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Deutschland / Welt "Wir brauchen keine Demokratie"
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00:07 03.11.2009
Der Profiteur der Krise Karsai bleibt weiter afghanischer Präsident. Quelle: ddp
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Er will dichtmachen. „So schnell wie möglich“, sagt Boris Wojahn. Gleich morgen fährt der 32-Jährige weiter nach Kundus, heute genießt er noch die Herbstsonne Kabuls in einem Gartenlokal hinter hohen Mauern und Stacheldraht. „Keine Waffen“, steht am Einlass, wo Wachen mit Gewehren jeden Gast kontrollieren. Wojahn ist ein Kumpeltyp, einer, der nicht in den gedrechselten Floskeln der Diplomaten redet, sondern die Dinge beim Namen nennt. Nur wenige Deutsche haben die vergangenen Jahre in Afghanistan so hautnah miterlebt wie dieser Mann aus Braunschweig. Erst war er als Koch bei der Bundeswehr in Kabul stationiert, dann, 2003, hat er in Kundus die Herberge „Lapislazuli“ eröffnet.

Seitdem war das „Lapis“ eine Institution, eine Oase für Ausländer, die im unwirtlichen Kundus zu tun haben, mit sauberen Betttüchern, Duschen und deutscher Kost von Bratkartoffeln bis zum Schnitzel. Doch nun laufen die Geschäfte immer schlechter. Immer weniger Ausländer trauen sich noch in die Region. Kundus, das einst als sicherer Hort galt, ist zur neuen Kampffront geworden. Die Taliban haben die Bundeswehr als Ziel entdeckt. Und verstärkt würden sie von tschetschenischen Kämpfern, sagt Wojahn. Anfangs seien die deutschen Soldaten noch durch die Straßen gelaufen. Daran sei nicht mehr zu denken.

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Nun sind die Deutschen vollauf damit beschäftigt, sich selbst zu beschützen – und igeln sich nachts im Lager ein. „Seit 2007 sehe ich es nur noch bergab gehen“, sagt Wojahn. Es klingt frustriert. Er ist nicht der Einzige, der schwarzsieht für dieses wilde, schöne Land, das sich westlichen Vorstellungen so sehr entzieht. Auch die Jugend verliert die Hoffnung, und Afghanistan verliert seine Hoffnungsträger. „Junge Leute, die was im Kopf haben, verpissen sich“, sagt Wojahn. Nur die Ungebildeten und Armen blieben zurück.

Sogar in Kabul fühlt man sich dieser Tage wie auf einem sinkenden Schiff. Das zwei Monate währende Wahlchaos hat das Gefühl des Niederganges noch verstärkt. Die Taliban bombten immer wieder, auch mitten in Kabul. In Scharen haben Ausländer – Helfer, Diplomaten, UN-Mitarbeiter und Geschäftsleute – Stadt und Land verlassen. Die Afghanen aber müssen bleiben. Die Angst vor Terror ist allgegenwärtig, es wimmelt von Kontrollen: Soldaten, die mit ihren vor den Mund gebundenen Tüchern eher wie wilde Milizen aussehen, kreuzen auf Jeeps durch die Straßen. Und über der Stadt schwebt, einem gigantischen Goldfisch gleich, ein Zeppelin am Himmel, der aus der Luft das Botschaftsviertel überwacht. Nur von Wahlkampffieber spürte man nichts, selbst in Kabul nicht. Und das nahm wohl schon vorweg, was am Ende passierte. Nach zwei Monaten ging das Trauerspiel um die Wahl in den letzten Akt. Gestern wurde die Stichwahl offiziell abgeblasen, nachdem Abdullah Abdullah, der Herausforderer von Präsident Hamid Karsai, seinen Rückzug erklärt hatte.

Viele Afghanen atmen deshalb jetzt auf. Zu absurd und unsinnig schien es, dass sie bei einer Wahl ihr Leben riskieren sollen, bei der sie keine Wahl haben. Während der Westen sich über den Wahlbetrug erregte und die Legitimität der Regierung debattierte, wollten die meisten Afghanen am Ende diese Posse wohl nur noch hinter sich haben. „Die Menschen hatten diese Wahlen satt“, sagt der Paschtune Mirwais, während er die Wespen verscheucht, die das Glas Fanta seiner kleinen Tochter umschwirren. Mirwais ist erst 26 Jahre alt, aber schon Witwer. Seine junge Frau starb, wahrscheinlich an Nierenleiden, und auch das sagt viel aus über den Zustand Afghanistans. Die Afghanen seien sauer, dass die Vereinten Nationen (UN) für dieses Wahltheater Millionen verpulverten, sagt Mirwais. Das Geld solle besser in den Aufbau fließen. „Niemand wollte eine zweite Runde. Nur die Ausländer.“ Obgleich er den Paschtunen Karsai unterstützt, wäre auch Mirwais der Stichwahl ferngeblieben. Zu gefährlich, meint er. Das hörte man allenthalben. Die allermeisten Afghanen hatten keine Lust, erneut ihr Leben zu riskieren. „Warum soll ich wählen gehen?“, schnaubt auch der Kellner Ahmed. Der 25-jährige Hazara mit den hohen Wangenknochen klingt, als habe man ihm eine fast anstößige, jedenfalls sehr dumme Frage gestellt.

Das Restaurant im Herzen Kabuls, in dem er kellnert, wirkt wie ein Mikrokosmos des Landes – zwischen Kalaschnikow-Kultur, Islam und neuen Freiheiten. An der Wand hängen altertümliche Gewehre, während auf einem modernen Flachbildschirm tadschikische Popvideos laufen – mit Mädchen in Miniröcken und mit tiefen Dekolletés. Zwar hat die Zensurbehörde das nackte Frauenfleisch überblenden lassen, aber allein, dass die Videos gezeigt werden, wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. In den Taxis dudelt nun Musik, am Freitag fliegen über Kabul wieder bunte Drachen am Himmel. All das war unter den Taliban verboten.

Die Wahlen haben fast alle enttäuscht: „Was ist aus meiner Stimme geworden?“, empört sich der Hazara Ahmed. Er glaubt, dass Karsais Leute seinem Kandidaten die Stimmen gestohlen haben. Mirwais sieht das – wie viele Paschtunen, die mit 45 Prozent die größte Volksgruppe stellen – völlig anders. Der Westen habe Karsai durch falsche Betrugsvorwürfe den verdienten Sieg im ersten Wahlgang geraubt, glaubt er. Er versteht die Aufregung um die Stimmfälschung nicht: „Ein bisschen Wahlbetrug gibt es doch überall.“

Die Sieger sind die Taliban. Sie haben mit Anschlägen nicht nur gezeigt, dass selbst Kabul nicht sicher ist. Sie verhöhnen den Endlosstreit um die Wahlen als „Seifenoper“. Fraglos hat das zweimonatige Trauerspiel die junge Demokratie nicht gestärkt. Die Sehnsucht nach dem starken Mann wächst. „Afghanistan braucht einen Hitler“, sagt Mirwais, wobei man wissen muss, dass viele in Südasien, auch in Indien etwa, Hitler nicht als Massenmörder, sondern vor allem als starke Führungspersönlichkeit sehen. Auch Ahmed meint: „Wir brauchen keine Demokratie. Wir brauchen einen Pinochet, einen Fidel Castro oder einen Atatürk.“ Auch Demokratiebefürworter sagen hinter vorgehaltener Hand Ähnliches, formulieren es nur indirekter. Notwendig sei ein von den UN eingesetzter Präsident, nicht ein gewählter – so urteilt ein Bürgerrechtler, der nicht namentlich zitiert werden will. „Karsai und Abdullah müssen weg.“

Die wahren Verlierer dieser Wahl sitzen nicht in Afghanistan, sondern in den USA und Europa. Der Westen hat den Einsatz am Hindukusch zu Hause mit dem Kampf für die Demokratie gerechtfertigt. Dabei wurde von Anfang an verkannt, dass sich eine mittelalterliche Stammesgesellschaft nicht binnen weniger Jahre umgestalten lässt. „Die Afghanen wollten dieses System nicht“, sagt Wojahn. „Die haben ihre eigene Art, die Dinge zu regeln.“

Nun hat das Wahlfiasko die Kritik am Afghanistan-Einsatz im Westen noch angeheizt. Sinnfragen stehen im Raum: Was macht der Westen in Afghanistan? Ist Afghanistan überhaupt noch zu retten? Und wenn ja, wie? Die Aufregung um den Wahlbetrug wird sich in Afghanistan schneller legen, als der Westen denkt. Aber das Land steckt in der Krise – politisch, militärisch, wirtschaftlich. Der Westen macht es sich zu bequem, wenn er alle Missstände Karsai und seiner korrupten Regierung anlastet. Auch die Weltgemeinschaft hat keinen Grund zum Stolz. In zwei Jahren sind die Amerikaner und ihre Verbündeten genauso lange da, wie es die Russen waren, bevor sie 1989 gedemütigt abzogen. Und der Vergleich fällt allzu günstig aus. „Die Russen haben viel für die Allgemeinheit getan“, sagt Wojahn. Sie haben Straßen und Wohnblocks mit Zentralheizung gebaut. In Afghanistan, wo die Temperatur im Winter 30 Grad unter null sinken kann, ist das ein Traum.

Heute blüht in Afghanistan vor allem das Opiumgeschäft, und das direkt unter den Augen der internationalen Truppen. Es halten sich böse Gerüchte, dass manche sogar an den Drogen mitverdienen. Der Aufbau geht dagegen viel zu oft nur schleppend voran. Die internationale Gemeinschaft scheint oft unkoordiniert nebeneinanderher zu arbeiten und sich zu verzetteln. Nur 20 Prozent der Finanzhilfen kämen bei den Afghanen an, schätzen Experten. 80 Prozent der Gelder flössen dagegen in die Geberländer zurück, weil diese die Aufträge eigenen Firmen oder Hilfsorganisationen zuschusterten. Bis heute hapert es am Nötigsten. Afghanistan braucht Straßen, Strom und Jobs. „Und die Menschen“, sagt Boris Wojahn, „brauchen was zum Futtern, was zum Heizen im Winter, Schulen und medizinische Grundversorgung.“

von Christine Möhlhoff