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Deutschland / Welt Wir alle sind Nobelpreisträger
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21:01 12.10.2012
Europäer auf der Rathaustreppe in Hannover.
Europäer auf der Rathaustreppe in Hannover. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

 „Als ich heute früh aufwachte, rechnete ich nicht damit, dass dies ein so guter Tag werden würde“, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Eine „unglaubliche Ehre“, jubelte der sonst so verhaltene EU-Präsident Herman Van Rompuy über den Triumph für die Europäische Union. „Wir sind Nobelpreis“, triumphierte der FDP-Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff.

Mitten in ihrer sicher schwersten Krise wurde die EU von dieser Auszeichnung überrascht. „Sechs Jahrzehnte Frieden“ waren dem Preiskomitee im Nicht-EU-Land Norwegen Grund genug für die Auszeichnung. Dabei ging es am Anfang in Europa weniger um Frieden als darum, einen neuen Krieg unmöglich zu machen. Der berühmte Plan des französischen Außenministers Robert Schuman sah nämlich vor, die für die Rüstung zentralen Wirtschaftszweige Kohle und Stahl unter eine Aufsicht zu stellen, die er Kommission nannte. Diese Montanunion war ein Kind des Krieges. Und im Zeichen des Hungers nach dem Krieg entstand schnell die nächste Idee: Auch die Landwirtschaft sollte europäisch werden, um alle Menschen versorgen zu können. 1957 schufen die Römischen Verträge die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die 1992 zur EU mutierte. Nach dem Mauerfall orientierten sich viele osteuropäische Staaten an Westeuropa und drängten in die Union. 2004 wuchs die Familie auf 27 an – ein gemeinsamer Markt mit 500 Millionen Menschen, größer als die USA.

Eine Auszeichnung für 27 Staaten und 500 Millionen Menschen – das ist selbst in der Geschichte des Nobelpreises einzigartig.

Offene Grenzen wurden zur Triebfeder der modernen EU. Heute exportiert die Bundesrepublik rund 63 Prozent ihrer Ausfuhren in benachbarte EU-Länder, jeder sechste deutsche Arbeitsplatz ist vom Binnenmarkt abhängig. Fünf Milliarden Euro überweist Brüssel noch heute jedes Jahr an die Bundesrepublik, um Firmenansiedlungen, Tourismus oder Umweltprojekte zu fördern sowie die Infrastruktur zu verbessern. Allein die Harmonisierung der unterschiedlichen Vorschriften für Güter und Produktgruppen – aus 27 Ländervorschriften wird eine – erspart den deutschen Betrieben Jahr für Jahr bis zu 50 Milliarden Euro, haben Statistiker in Brüssel ausgerechnet. Eine Erfolgsgeschichte.

Vor allem aber blieb die EU immer ein Friedensprojekt. „Wer an Europa zweifelt, sollte öfter Soldatenfriedhöfe besuchen“, lautet ein berühmter Satz des luxemburgischen Premiers und Euro-Gruppen-Chefs, Jean-Claude Juncker. Er wäre eine Zierde für die Nobelpreis-Urkunde. Denn die Union hat sich längst auch auf der Weltbühne als gewichtige Größe einen Namen gemacht. Im Nahost-Quartett sitzen Europäer mit Russland und den USA neben UN-Vertretern. Europa ist heute größter Zahler von Entwicklungshilfe für arme Länder.

Europa als Friedensmodell für die Welt hat außerhalb der Grenzen durchaus Konjunktur. Die Afrikanische Union gilt unter Beobachtern als Kopie der EU auf dem Schwarzen Kontinent. Und während in Europa über den Euro gestritten wird, leihen sich Regionen in Asien von der Kommission deren Experten für eine Gemeinschaftswährung aus – um eine Art Asia-Euro zu installieren.