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Deutschland / Welt „Wir müssen das als Partner durchstehen“
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09:54 10.08.2012
US-Botschafter Philip D. Murphy. Quelle: dpa
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Berlin

Als US-Präsident Barack Obama vor vier Jahren an der Berliner Siegessäule gesprochen hat, war die Euphorie gewaltig. Inzwischen herrscht nicht nur diesseits des Atlantiks Enttäuschung. Was ist falsch gelaufen?

Man darf bei aller Kritik nicht vergessen, mit welchen gigantischen Erwartungen Barack Obama gestartet ist. Trotzdem gilt: Diese Regierung hat Historisches geleistet. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es eine Gesundheitsreform, und wir haben Gesetze zur Bankenregulierung verabschiedet. Dies alles in einer Zeit, die vielleicht so hart ist wie die große Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

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Altkanzler Helmut Schmidt hat gerade kritisiert, dass die Obama-Regierung bislang eine echte Bankenregulierung verhindert.

Ich kenne ihn gut und habe großen Respekt vor Helmut Schmidt. Ich glaube, er hat Folgendes nicht bedacht: Wir haben zahlreiche Gesetze zur Regulierung auf den Weg gebracht. Die Wall-Street hat sich in den letzten Jahren dramatisch geändert.

Das ist bei vielen Menschen aber noch nicht so angekommen.

Es gibt ja auch noch genug zu tun. Wir brauchen mehr Transparenz, vor allem bei den Derivaten. Dort müssen die Scheinwerfer hinleuchten.

Die Amerikaner wollen, dass Deutschland zur Rettung der Euro-Zone noch mehr Geld in Schuldenstaaten pumpt, die Bundesregierung setzt auf Struktur­reformen. Wie lange hält die deutsch-amerikanische Freundschaft diese Belastungsprobe noch aus?

Zunächst einmal: Wir haben nie gesagt, dass Deutschland nicht genug tut. Im Gegenteil, wir sagen seit Langem, dass ­Europa es selbst in der Hand hat, diese Krise zu meistern. Das ist allerdings angesichts so vieler Mitgliedsländer nicht einfach. Ich werde als ehemaliger Banker oft gefragt, ob mich die Euro-Krise überrascht. Nein, mich überrascht, dass sie erst jetzt da ist. Wenn 17 Länder dieselbe Währung haben, aber ansonsten kaum verbunden sind, ist das kein Wunder. Man setzt ja auch kein neues Dach auf ein Haus, wenn die Strom- und Wasserleitungen noch nicht verlegt sind.

Was erwarten die USA?

Europa braucht ein Wachstums- und Jobprogramm. Nur das ist der Motor, der aus der Krise führt. Außerdem ist eine ­gemeinsame Haushaltspolitik dringend nötig.

Ihr Tipp als ehemaliger Spitzenbanker bei Goldman Sachs?

Man darf für die Märkte nicht berechenbar sein, muss etwas Unerwartetes tun. Das funktioniert. Sie erwarten zum Beispiel nicht, dass Europa als Kollektiv zurückschlägt.

Warum soll sich Deutschland überhaupt Ratschläge aus den USA zu Herzen nehmen, die selbst mit Schulden von 16 Billionen Dollar kämpfen?

Ganz einfach: Wir müssen das als Partner durchstehen. Schließlich ist auch unsere Wirtschaft bedroht, wenn es Europa schlecht geht. Die OECD sagt: Die größte Bedrohung für die globale Wirtschaft geht zurzeit von Europa aus. Nur weil wir viele Schulden haben, heißt das nicht, dass wir unsere Meinung nicht mehr ­äußern dürfen.

Aber es fehlt die Autorität.

Unser Haushaltsdefizit ist in diesem Fall irrelevant. Wir brauchen in den USA schlicht stärkeres Wachstum. Europa hingegen hat keine Haushaltskrise, sondern eine echte Wirtschaftskrise – und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Kommen Obama und Merkel trotz dieser Spannungen miteinander aus?

Sie haben eine tiefe, vertrauensvolle Beziehung mit großem gegenseitigen Respekt – und zwar seit dreieinhalb Jahren. Glauben Sie nicht daran, wenn das Gegenteil behauptet wird.

Was haben die beiden eigentlich gemeinsam?

Die beiden sind von außen betrachtet tatsächlich sehr unterschiedlich, nicht nur vom Stil. Aber im Innersten greifen die gleichen Zahnräder ineinander. Sie sind gleich gestrickt: analytisch, logisch, an Ergebnissen orientiert. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Bundeskanzlerin gelernte Physikerin und Präsident Obama Verfassungsrechtler ist. Aber es ist einfach so.

Sie sehen in der Kanzlerin trotz zunehmender Isolation in Europa eine globale Führungskraft?

Angela Merkel zählt zu den verlässlichsten Regierungschefs überhaupt. Sie ist eine felsenfeste Verbündete der Vereinigten Staaten. Das war sie, das ist sie, und das wird sie immer bleiben. Ich habe enormen Respekt vor ihr. Und ich liebe natürlich die Tatsache, dass sie Fußballfan und Ehrenmitglied bei Energie Cottbus ist.

Treibt es Ihnen als erfolgreichem Spendeneintreiber für Obamas Kampagne 2008 eigentlich die Tränen in die Augen, wenn Sie sehen, mit welch magerem Wahlkampfbudget Kanzlerin Merkel auskommen muss?

Nein, die Geldsummen im amerikanischen Wahlkampf haben inzwischen ein Niveau erreicht, das jede Grenze sprengt. Das ist nicht gut. Wir werden niemals Wahlkämpfe machen mit so wenig Geld wie in Deutschland. Aber ich hoffe, wir haben irgendwann wieder ein ausge­wogeneres System.

Viele Deutsche verstehen nicht, warum es nach den aktuellen Amokläufen und Schießereien in den USA keine breite Mehrheit für schärfere Waffengesetze gibt.

Viele Amerikaner verstehen dies auch nicht – und ich bin einer davon. Ich habe kein Problem mit Jägern, doch das hier ist etwas ganz anderes. Hier geht es um die Tötung von Kindern mit halbautomatischen Waffen. Aber das Recht auf Waffenbesitz gehört zu den Grundpfeilern in unserem Land, und die Verteidiger dieses Verfassungsrechts sind sehr effektiv.

Interview: Maja Heinrich und Frank Lindscheid

Zur Person: Philip D. Murphy ist seit August 2009 US-Botschafter in Deutschland. Der Multimillionär war über 20 Jahre in der Führungsspitze der Bank Goldman Sachs, Kassenwart der Demokratischen Partei und besitzt in den Vereinigten Staaten einen Profi-Frauenfußballverein. Der gebürtige Bostoner gilt als Vertrauter von US-Präsident Barack Obama.

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