ deutlicher und gleichgewichtiger die unternehmerische Herausforderung der Globalisierung stellt. Denn nur mit den Unternehmen könnten der Erhalt der Arbeitsplätze und die Selbstbehauptung in der globalisierten Wirtschaft gelingen. Die wichtigsten Berater seines Vaters seien 1969 nicht Sozialpolitiker, sondern Ökonomen wie Karl Schiller und Unternehmer wie Alex Möller gewesen. Sie gewannen dann letztlich die Wahl – übrigens aus einer Großen Koalition heraus.

Es bleibt aber auch dies: Wir glauben viel zu wissen über Willy Brandt und übersehen dabei gern, dass das Faszinierende an diesem großen deutschen Politiker seine Unnahbarkeit war. Bis heute.

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